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Biathlon-WM : Verzweifelt gesucht: Schnee in Korea

  • -Aktualisiert am

Weiße Flecken in der Landschaft im südkoreanischen Pyeongchang Bild: dpa

Der Auftakt der Biathlon-WM in Pyeongchang ist akut gefährdet. Sowohl das Abschlusstraining als auch die Eröffnungsfeier sind im Dauerregen versunken. Niemand kann garantieren, dass die Wettbewerbe termingerecht beginnen.

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          Schon morgens, beim Blick aus dem Fenster hinüber zur Talstation, schwante Frank Ullrich nichts Gutes. Nichts als Wasser. Wasser von oben, Wasser in Form von großen Lachen auf dem Auslauf der Skipiste, dazu ein richtiger Föhnsturm. Und der Blick auf das Thermometer war nicht sonderlich ermutigend: 14 Grad Celsius. Plus, wohlgemerkt.

          Was hat das mit Winter zu tun? Zwar ist das Biathlon-Stadion von Pyeongchang fünf Autominuten entfernt vom gewaltigen Hotelkomplex aus der Retorte, aber was sollte dort schon anders sein. „Wenn das nicht bald aufhört, kriegen wir hier ein ernstes Problem“, sagte der Bundestrainer der deutschen Männer. Nur eine gute Stunde später war es offiziell, das Problem.

          Ein weiterer Krisenherd

          In der Mannschaftsführersitzung verkündete Renndirektor Franz Berger zerknirscht: „Die Wettkampfanlage muss heute geschlossen bleiben, Training ist nicht möglich.“ Die Biathlon-Weltmeisterschaft hat neben der Doping-Diskussion um die drei auch in der B-Probe positiv getesteten Russen Ekaterina Jurjewa, Albina Achatowa und Dimitri Jaroschenko (Siehe: Biathlon-Doping: „War das alles, oder nur die Spitze des Eisbergs?“) einen weiteren Krisenherd: eine Strecke, die in einem miserablen Zustand ist. Weit davon entfernt, WM-würdig zu sein. Und niemand kann garantieren, dass die Titelkämpfe termingerecht beginnen. Nach dem Training fiel auch die Eröffnungsfeier aus.

          Weiße Flecken in der Landschaft im südkoreanischen Pyeongchang Bilderstrecke
          Biathlon-WM : Verzweifelt gesucht: Schnee in Korea

          Da ist einiges zusammengekommen in den letzten Tagen. Koreaner, die bemüht, aber in Sachen Streckenpräparierung völlig unerfahren sind, Föhn, der fünf Tage lang getobt und den Schnee gefressen hat, Spitzenwerte um 16 Grad und als Höhepunkt heftige Regenfälle, die zusätzlich an der Kunstauflage genagt haben. „Wir hatten genug Schnee, aber wir haben über Nacht 20 Zentimeter verloren. Das habe ich noch nie erlebt“, sagt der Bayer Norbert Baier, der Technische Leiter.

          „Schiss“ vor der haarigen Abfahrt

          Schon vorher hatte sich nur ein angeschmutztes weißes Kunstschneeband durch die grau-braune Wiesenlandschaft gezogen, so ähnlich wie 1989 in Feistritz. Immerhin wurde die WM in Kärnten damals durchgezogen. Naturschnee ist auch in Pyeongchang derzeit Mangelware. Trotzdem: Vor ein paar Tagen war allein die haarige Abfahrt, die schon einige Opfer gefordert hat, ein heißes Thema. Kati Wilhelm hatte sogar zugegeben, „Schiss“ zu haben.

          Jetzt ist das verwässerte Steilstück deutlich langsamer geworden, aber einige Streckenteile haben nur noch eine dünne Auflage, unter der schon die Steine hervorlugen, und ansonsten glänzt vielerorts das Spiegeleis. Immerhin gibt es ein Schneedepot, in dem rund 3000 Kubikmeter weißes Gold lagern sollen. Das ist aber nur eine ungefähre Schätzung. Es könnten auch weniger sein. Die Frage ist auch, wie lückenlos und schnell der Transport die vier Kilometer rüber zur WM-Strecke klappt. Und wenn man die Lücken im Schneeband zu früh stopft, legt der Regen sie gleich wieder frei.

          Renn-Boykott bei nicht WM-reifer Strecke?

          Den Koreanern macht niemand einen Vorwurf, aber sie leiden auch so. Eine wunderbar gelungene Biathlon-WM sollte doch die ultimative Empfehlung für die abermalige Olympia-Kandidatur 2018, als einer der Konkurrenten von München, sein - und jetzt so was. Da hilft es ihnen wenig, wenn die Internationale Biathlon-Union selbst zur Zielscheibe der Kritik geworden ist. Wolfgang Pichler, der Sprecher der Trainer, moniert, dass man doch gewusst habe, „was auf uns zukommt. Wir sind ein Profisport, da kann man nicht so amateurhaft zu Werke gehen.“

          Mangelhaft sei sie gewesen, die „Präparierung im Vorfeld“, raunzt Pichler und droht mit Renn-Boykott, so fern die Strecke sich als nicht WM-reif erweise. Thomas Pfüller, Generalsekretär und Sportdirektor des Deutschen Skiverbandes, schlägt in die gleiche Kerbe. „So ein Wetter wie jetzt ist hier immer möglich. Darauf muss man sich vorher einstellen.“ Mit einer Art WM-Feuerwehrmann, der 30 Tage vor Beginn vor Ort die Verhältnisse überprüft. Oder mit Schneedepots entlang der Strecke. Die es nicht gibt.

          Wasser statt Schnee

          Jetzt hofft man inständig auf einen Wetterumschwung. Wobei auch beim Wetterbericht ein Problem herrscht. Es gibt gleich zwei, die sich nur in einer Hinsicht gleichen: Der Regen hört auf. Nur wann? Was die Temperaturen angeht, machen die Prognosen etwa die Differenz zwischen Frühling und Winter aus.

          Natürlich wählt man in solchen Fällen die für Biathleten optimistischere Variante: Die verheißt zumindest Nachtfrost bis zu sieben Grad. Da könnte frischer Schnee produziert werden. Sofern man die Kanonen im Griff hat. Auch da macht Norbert Baier nicht gerade Mut, wenn er sagt: „Als sie neulich mal geschossen haben, kam nur Wasser raus.“ Aber davon gibt es schon mehr als genug.

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