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WM und Olympia : Fifa und IOC rügen Brasilien

  • -Aktualisiert am

Keine Lust auf Brot und Spiele: Demonstranten in Sao Paulo Bild: REUTERS

Fifa und IOC sind gereizt ob der Probleme bei den Vorbereitungen auf die Fußball-WM und die Olympischen Spiele in Brasilien. Und der Protest des Volks wächst immer weiter. Nichts passt zusammen.

          So schnell der Protest gekommen war, so schnell ist er auch wieder verschwunden: An den Bretterzaun einer der vielen Baustellen an der Copacabana in Rio de Janeiro hatten Unbekannte in der Nacht eine unübersehbare, weil meterlange Parole gemalt: „Wie viele Vertreibungen für eine WM?“, hatten die WM-Gegner gefragt.

          Der Protest war strategisch klug unmittelbar neben der offiziellen Countdown-Uhr der Fußball-WM plaziert. Eine Nacht später war der bissige Schriftzug von fleißigen Helfern schon wieder weiß übertüncht worden. Die WM-Uhr zählt weiter die Tage bis zum Eröffnungsspiel in knapp zwei Monaten. Die Probleme aber lassen sich auch mit weißer Farbe nicht übertünchen.

          Die Stimmung in der WM- und Olympiastadt Rio de Janeiro brodelt, der Druck steigt wie in einem Dampfkochtopf. Ob er im Inneren dieser Millionenmetropole irgendwann einmal zu groß wird, so dass auch das Ventil von „Brot und Spielen“ eine emotionale Explosion nicht mehr aufhalten kann, vermag derzeit niemand vorherzusagen. Es braut sich etwas zusammen unter dem Zuckerhut, das nichts Gutes für die nächsten Wochen vermuten lässt.

          Neben dem Maracanã-Stadion, in dem Mitte Juli das WM-Finale stattfinden wird, räumte die Polizei in dieser Woche eine illegal errichtete Favela auf dem Gelände einer Telefongesellschaft. Die Bewohner wehrten sich, es kam zu Tumulten, Festnahmen und Gewalt. Die umstrittenen „Befriedungsaktionen“ in den Armenvierteln nehmen an Zahl und Umfang zu, je näher das Großereignis rückt. Das sorgt für Zulauf in der Protestbewegung und bei Menschenrechtsbewegungen. Die sammeln ihre Kräfte für die WM.

          Zwei Welten prallen aufeinander

          Zwei Autostunden weiter, an den Baustellen des Olympiaparks, kam es jüngst ebenfalls zu Ausschreitungen, weil streikende Arbeiter auf ihre Rechte pochten. Es fielen böse Worte und Schüsse. Zwei Welten prallen aufeinander: Hier die formaljuristisch korrekten, in der Bevölkerung aber hochumstrittenen Forderungen des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und des Fußball-Weltverbandes Fifa.

          Sie bestehen darauf, dass die Gastgeber ihre bei der Bewerbung um die Großereignisse gemachten Zusagen auch einhalten. Nun müssen Stadien, Arenen und ein riesiger Golfplatz her. Auf der anderen Seite stehen die mit der Realität und den Aufgaben scheinbar überforderten Organisatoren von WM und Olympia. Nichts passt zusammen: Die Gewerkschaften rechnen vor, dass die Großereignisse Arbeitsplätze und Einnahmen generieren, internationale Ratingagenturen aber sehen Brasilien auf einem Schuldenberg sitzenbleiben.

          Im WM-Eröffnungsstadion kommen die Arbeiten nur langsam voran

          Die internationalen Sommersportverbände hatten jüngst wegen der schleppenden Fortschritte auf den Olympiabaustellen Alarm geschlagen. Ein Spaziergang am Olympiapark bestätigt die Befürchtungen, dass den Spielen ein ähnliches Last-Minute-Prozedere droht wie bei der WM. IOC-Präsident Thomas Bach setzte einen Krisenmanager ein. Fifa-Chef Joseph Blatter rügte wieder einmal, genervt von den ständig neuen Hiobsbotschaften rund um die Verzögerungen bei Flughäfen, Stadionbauten und Hotelrenovierungen, die Gastgeber.

          Eduardo Paes macht jetzt gute Miene zum bösen Spiel: „Es gibt keine Notwendigkeit für einen Plan B“, beschwichtigt Rios Bürgermeister auf einer eigens einberufenen Pressekonferenz. Die Kritik der Sportverbände sei „Hysterie“; den Einsatz eines Krisenmanagers aber begrüßt Paes zumindest offiziell und machte klar, wozu Brasilien bereit ist: „Wir sind kein Land, das die Möglichkeiten hat, Unsummen von öffentlichen Geldern auszugeben, um die Forderungen der internationalen Verbände zu erfüllen.“ Die Qualität der Veranstaltungsstätten werde trotzdem erstklassig sein, verspricht Paes. Offenbar glaubt das IOC solchen Versprechungen nicht mehr und will nun direkt Einfluss nehmen auf die Vorbereitungen.

          256 Kilometer Stau in São Paulo

          Sportminister Aldo Rebelo versteht die Aufregung der Sportverbände nicht. Brasilien habe gerade erst wieder bewiesen, dass das Land in der Lage ist, Großereignisse zu stemmen: „Zum Beispiel im Karneval in Recife, Salvador und Rio haben wir mehr als sechs Millionen Touristen begrüßt, was doppelt so viel ist wie während der WM“, versucht Rebelo zu beruhigen, dass die Hotel- und Transportinfrastruktur nicht ausreichend sei.

          Und so prallen zwei Monate vor der WM Realität und Wunschdenken aufeinander. In der Wirtschaftsmetropole São Paulo, im vergangenen Jahr Ausgangspunkt der Proteste beim Confed-Cup, die sich dann im ganzen Land ausbreiteten, hatten die Menschen gehofft, dass versprochene WM- und Olympiainvestitionen zumindest für eine Linderung des täglichen Verkehrsinfarktes sorgen könnten.

          Fifa-Präsident Joseph Blatter ist zunehmend besorgt ob der Verzögerungen

          Die Wirklichkeit sieht anders aus: Ob das Stadion des WM-Eröffnungsspiels tatsächlich noch fertig wird, weiß niemand. Geplant ist ein Eröffnungsspiel zum Auftakt der neuen brasilianischen Meisterschaftsrunde am 27. April. Doch erst am Freitag konnten nach einem neuerlichen tödlichen Unfall vor ein paar Tagen die Arbeiten wiederaufgenommen werden.

          Die meisten Menschen in São Paulo haben ohnehin andere Sorgen, denn die Tageszeitung „Folha“ vermeldete eine andere Bestmarke: Insgesamt 256 Kilometer Stau zählte das Blatt am Freitag auf den Autobahnen im Großraum São Paulo. In den Autos sitzen wütende Fahrer, die in den Nachrichten von schleppenden Bauarbeiten, Korruption und Unfällen erfahren. Eine Karte für die WM-Spiele in ihrer Stadt haben sie ebenso wenig bekommen wie das versprochene Nahverkehrssystem. Wer die Stimmung im WM-und Olympialand Brasilien erahnen will, der reihe sich ein in einen der Megastaus in São Paulo an einem Freitagnachmittag.

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