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Abfahrtslauf : Menschliche Kampfjets

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Der böse Sturz von Daniel Albrecht beim Training für die „Streif“ am Samstag in Kitzbühel hat es wieder gezeigt: Abfahrer leben gefährlich. Sie müssen eine wild gewordene Technik zähmen, die Muskeln sind ihre Lebensversicherung. Angst darf nicht mitfahren.

          5 Min.

          Vergangene Woche Wengen, diesen Samstag um 11.30 Uhr die legendäre „Streif“ in Kitzbühel - der Januar ist der Monat der Abfahrer, die Hochzeit des Adrenalins. Was sind das für Leute, die sich ein Paar Ski unterschnallen und damit auf einer Eispiste fast senkrecht in die Tiefe jagen? „Die Abfahrer, das sind die knallharten Jungs“, sagt Felix Neureuther, der lieber im Slalom enge Kurven dreht. „Die riskieren ihr Leben. Das sind die, die irgendwann den Schädel abschalten.“

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Männer wie der Norweger Aksel Lund Svindal zum Beispiel. Der Doppel-Weltmeister von 2007 hat vergangenen Dezember die Weltcup-Abfahrt in Beaver Creek gewonnen - exakt 372 Tage nachdem er sich bei einem Horrorsturz auf derselben Piste schwere Verletzungen zugezogen hatte, darunter mehrere Knochenbrüche im Gesicht. Er musste ein ganzes Jahr pausieren, dann stand er wieder am Start - und gewann.

          Abfahrer sind Schmerzen gewohnt

          Wiederauferstehungen dieser Art sind für Abfahrer nichts Ungewöhnliches. Hermann Maiers Crash bei den Olympischen Spielen 1998 in Nagano machte ihn zum Superstar, weil er - als wäre nichts geschehen - ein paar Tage später Gold im Super-G und im Riesenslalom gewann. Oder der Amerikaner Scott Macartney: Vor genau einem Jahr stürzte er bei der Abfahrt in Kitzbühel bei rund 140 Kilometern pro Stunde im Zielhang, erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma und musste ins künstliche Koma versetzt werden. Macartney fährt längst wieder Rennen, am vergangenen Samstag stürzte er in Wengen, dennoch will er diese Woche auf der Streif im Starthäuschen stehen.

          Der jüngste Horrorsturz: Kombinations-Weltmeister Daniel Albrecht zerlegte es am Donnerstag im Training

          Abfahrer sind Schmerzen gewohnt. Um die größtmögliche Kontrolle über seine Füße und damit seine Ski zu haben, trägt der Amerikaner Bode Miller seine Abfahrtsstiefel seit Jahren drei Nummern zu klein. „Es ist eine langsame Folter“, sagt er, aber anders gehe es nicht. Früher waren die Abfahrer mit 2,30 Meter langen, fast geraden Latten unterwegs, heute sind die Ski fünfzehn Zentimeter kürzer und tailliert; wer sie beherrscht, fährt wie auf Schienen, wer nicht, der kann die extremen Kurvengeschwindigkeiten nicht durchstehen und fliegt buchstäblich davon.

          Die Muskeln sind die Lebensversicherung der Athleten

          „Die Ski-Technik kommt aus dem Weltraum“, sagt Olympiasieger Markus Wasmeier, „der Mensch aber hat sich nicht geändert, er hat immer noch die alten Bänder, Sehnen und Knochen.“ Nur die Muskeln sind dicker geworden, sie sind die Lebensversicherung der Athleten. Im Abfahrer-Dreiklang „Gewicht, Kraft, Mut“ spielt die Kraft eine immer wichtigere Rolle. Nur sie kann die wild gewordene Technik zähmen - wenn alles gut geht.

          Wenn nicht, drohen üble Verletzungen. Und nicht jeder kehrt auf die Piste zurück. Der österreichische Speedfahrer Matthias Lanzinger stürzte im März 2008 beim Super-G in Kvitfjell in Norwegen und erlitt einen offenen Unterschenkelbruch mit schweren Gefäßverletzungen. Nach vier Operationen gaben die Ärzte den Kampf um sein Bein auf und amputierten es unterhalb des Knies. 2001 hatte der Schweizer Silvano Beltrametti bei der Weltcup-Abfahrt in Val d'Isère die Absperrungen durchschlagen und ist seither ab dem siebten Brustwirbel gelähmt. Solche Schreckensmeldungen und Horrorunfälle sorgen immer wieder für scharfe Kritik an Pistensicherheit, Rettungsdiensten oder sensationsgierigen Veranstaltern, doch sie verhallt jeweils schnell. Abfahren sei ein „Hochrisikosport“, heißt es von der Gegenseite, jeder wisse, auf was er sich einlasse.

          Sie stürzten häufig, und sie gewannen häufig

          „Eine Form der Kampfkunst“ nennt Bode Miller die Abfahrt. Um die modernen Ski auf den glasharten Rennpisten bei Tempo 120 durch die Kurven zu steuern, brauche man nicht nur eine gute Technik, sondern auch „Beine wie Brückenpfeiler“. Bei Werbeaufnahmen für eine Jeansfirma musste der Amerikaner einst passen, in handelsübliche Hosen passten seine Oberschenkel nicht hinein.

          Wie es sich anfühlt, auf den ersten 150 Metern der Streif auf mehr als 100 Kilometer pro Stunde zu beschleunigen, um dann in die 85 Prozent steile Mausefalle hineinzusteuern und bis zu 80 Meter weit zu springen, ehe die folgende Kompression einen in den Boden zu drücken droht, erklärt Miller so: „Die Belastung kann das Vierfache der Erdanziehungskraft erreichen, wie in einem Starfighter, nur eben ohne Starfighter“ - der Abfahrer als menschlicher Kampfjet, der auf einer Eisbahn dahinrast. Seit 15 Jahren schon produzieren sie in Kitzbühel die knallharte Unterlage mit Schneekanonen und sogenannten Wasserinjektionsbalken, die für eine völlige Vereisung der Piste sorgen.

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