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Zum Tode von Harry Valérien : Unangepasster Serienheld

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Beim ZDF wurde Harry Valerien zu einem Mitbegründer des „Aktuellen Sportstudios“ Bild: dpa

Er bestach durch seine klarsichtige Urteilskraft und seinen Mut zur Meinung. Sportreporter Harry Valérien war einer der prägenden Köpfe des ZDF und Mitbegründer des „Aktuellen Sportstudios“. Nun ist er im Alter von 88 Jahren gestorben.

          Bei ihm fühlten sich die Menschen wohl, obwohl Harry Valérien auch ungemütlich werden konnte. Eine gewisse Strenge, eine Spur Unnachgiebigkeit und ein Hauch von Unnahbarkeit gehörten genauso zu dieser Ikone des Fernsehens wie sein bayerischer Charme, sein Unterhaltungstalent und seine Spontaneität als Reporter.

          „Sappradi“, entfuhr es dem gebürtigen Münchner immer wieder, wenn er als Reporter alpiner Skirennen Stürze kommen sah oder kommentieren musste. Valérien selbst war einer der prägenden Köpfe des Zweiten Deutschen Fernsehens, als der Sport noch in seiner Gänze gespiegelt wurde und nicht nur nach Fußball, Fußball, Fußball aussah.

          Der 1962 vom Bayerischen Rundfunk zum ZDF gewechselte Valérien war ein Jahr später einer der Mitbegründer des „Aktuellen Sportstudios“, das er von 1963 bis 1988 in 283 Ausgaben moderierte. Dabei wurde er selbst zu einem Serienhelden für die ganze Familie, da das „Sportstudio“ damals, so der leidenschaftliche Sportjournalist, eine Sendung war, „die Männer sehen wollen und Frauen sehen müssen; also muss ich mir vor Augen halten, dass die ganze Familie vor dem Bildschirm sitzen könnte“.

          Auch, um Gastgeber Valérien und nicht nur die Gaststars aus der Welt des Sports zu sehen. Der Bayer mit den bunten Pullovern, dem es wie dem früheren Außenminister Hans-Dietrich Genscher die Farbe Gelb angetan hatte, erklärte seinem Publikum das, was die Athleten zu ihren Spitzenleistungen antrieb, und stellte ihnen oder den Funktionären des Sports Fragen, denen seine Gesprächspartner nicht ausweichen konnten.

          Harry Valérien, damals Sportsprecher des Bayerischen Rundfunks

          Dieter Kürten, der mit Valérien,  Wim Thoelke und Hanns Joachim Friedrichs zu den Urgesteinen des „Sportstudios“ gehört, beschrieb seinen Kollegen einmal so: „In seiner kontrolliert-provokanten Art schaffte er es fast immer, seine Gesprächspartner hartnäckig zu bedrängen. Er hakte nach, formvollendet im Ton, doch unerbittlich in der Sache.“

          Genau so war er, der Mann, dessen weich gerolltes bayerisches R eine vokale Gemütlichkeit vortäuschte, die sich Valérien nur ab und zu erlaubte. Er, der außer 1956 von 1952 bis 1996 von allen Olympischen Spielen berichtete, war selbst ein Hochleistungsbegleiter des Spitzensports, der auch aus einem nicht selten moralischen Impetus vor allem aufklären und erst danach unterhalten wollte.

          Uwe Seeler (links) und Sportmoderator Harry Valérien 1974 in der ZDF-Show „Zu Gast bei 16 Nationen“ vor die Eröffnung der WM

          Das schloss nicht aus, dass ihn sein brennender Ehrgeiz zu einer Show-Wette verleitete, die er gegen Werner Lampe, den Olympiadritten von 1972 über 200 Meter Freistil, sogar gewann. Valérien, in jungen Jahren ein guter Schwimmer, stieg mit 49 Jahren, angetrieben von Schwimmflossen, ins Bassin und schlug am Ziel des Rennens eine Zehntelsekunde vor Lampe an: „Sappradi!“.

          Der allzeit wissensdurstige, unangepasste Generalist im „Sportstudio“ und Reporter-Spezialist im alpinen Wintersport, im Schwimmen, später auch im Golf bestach durch seine klarsichtige Urteilskraft und seinen Mut zur Meinung. Was zerstörerisch für seinen geliebten Sport anmutete, prangerte er stets couragiert an. So erkannte er zu einer Zeit, da über Doping im Sport eher geraunt als geredet wurde, schon früh die Gefahr dieser unlauteren und gefährlichen Wettbewerbsverzerrung.

          Valerien 2004 mit seiner Frau Randi in München bei der Gala-Premiere des „Großen Russischen Staatscircus“

          Als Valérien 1988 zum letzten Mal das „Aktuelle Sportstudio“ moderierte, verließ ein Juwel das ZDF, das sich ungern in aller Öffentlichkeit feiern ließ. Trotzdem wurde er mit Auszeichnungen – so bekam er gleich dreimal die Goldene Kamera – überhäuft. Am Freitag ist er im Alter von 88 Jahren gestorben.

          Sein letzter Abend war noch einmal ein schöner oberbayerischer Abend im Kreise alter Weggefährten und Skirennfahrer. Auf der Rückfahrt mit seiner Frau Randi und seinem Schwiegersohn zu seinem Haus am Starnberger See schlief der Vater zweier Töchter im Auto auf dem Beifahrersitz still ein. Sein Tod kam sanft und berührt Millionen Menschen, da Harry Valérien auch ohne Bildschirmpräsenz längst zu den unvergesslichen, weil vollkommen authentischen Größen seines Metiers gehörte.

          Über Jahrzehnte hatte Valérien den Sportjournalismus im deutschen Fernsehen geprägt

          Seine Autorität blieb abgekoppelt von höchsten Posten. Deshalb lehnte er 1983 das Angebot, die ZDF-Sportredaktion zu leiten, ab. „Ich bleibe lieber Reporter“, begründete er seine Entscheidung, „das sagt mir mehr zu als jede Verwaltung.“ Der Mann, Typ geborener Chef, hatte ein gutes Gespür und wusste genau, was für ihn und seine Zuschauer richtig und wichtig war. Roland Zorn

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