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Nordische Ski-WM : Willkommen in der Ellbogen-Gesellschaft

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Biathletin Miriam Gössner wurde als Sprinterin gebraucht Bild: AP

Beim Freistilsprint zogen die deutschen Starter bei der nordischen Ski-WM allesamt den Kürzeren und schieden früh aus. Die einstige Biathletin Miriam Gössner stand im Mittelpunkt - und musste sich an die rauen Sitten erstmal gewöhnen.

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          Sie kam, sah mit großen Augen in die wunderbare Welt des Langlaufs und hatte gleich gesiegt: Miriam Gössner stand schnell im Mittelpunkt des Interesses und hatte die Sympathien auf ihrer Seite. Doch sie merkte auch ganz schnell, dass ein junges Mädchen nicht einfach einbrechen kann in Pfründe, die andere seit Jahren besetzt halten.

          „Ich habe gelernt, dass man im Sprint mit sehr viel Körpereinsatz laufen muss, und das habe ich noch nicht so drauf.“ Als sie das sagte, war sie gerade ausgeschieden im Viertelfinale der nordischen Skiweltmeisterschaften in Liberec (Reichenberg). Und obwohl sie ihn sicher einfach so gemeint hatte, wie sie ihn sagte, steckte in diesem Satz für manchen Beobachter viel mehr.

          „Wie lieb die in der deutschen Mannschaft alle zu mir sind“

          Miriam Gössner ist 18 Jahre alt, war alpine Rennläuferin, bis ihr mit 14 Jahren eine Slalomstange mehrere Zähne ausschlug, den Kiefer brach und sie darauf hin zum Biathlon wechselte. Sie gilt als eines der größten Langlauf-Talente in dieser Sportart, rannte vor wenigen Wochen bei der Junioren-Weltmeisterschaft in Kanada trotz acht Schießfehlern zum Titel. Thomas Pfüller, Sportdirektor des Deutschen Skiverbandes, legte sie Langlauf-Bundestrainer Jochen Behle ans Herz, und plötzlich fand sich die junge Athletin aus Garmisch-Partenkirchen in Liberec wieder.

          Doch auch für sie war im Viertelfinale Schluss

          Staunend, ehrfürchtig fast, erlebte sie die ersten Tage. Sie erzählte davon, wie sie ein paar Tage der Vorbereitung in einem Holzhaus im Bayerischen Wald mit Josef Wenzl, Manuela Henkel und Nicole Fessel verbracht hat: „Wir haben sogar selbst gekocht“. Wie ein Kind, das seinen Idolen gegenübersteht, begegnete sie bei ihrer ersten „großen“ Weltmeisterschaft den Langlauf-Stars: „Ich stand am Start neben der Schwedin Charlotte Kalla und habe gedacht, die ist ja wirklich gut - und ich darf neben ihr laufen.“ Und sie freute sich, „wie lieb die in der deutschen Mannschaft alle zu mir sind“.

          „Sie setzt auch mal die Ellenbogen ein, wie es dazugehört“

          Denn Miriam Gössner dachte ja gar nicht daran, dass sie irgendjemandem im Weg stehen könnte. Aber als sie nach erfolgreich überstandenem Prolog - in der die Langläufer nur die Uhr zum Gegner haben - im Viertelfinale versuchte, mitzuhalten, war es plötzlich bei fünf Konkurrentinnen in ihrem Lauf die eigene Mannschaftskameradin, die ihr das Leben schwer machte. Dreimal gerieten Miriam Gössner und Nicole Fessel während des 1,3 Kilometer langen Rennens aneinander, dreimal setzte sich die Oberstdorferin recht unsanft durch.

          „Man sieht nicht, wer neben einem läuft“, sagte Nicole Fessel anschließend. Miriam Gössner druckste ein wenig: „Es ist halt ein bisschen blöd gelaufen“, sagte sie, „für mich ist das kein Weltuntergang“. Und fand gleich Worte für die Konkurrentin und Kollegin: „Für Nicole tut es mir ein bisschen leid.“ Denn auch die schaffte es nicht, das Viertelfinale zu überstehen. „Nicole bestreitet den Sprint am ehesten so, wie ich mir das vorstelle: Sie setzt auch mal die Ellenbogen ein, wie es dazugehört. Das machen wenige im Damenbereich“, sagte Bundestrainer Jochen Behle.

          „Die sind so gut, die brauchen mich ja gar nicht“

          Aber er lobte auch die Neue: „Miriam hat sich hervorragend verkauft.“ Sie wurde 20., Nicole Fessel kam auf Rang 16. „Ich nehme an, niemand ist überrascht, dass wir hier keine Medaillen gewonnen haben“, sage Behle - als auch die drei Männer des Deutschen Skiverbandes, Franz Göhring, Josef Wenzl und Tom Reichelt im Viertelfinale ausgeschieden waren.

          „Die sind so gut, die brauchen mich ja gar nicht“, hatte Miriam Gössner bescheiden bei ihrem ersten Auftritt in Liberec über die deutschen Langläuferinnen gesagt. Allein ihr Einsatz aber zeigt die Not von Frauentrainer Ismo Hämäläinen und Chef Behle. Claudia Nystad, am Dienstag auf Rang 19, läuft in dieser Saison ihrer Form weit hinterher und schied im Sprint-Viertelfinale wie die anderen deutschen Damen aus. Auch Evi Sachenbacher-Stehle, die erst an diesem Mittwoch im Teamsprint eingesetzt wird (11.00 Uhr / Live im ZDF und bei Eurosport), hat die Erwartungen bisher nicht erfüllt.

          „Was heißt hier: besser als die Spezialistinnen?“

          Und da die in dieser Saison Beste, Steffi Böhler, nach nur einem Rennen mit einer Virusinfektion abreisen musste, bekommt Miriam Gössner unverhofft sogar eine zweite Chance. Der Sprint sei vielleicht doch nicht so ganz ihr Ding, sagte sie am Dienstag, „ich laufe wohl besser fünf Kilometer“. Die Staffel am Donnerstag, für die Behle sie nun benannte, geht über diese Distanz.

          Mit den Vierer-Gemeinschaften haben sich deutsche Langläuferinnen in der Vergangenheit ohnehin hervorgetan, unter anderem als Staffel-Olympiasiegerinnen 2002 und Weltmeisterinnen 2003. Vielleicht kann ihnen eine Biathletin ja auch 2009 zu einem wenigstens kleinen Erfolgserlebnis verhelfen. Spätestens dann wäre auch die Spitze von Manuela Henkel, auf Rang 25 am Dienstag schlechteste Deutsche, vergessen: „Was heißt hier: besser als die Spezialistinnen? Sie trainiert ja nur Skating“, sagte sie, „also ist sie ja auch eine“.

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