https://www.faz.net/-ga3-120lj

Nordische Ski-WM : Gleichberechtigung im Flug

  • -Aktualisiert am

Die Vorfreude ist groß (v.l.): Anna Häfele, Magdalena Schnurr und Ulrike Gräßler Bild: dpa

In Liberec springen die Frauen in die Emanzipation: Erstmals ist das weibliche Skispringen offizieller Wettbewerb der Nordischen Ski-Weltmeisterschaften - mit guten Chancen für das deutsche Aufgebot. Jenna Mohr, Ulrike Grässler, Anna Häfele und Magdalena Schnurr hoffen auf eine Signalwirkung.

          3 Min.

          Daniel Vogler kann sich gar nicht genug bedanken. Endlich, das wird mit jedem Wort, jedem Blick in die große Runde deutlich, hat er, haben die Mädchen neben ihm die Aufmerksamkeit, die sie sich schon so lange wünschen. Zum ersten Mal ist ein Wettkampf der Skispringerinnen offizieller Bestandteil des Programms bei den Nordischen Weltmeisterschaften (siehe auch: Sonderseite Nordische Ski-WM 2009), und die deutschen Damen stellen sich in Liberec mit ihrem Trainer vor.

          Vogler ist angestellt im Bauhof der Marktgemeinde Oberstdorf, räumt im Winter Schnee, mäht im Sommer Rasen, oft in Überstunden. Die und seinen Urlaub sammelt er, um seiner Passion nachzugehen. Der Allgäuer mit dem goldenen Ohrstecker in Form einer Kuh ist 41 Jahre alt, seit 14 Jahren ist er Trainer, betreute den Nachwuchs in Oberstdorf. Vor acht Jahren fuhr Vogler zum ersten Mal mit einer Skispringerin zu einer deutschen Meisterschaft und fing Feuer. Vier Jahre später übernahm er von Willi Schuster, dem Vater des heutigen Männer-Cheftrainers im Deutschen Skiverband (DSV), die Gruppe aller deutschen Skispringerinnen, seither ist er „Leitender Disziplintrainer Damen“ – im Nebenberuf.

          Bestens gelaunt und selbstbewusst

          Manchmal, sagt Vogler, seien „die Damen“ ein bisschen launischer als die Männer. In Liberec zeigen sich Jenna Mohr (Willingen) und Ulrike Grässler (Klingenthal), beide 21 Jahre alt, die neunzehnjährige Anna Häfele aus Willingen und die sechzehnjährige Magdalena Schnurr (Baiersbronn) allerdings bestens gelaunt und selbstbewusst. Sie haben als kleine Mädchen mit dem Skispringen begonnen, weil sie es den Jungs nachmachen wollten oder weil der jüngere Bruder sagte, sein Training mache mehr Spaß. „Und es hat mehr Spaß gemacht“, sagt die ehemalige Langläuferin Anna Häfele.

          Fliegende Amazone: Ulrike Grässler
          Fliegende Amazone: Ulrike Grässler : Bild: dpa

          „Historisch“ nennt Horst Hüttel, der Sportliche Leiter im DSV, den offiziellen Start des Frauen-Skispringens zehn Jahre nach dem ersten Demonstrationswettbewerb bei der WM in der Ramsau. Die ersten Bilder vom Training in Liberec bestätigten allerdings die Skeptiker. Zwei Tschechinnen, zwölf und fünfzehn Jahre alt, stürzten schwer und mussten in ein Krankenhaus gebracht werden. „Wir sind ja eine junge Sportart, aber trotzdem sollte man eine Altersgrenze setzen“, sagt Jenna Mohr. „Eine WM muss man sich erst einmal verdienen.“

          Die Deutschen gehören zu den Besten der Welt

          Auch Vogler kritisiert: „Ich finde es schade, dass man junge Athletinnen über die Schanze schickt, die vorher noch nicht im Continental-Cup – der höchsten Klasse der Frauen – gesprungen sind. Es ist nicht gut, dass man das Feld einfach nur auffüllt.“ Alle hoffen auf die guten Bilder eines gelungenen Wettkampfs an diesem Freitag, „damit die in den Köpfen hängenbleiben“, sagt Ulrike Grässler.

          Die deutschen Springerinnen wollen sich auch mit Erfolgen ins Gespräch bringen. Sie gehören zu den Besten der Welt. Ulrike Grässler ist derzeit Dritte in der Gesamtwertung des Continental-Cups. Magdalena Schnurr gewann vor wenigen Wochen den Titel bei der Junioren-Weltmeisterschaft, Anna Häfele wurde Zweite, siegte in drei Continental-Cup-Springen in diesem Winter. Sie hoffen auf eine Signalwirkung durch die WM. „Vielleicht sehen manche dann, dass es doch relativ einfach ist, hier noch Medaillen zu gewinnen“, sagt Ulrike Grässler.

          Aufnahme ins Olympia-Programm als nächstes Ziel

          Traditionell starke Skisprungnationen wie Norwegen oder Österreich bringen auch gute Frauen an den Start. In den Vereinigten Staaten sind die Mädchen sogar einen Schritt voraus. Sie werden vom nationalen Skiverband gefördert, während die Männer ihren Sport selbst finanzieren müssen. Von Amerikanerinnen ging auch die Klage aus, die eine Reihe internationaler Spitzenspringerinnen gegen das Internationale Olympische Komitee angestrengt hat. Jenna Mohr und Ulrike Grässler schlossen sich an.

          Im März wird vor einem kanadischen Gericht entschieden, ob Frauen-Skispringen bei den Olympischen Spielen von Vancouver als Demonstrationswettbewerb ins Programm genommen werden muss. Wenn dann noch das Fernsehen den einen oder anderen Wettbewerb übertragen würde, könnte Daniel Vogler damit rechnen, irgendwann hauptamtlich zu arbeiten. Auch wenn er jetzt schon zufrieden ist mit der Förderung durch den DSV und die Bundespolizei, bei der einige Springerinnen angestellt sind, wäre das ein weiterer Schritt auf dem Weg zur endgültigen Gleichberechtigung. (siehe auch: Frauen-Skispringen: Abflug in die Zukunft und Heldinnen in Männerdomänen: Frauen, die sich was trauen)

          Weitere Themen

          Barcelona-Spieler verzichten auf 122 Millionen

          Corona-Krise : Barcelona-Spieler verzichten auf 122 Millionen

          Die Folgen von Corona treffen FC Barcelona wirtschaftlich schwer. Den Katalanen fehlen durch die Pandemie rund 300 Millionen Euro. Dringende Einsparungen sollen den kriselnden Verein vor dem Konkurs bewahren.

          Topmeldungen

          Ein AfD-Mitglied beim Landesparteitag der AfD Rheinland-Pfalz am vergangenen Wochenende

          Vor dem Parteitag : Die AfD trifft sich im Wunderland

          Rund 600 Delegierte wollen auf dem Gelände des einstigen Kernkraftwerks in Kalkar über ein Rentenkonzept debattieren – unter strikter Einhaltung der Maskenpflicht, sonst droht ein Abbruch.
          Im Visier von Aktivisten: Der Immobilienfinanzierer Aareal Bank aus Wiesbaden.

          Immobilienfinanzierer : Aktivisten machen Druck auf Krisenfirmen

          Die Zahl der Kampagnen von aktivistischen Investoren stieg in den letzten Jahren an. Gerade auf Corona-Verlierer an der Börse kommen sie zu. Warum hat Petrus Advisers die Aareal Bank im Visier?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.