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Zu Besuch bei Nowitzki : Döööööörk!

Durchsetzungsstark: Dirk Nowitzki bleibt der Chef der Mavs Bild: imago sportfotodienst

Wenn Dirk Nowitzki in Dallas das Parkett betritt, jubeln die Zuschauer. Der deutsche Basketballprofi mit der Nummer 41 ist und bleibt der Kopf der Mavericks.

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          Auf einmal wird es dunkel in der Arena, Lichtblitze flackern über das Parkett, Donnerschläge knallen aus den Lautsprechern. „Number 41!“, ruft der Hallensprecher ins Mikrophon. „The tall German!“ Momente später federt der große Deutsche auf das Parkett, klatscht seine Mitspieler ab, die Zuschauer jubeln, sie schreien: „Döööööörk!“ So nennen sie ihn hier in Dallas: die Taxifahrer, die Frauen im Fanshop, die amerikanischen Reporter.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Und immer wenn sie seinen Namen so aussprechen, schwingt eine Menge Bewunderung mit für den Mann, der seit 1999 für die Mavericks in der nordamerikanischen Basketball-Profiliga NBA spielt und längst zu ihrem Gesicht geworden ist. „Er hat dieses Haus hier gebaut“, sagt der Security-Mann am Eingang und breitet die Arme aus: das American Airlines Center, eröffnet im Sommer 2001, entstanden für rund 460 Millionen Dollar.

          Mehr Pausen - aber Nowitzki bleibt der Kopf

          Montag Abend, die Dallas Mavericks spielen gegen die Philadelphia 76ers, und knapp 20.000 Zuschauer sind gekommen. Es ist das elfte Spiel der Saison, erst nach 82 Partien ist die Vorrunde vorbei, dann beginnen die Play-offs. Und bis dahin wird immer weiter gespielt: an diesem Mittwoch gegen Houston, Freitag gegen Utah und am Samstag in Denver - vier Spiele in einer Woche bedeuten den ganz normalen Wahnsinn in der NBA. Nowitzki ist inzwischen 35 Jahre alt, all die Reisen und die harten Spiele gehen nicht mehr spurlos an ihm vorbei.

          Übersicht: Dirk Nowitzki im Spiel gegen Philadelphia

          Er braucht während der Partien inzwischen mehr Pausen als in der Vergangenheit. Aber er bleibt der Kopf seines Teams. „Wir wissen hier alle, was wir an Dirk haben“, hat Mavericks-Coach Rick Carlisle knapp zwei Stunden vor dem Spiel gegen Philadelphia gesagt. Er trug einen blauen Trainingsanzug, als er vor die Reporter trat; er lächelte nicht ein einziges Mal.

          70 Euro fürs Trikot

          Nun steht Carlisle an der Seitenlinie, er trägt inzwischen Anzug und Krawatte, aber er lächelt noch immer nicht. Die Mavericks liegen zurück, 0:8 steht nach knapp vier Minuten auf dem großen Videowürfel, dann nimmt sich Nowitzki den Ball - und trifft mit einem Sprungwurf. Dreißig Sekunden später steht er beinahe sieben Meter vom Korb entfernt, aber auch der Drei-Punkte-Wurf rauscht durch den Ring. „Döööörk!“, schreien die Leute auf den Tribünen. Nowitzki hat das Basketball-Spiel verändert, als er in die NBA kam. 2,13 Meter ist er groß, Leute wie er gehörten noch vor Jahren als Center unter den Korb, außen spielten nur die kleinen und schnellen Typen. Nowitzki aber beherrschte alles. „He‘s a dynamite player“, sagt Crystal Vasquez, die für die Homepage der Mavericks schreibt. Eine schöne Formulierung, die keiner Übersetzung bedarf.

          Der Trainer: Rick Carlisle baut auf „Döööörk“

          Crystal ist 26 Jahre alt, sie ist groß geworden mit Basketball, mit Spielern wie Michael Jordan, Shaquille O’Neal oder Tim Hardaway. Doch Nowitzki hat es ihr besonders angetan. „Wenn er da ist, dann verändert das oft alles in einem Match, dann ist die ganze Story auf einmal eine andere“, sagt sie. „Er ist einer, von denen es nicht viele gab in der NBA.“ Siebzig Euro kostet das Trikot des Deutschen im Fanshop, keines wird häufiger verkauft. Außerdem gibt es Nowitzki-Basecaps, -Schlafanzüge und -Becher.

          Das Original steht auf dem Parkett und versucht immer wieder, Ordnung in das Spiel seiner Mannschaft zu bringen. Seit dem Spielbeginn liegen die Mavericks zurück: 10:16, 25:35, 39:47, 60:67. Viele im Publikum aber kümmert das wenig. Sie essen Popcorn aus Rieseneimern, trinken Cola aus Ein-Liter-Bechern, manche telefonieren, andere twittern oder fotografieren sich gegenseitig. Und wenn der Hallensprecher sagt, dass sie klatschen, jubeln oder sich gegenseitig küssen sollen, dann klatschen sie, jubeln oder küssen sich.

