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Nordische Ski-WM : Auf der Suche nach dem Wunderski

  • -Aktualisiert am

Die Natur muss überlistet werden Bild: dpa

Bei der nordischen Ski-WM entscheidet auch das Material. Doch praktisch täglich ändern Schnee, Regen, Wind die äußeren Bedingungen und stellen die Techniker vor neue Herausforderungen. Ideale Verhältnisse lassen sich eben nicht herbeizaubern.

          3 Min.

          Schuld sind nur die Schneekristalle. Wie Haken strecken sie ihre Spitzen in die Luft, um sich in den Ski zu bohren. Kalte Kristalle aggressiver, wärmere weniger aggressiv. Wird der Schnee zusammengepresst, schmilzt er durch die Reibung, klebt er an einer glatten Lauffläche wie zwei nasse Glasscheiben aufeinander. Und der Langläufer müht sich vergebens, schnell ins Ziel zu kommen. Die Natur zu überlisten ist deshalb das Bestreben aller, die mit dem Bau und mit der Präparierung von Ski zu tun haben.

          Bei den nordischen Weltmeisterschaften in Liberec (Reichenberg) bereitet die Kunst, das beste Material für außergewöhnliche Bedingungen zu haben, Technikern, Trainern und Athleten große Sorge. „Vielleicht hatte ich nicht den richtigen Ski“, war nach den ersten Rennen eine oft gehörte Formulierung, in die Langläufer und Kombinierer aus vielen Nationen ihre Enttäuschung über schlechte Ergebnisse fassten. Neuschnee und Temperaturschwankungen von mehreren Grad innerhalb einer Stunde ließen die Materialwahl zur Lotterie werden. Denn schon minimale Schwankungen können über Jubel oder Enttäuschung entscheiden.

          Norweger und Schweden mit doppelt so viel Personal

          „Nowax“- oder Aufrauhski (mit einer aufgerauhten Kunststoffschicht in der Mitte der Lauffläche) oder gewachste Bretter; feiner Schliff oder grober; Hartwachs oder Klister? So vielfältig wie die Schneearten sind die Möglichkeiten, den Ski optimal zu präparieren oder völlig daneben zu greifen. Sechs Techniker mit Uwe Bellmann an der Spitze sind im Deutschen Skiverband für die Langläufer verantwortlich; Norweger und Schweden reisten mit doppelt so viel Personal an.

          Claudia Nystad gab frustriert auf, nachdem sie nicht vorwärts kam
          Claudia Nystad gab frustriert auf, nachdem sie nicht vorwärts kam : Bild: AP

          Drei Techniker kümmern sich in der nordischen Kombination, einer bei den Skispringern um das Material der Deutschen. Um das Problem des zu langsamen Anlaufs bei den Kombinierern in den Griff zu bekommen, fuhren vor dem ersten Wettkampf ein Techniker und ein Trainer von Tschechien nach Bad Reichenhall, verpassten nachts den Sprungski im dortigen Hochtechnologiezentrum einen neuen Schliff und rasten anschließend zurück.

          Den falschen Ski gewählt

          Noch schwieriger stellt sich die Lage im Langlauf dar. „Solche Bedingungen wie hier haben wir wirklich selten“, sagt Bellmann. Massen von Neuschnee ließen an den ersten Tagen die Wahl des Materials wie eine Lotterie erscheinen. Die sieben Besten über 15 Kilometer klassisch hatten sich – Sieger Veerpalu erst drei Minuten vor dem Start – für Aufrauhski entschieden, die besten Deutschen, Tobias Angerer und Axel Teichmann wie auch der schnelle Schwede Anders Södergren dagegen; sie hatten keine Chance. Claudia Nystad gab im Verfolgungsrennen sogar frustriert auf, nachdem sie nicht vorwärts kam.

          Schuld der Techniker? Claudia Nystad hatte auf Geheiß des Servicemanns ihrer Skifirma, bei der sie unter Vertrag steht, den falschen Ski gewählt. „Ich habe das leider erst erfahren, als der Ski für das Rennen schon für den Wettkampf markiert war“, sagte Bellmann. Teichmann, so Bundestrainer Jochen Behle, hatte keine große Alternative – sein Aufrauhski entspricht nicht dem hohen Standard für ein WM-Rennen. Die Skiwahl ist eben auch eine Frage der Verträge, in erster Linie aber eine des Vertrauens. „Die Entscheidung hat der Athlet“, sagt Bellmann.

          Ideale Verhältnisse lassen sich nicht herbeizaubern

          Gemeinsam gehen Techniker und Sportler zum Testen auf die Strecke, in den meisten Fällen treffen sie eine gemeinsame Entscheidung. „Keiner verlässt sich blind auf uns.“ Morgens um sieben schon sind die sechs deutschen Techniker in der Loipe, bis abends um neun dauert ihr Arbeitstag in Liberec. Für jeden Langläufer der WM-Mannschaft hatten sie bei der Anreise zwischen 25 und 30 Paar Ski im Gepäck. Große Geheimnisse gibt es dabei nicht mehr. „Es ist einfach eine harte Testerei“, sagt Bellmann. Es gebe kein Wunderwachs, „alle Nationen arbeiten mit dem gleichen Material.“ Vielleicht ein-, zweimal im Leben habe ein Techniker die Chance auf einen Superski.

          Bellmann bringt in seinem Computer eine Datenbank mit, die er bei allen Einsätzen gesammelt hat. Sie liefert ihm jedoch nur eine Grundlage. Praktisch täglich ändern Schnee, Regen, Wind die äußeren Bedingungen und stellen die Techniker vor neue Herausforderungen. Ideale Verhältnisse – „am liebsten zehn Grad unter null“ – lassen sich eben nicht herbeizaubern. „Eigentlich müssten wir am Tag vor einem Rennen jeweils zur Wettkampfzeit testen“, sagt Bellmann.

          Aber fast täglich wird auf der Strecke um Medaillen gerannt. Medaillen würden Bellmann und seinem Team die Arbeit erleichtern. Aber Angerer und Teichmann, von denen sie erwartet wurden, „haben eben noch nicht gewonnen“, sagt Bellmann. Er weiß: „Es wird kein Athlet, der die ganze Zeit um Platz zwanzig war, mit einem Top-Ski siegen. Aber fünf, sechs Plätze macht das Material aus.“ Und er ist sicher: Wenn Axel Teichmann oder Tobias Angerer „merken, dass was geht, dann holen sie auch das Beste raus“.

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