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Skispringen in Liberec : Im Schatten der großen Schwester

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Skispringen auf der Normalschanze wirken oft wenig spektakulär. An die Athleten aber stellen die „Kleinen“ eigene Anforderungen. Das werden auch die Springer an diesem Samstag bei der WM in Liberec zu spüren bekommen.

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          „Es ist ein schönes Schänzchen“, sagt Tino Edelmann, „das gefällt mir wirklich gut.“ Das „Schänzchen“, das der Kombinierer aus Zella-Mehlis fast liebevoll betitelt, hat Jahre des Dornröschenschlafs hinter sich, war überwuchert von Pflanzen, achtlos stand es neben der größeren Schwester. Als Liberec (Reichenberg) den Zuschlag für die Nordischen Skiweltmeisterschaften bekommen hatte, wurde die Kleine zu neuem Leben erweckt.

          Seit 1962 ermitteln die Skispringer ihre Besten bei den Titelkämpfen auf zwei Schanzen, seit 1964 gibt es bei Olympischen Spielen zwei Einzel-Sieger. Auch die Athleten der Nordischen Kombination springen auf beiden Anlagen, und in Liberec haben auch die besten Skispringerinnen den kleinen „Bakken“ erobert. Die Amerikanerin Lindsey Van holte sich am Freitag den ersten Titel (siehe: Skispringen: Eine Amerikanerin springt zur Emanzipation), am Samstag (16.00 Uhr/ live im ZDF) treten die männlichen Kollegen zu ihrem Wettkampf an; der Pole Adam Malysz will seinen Titel verteidigen.

          Hillsize 100 in Liberec

          Normalschanze nennt der Internationale Skiverband (FIS) die kleineren Wettkampfanlagen. Seit 2004 werden Schanzen nach der „Hillsize“ gekennzeichnet, der Schanzengröße. Ausschlaggebend für die Berechnung ist ihr K-Punkt, der Konstruktionspunkt – früher „Kritischer Punkt“ genannt –, der vom Ende des Schanzentischs entlang dem Hang bis zu jener Stelle gemessen wird, an der der Aufsprunghang noch ein Gefälle von 32 Grad hat. Er stellt das theoretische Ende der Landefläche dar – doch die Besten überspringen ihn regelmäßig. Wer genau auf den K-Punkt springt, bekommt 60 Weitenpunkte gutgeschrieben, darüber gibt es Zuschlag, darunter Abzüge.

          Langsamere Anfahrt, kürzere Weite: Martin Schmitt auf der „Kleinen”

          „Hillsize 100“ ist der offizielle Name der kleineren Schanze in Liberec, die größeren Flüge folgen am Freitag (Einzel) und Samstag (Mannschaft) nächster Woche auf der „Hillsize 134“. Im vergangenen Jahr waren die Restaurierungs- und Umbauarbeiten an der kleinen Anlage abgeschlossen, und Kombinierer wie Skispringer konnten sich erste Eindrücke verschaffen. „Das war wirklich ein guter Schachzug von uns, im Sommer dort zu trainieren“, sagt der deutsche Skispringer-Bundestrainer Werner Schuster. „Die Schanze geht schon anders.“ Anders als die Großschanzen, auf denen Weltcup-Wettbewerbe ausgetragen werden. Die Umstellung fällt den meisten Springern trotzdem nicht schwer. Viele Trainingseinheiten im Sommer finden auf Normalschanzen statt. Auf teilweise noch kleineren Anlagen, bis hinunter zu 60-Meter-Schanzen, wird Technik geschult. Immer wieder gehen sogar Springer der Weltklasse mitten in der Saison zum Spezialtraining auf diese Anlagen.

          Chance für Außenseiter

          Die Besonderheit der „Kleinen“ von Liberec ist ihr kurzer Schanzentisch und eine extrem flache Flugkurve auf den ersten vierzig, fünfzig Metern. Um seine Springer vor der WM daran zu gewöhnen, trainierte Schuster zwei Tage mit ihnen auf einer ähnlichen Anlage in Rastbüchl, der Heimat von Michael Uhrmann. Gefragt sind auf solchen Schanzen die sprungkräftigen Athleten mit viel Kraft in den Oberschenkeln, „die schnellkräftigen, kurzbeinigen Typen“, wie Schuster sagt. „Wenn hier einer nicht richtig wegspringt, tut er sich schwer, weit über den Vorbau – den ersten Teil des Aufsprunghügels – zu kommen.“

          Knapp hundert Meter (97,5 Meter) sprang die neue Weltmeisterin Lindsey Van am Freitag, nicht viel weiter werden an diesem Samstag auch die besten Männer landen – allerdings mit wesentlich kürzerem Anlauf. „Auf so einer Schanze rückt das Feld näher zusammen“, sagt Hans-Peter Pohl, ehemaliger Team-Olympiasieger in der Nordischen Kombination, „da nimmt auch schon mal ein nicht so ganz Mutiger sein Herz in die Hand.“ Einer der Mutigsten allerdings, der Österreicher Gregor Schlierenzauer, hat schon im Training von Liberec gezeigt, dass er groß und klein beherrscht. Erst vier Springer haben in der WM-Geschichte den Doppelsieg erreicht, zuletzt Adam Malysz 2003. Nur der Finne Matti Nykänen (1988) und der Schweizer Simon Ammann (2002) holten sich das doppelte Olympia-Gold.

          Sie fristet ein wenig das Dasein der Stiefschwester, die Normalschanze. Weite, telegene Sprünge wie etwa auf einer Flugschanze lässt sie nicht zu. Haltungsnoten können über Sieg oder Niederlage entscheiden, da sich die besten Skispringer innerhalb weniger Meter wiederfinden. Trotzdem bricht Schuster eine Lanze für sie und wünscht sich Weltcup-Springen auf den kleinen Anlagen. Der Wettkampf, sagt er, verspricht Spannung mit dem Lohn für einen kompletten Skispringer. „Außerdem wären solche Wettkämpfe ein toller Farbklecks.“ Und ein „Schänzchen“ wie das von Liberec müsste nicht wieder im Dornröschenschlaf versinken.

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