          Im fünften Heimspiel ungeschlagen

          Ganz unten, im Bauch der Arena, stehen die Cheerleader der Mavericks Dancers hinter den Stahltribünen. Blonde, brünette und rothaarige Frauen in kurzen Tops und engen Höschen. „Ihr müsst euch konzentrieren“, sagt ihre Trainerin. Auszeit von Carlisle, jetzt ist es ihr Auftritt. Aus den Lautsprechern wummern die Bässe, jede ihrer Bewegungen ist einstudiert, und es ist vorgegeben, dass sie ihre langen Haare offen tragen, weil das besser aussieht auf den Bildern. Und selbst ihre Dekolletés sind geschminkt. Sie tanzen, werfen den Kopf in den Nacken, und sie tragen dieses Dauerlächeln im Gesicht.

          Nowitzki steht mit dem Rücken zum Feld, er hat keinen Blick für das, was passiert. Selbst die Zuschauer nehme er kaum war, hat er einmal gesagt. Dreizehn Punkte hat er in der ersten Halbzeit gemacht, nun findet er kaum noch ins Spiel. Philadelphia deckt ihn oft mit zwei Spielern. Der Deutsche nimmt sich zurück, stattdessen wird Spielmacher Monta Ellis immer stärker, er reißt die Begegnung an sich. Er hat großen Anteil daran, dass die Mavericks am Ende 97:94 gewinnen und damit auch im fünften Heimspiel ungeschlagen bleiben.

          Interviews ohne Unterhose

          Die Riesen schlurfen vom Feld, auf dem Weg in die Umkleidekabine stehen die Fans. Ein kleiner Junge ruft: „Dörk, darf ich deine Schuhe haben?“ Aber Nowitzki hört ihn nicht, er hat den Kopf nach vorne gebeugt, er geht voran - und all seine Mitspieler folgen ihm. 32 Spielminuten, 20 Punkte, 10 Rebounds, 3 Assists und ein Steal - das ist seine Bilanz an diesem Abend. Eine gute Leistung, aber keine herausragende. Zehn Minuten später kommt Carlisle wieder in den Interview-Raum, dieses Mal steht er hinter einem Pult, sein Auftritt hat somit beinahe etwas Präsidiales.

          Auch in der Abwehr steht er seinen Mann: Dirk Nowitzki

          „Wir haben das getan, was wir mussten, um dieses Spiel zu gewinnen“, sagt der Vierundfünfzigjährige. „Jedes der kommenden Spiele wird so sein wie heute. Für uns gibt es keine einfachen Partien.“ 2011 wurden die Mavericks Meister, danach ist das Team auseinandergebrochen, es folgte der Neuaufbau. Nun sollen zumindest die Play-offs erreicht werden.

          Es ist 22.15 Uhr, zwei Dutzend Journalisten und Kameraleute stehen in der Umkleidekabine der Mavericks. An einer Wand hängt ein Schild: „Die Mavericks-Tradition“ steht darauf und dann: „Glaube. Hingabe. Unbequem. Uneigennützig.“ Vince Carter und Shawn Marion kommen aus der Dusche, sie haben gerade einmal die Boxershorts angezogen, als die ersten Fragen gestellt werden. Kurze, knappe Sätze. Marion legt die goldene Uhr um sein Handgelenk, zieht die Gürtelschnalle fest, schmeißt das Handtuch in den Dreckwäschecontainer, dann verabschiedet er sich.

          Nowitzki steht noch immer unter der Dusche, der Kapitän ist stets der Letzte, der sich der Presse stellt. Erst um kurz vor 23 Uhr kommt er um die Ecke, er trägt ein Handtuch mit Gummizug um die Hüften, ein anderes hat er über seine Schultern gelegt. Seine Haare sind nass und wild, er trägt Badelatschen und zieht seine Unterhose erst nach dem Gespräch an.

          Alleskönner: Dirk Nowitzki ist kein typischer Center

          Warum sie so spät ins Spiel gefunden haben? „Wir waren ein wenig schlampig. Und Philadelphia hat zuletzt mit mehr als dreißig Punkten verloren, das wollten sie nicht noch einmal erleben. Sie kamen aus der Kabine und haben uns attackiert - und wir waren nicht sofort bereit. Aber dann haben wir zurückgeschlagen.“

          Vier Paar Turnschuhe liegen hinter ihm auf dem Boden, daneben stehen seine Leder-slipper. Es ist 23.30 Uhr, Nowitzki hat sich inzwischen angezogen, er spricht noch immer, die Teamkollegen sind längst auf dem Heimweg. „Dörk, draußen wartet noch eine alte Dame auf dich, sie ist achtzig“, sagt die Pressedame der Mavericks. Nowitzki lächelt. Er weiß, dass das hier noch nicht vorbei ist. Am Ende der Saison endet sein Vertrag. Aber er will noch bleiben, ein paar Jahre dranhängen.

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