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Zum Tod von Roger Bannister : Explodiertes Blitzlicht

Nach 3:59,4 Minuten am Ziel: Roger Bannister Bild: AP

„Und die Zeit ist drei ...“ Der Rest ging im Jubel unter. Mit dieser Ziffer war die größte Schallmauer der Leichtathletik Vergangenheit. Der sie durchbrach, Roger Bannister, ist nun gestorben.

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          Die umständlichste Ergebnisankündigung der Sportgeschichte blieb unvollendet. „Das Resultat von Rennen Nr. 9 im Duell zwischen der Universität Oxford und der Amateur Athletic Association: Platz eins für R. G. Bannister, Amateur Athletic Association und ehemals Exeter und Merton Colleges, in einer Zeit, die, ihre Anerkennung vorausgesetzt, Bahnrekord darstellt, englischen Rekord, britischen Rekord, europäischen Rekord, Weltrekord. Und die Zeit ist drei ...“ Der Rest ging im Jubel unter. Denn mit dieser einen Ziffer war die größte Schallmauer der Leichtathletik Vergangenheit. Der sie durchbrach, Roger Bannister, ist nun im Alter von 88 Jahren gestorben.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          An einem windigen, regnerischen Donnerstag im Frühling 1954 hatte der 24-jährige angehende Arzt die morgendliche Runde in einem Londoner Hospital gedreht, den Bummelzug nach Oxford bestiegen und um 18 Uhr vier Runden auf einer Aschenbahn gedreht. Schon war er weltberühmt. Dieser Ruhm blieb zwar im Rest Europas, der seit Napoleon seine Fortschritte im metrischen System misst, schwer nachvollziehbar. Doch im britisch geprägten Teil der Welt, wo die alte römische Einheit für tausend Doppelschritte immer noch das Maß der Dinge ist, gilt „Bannisters Meile“ bis heute als Meilenstein des Sports, ja der Geschichte.

          Bannister war nie Olympiasieger, er hörte schon ein Jahr später auf, um als Arzt zu arbeiten, und sein Rekord hielt nur 46 Tage. Sein Lauf wäre unter normalen Umständen Fußnote für athletische Kompendien geblieben. Doch unter den Gegebenheiten seiner Zeit wurde sie zum epochalen Ereignis. In der britischen Öffentlichkeit hatte man die Jagd nach der Drei-Minuten-Meile eher wie zwei Generationen zuvor Captain Scotts tragisches Rennen zum Südpol verfolgt; oder wie im Jahr zuvor Hillarys und Norgays Attacke auf den Mount Everest. Man wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, dass sie einer erreichte – aber auch, dass der Ruhm nur dem Ersten bliebe.

          Der Zweite, der die Meile unter vier Minuten lief, 1,5 Sekunden schneller als Bannister, war der Australier John Landy, kaum sechs Wochen später. Ihn kennt niemand mehr. Weil er wusste, dass Landy unterwegs nach Europa war, um die Vier-Minuten-Marke zu attackieren, wagte Bannister trotz unsicheren Wetters den Rekordversuch. Als er die Ziellinie mit schmerzverzerrtem Gesicht und geschlossenen Augen erreichte, fühlte er sich „wie ein explodiertes Blitzlicht“.

          Roger Bannister: 1929-2018. Am zwanzigsten Jahrestag seiner „Schallmauer-Durchbrechung“ betrachtet er selbst sein Siegerfoto von 1954.
          Roger Bannister: 1929-2018. Am zwanzigsten Jahrestag seiner „Schallmauer-Durchbrechung“ betrachtet er selbst sein Siegerfoto von 1954. : Bild: AP

          Den grellen Ruhm, den ihm dieser strahlende Moment brachte, fand Bannister zeitlebens übertrieben. Als größere Leistung sah er seine vierzigjährige Arbeit als bedeutender Neurologe. Und auch die als Sportfunktionär: Als Chef des britischen Sport Council entwickelte er mit Forscherkollegen 1972 den ersten Urintest gegen Anabolika-Doping, der aber zu seiner Enttäuschung von den Weltorganisationen des Sports erst viel später konsequent umgesetzt wurde.

          Mit Sir Roger Bannister starb der „letzte Gentleman-Athlet“, so der „Guardian“. Verdient hat Bannister mit seinen Siegen keinen Penny. Und konnte am Ende seines Lebens doch mit eigener Münze zahlen. Zum fünfzigjährigen Jubiläum der Bannister-Meile brachte die Bank of England eine 50-Pence-Münze heraus. Auf der Rückseite zwei Läuferbeine und jene epochale Zahlenfolge, die damals nach der ersten Ziffer niemand mehr hörte: 3:59,4.

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