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WM-Kader : Mehr Mut auf der Baustelle

Wichtige Worte gelassen ausgesprochen: Bundestrainer Löw bei der Bekanntgabe des vorläufigen WM-Kaders Bild: AP

Mit Khedira, ohne Gomez: Bundestrainer Joachim Löw trifft eine schlüssige Vorauswahl des Kaders für die Weltmeisterschaft in Brasilien. Große Vorfreude kommt aber nicht auf.

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          Als ein Vertreter des Berliner Amateurlagers das Wort ergriff und kraft seiner „70 Lenze“, wie er sagte, Joachim Löw den größtmöglichen Erfolg für den Sommer wünschte, war der emotionale Höhepunkt erreicht. „Sie haben das Glück verdient wie kein anderer“, sagte er in eindringlichem Tonfall zum Bundestrainer, der neben ihm stand und gar nicht zu wissen schien, was er anfangen sollte mit so viel rühriger Anteilnahme. Es ging höchst bodenständig zu am Donnerstag bei der Bekanntgabe des vorläufigen Kaders für die Weltmeisterschaft.

          Christian Kamp
          Sportredakteur.

          Dass der Deutsche Fußball-Bund (DFB) diesen Termin in der Frankfurter Verbandszentrale ausrichtete und nicht wie 2010 in der des Hauptsponsors oder 2008 auf der Zugspitze, war als Rückkehr zu den Wurzeln zu verstehen – und somit durchaus ein Kontrast angesichts der zuletzt etwas überhöhten Selbstwahrnehmung der Nationalmannschaft als „vierte Macht“ im Staate oder der Entscheidung, sich ein eigenes „germanisches Dorf“ als WM-Quartier in den Sand von Santo André zu bauen. Etwas mehr Bodenhaftung konnte nicht schaden. Nur war bei aller Besinnung aufs Wesentliche (und ein wenig technischem Schnickschnack wie LED-Screens und der Twitter-Wand drumrum) irgendwie auch das verlorengegangen, was man doch eigentlich hätte erwarten dürfen bei so einer Veranstaltung: Das Gefühl von Vorfreude, dass es bald losgeht mit dem großen Sommer-Abenteuer. Es sind ja nur noch 30 Tage bis zum Abflug.

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          So wirkte doch alles eher pflichtschuldig als angriffslustig. Dabei hatte der Bundestrainer ja durchaus das eine oder andere zu verkünden, was Mut machen konnte. „Die Situation hat sich grundsätzlich etwas verbessert“, sagte er mit Blick auf die vielen Verletzungen, Wehwehchen oder Formtiefs, die bei ihm vor dem Chile-Länderspiel im März einen inneren Alarm hatte schrillen lassen, den er dann auch ungewöhnlich offen nach draußen gesendet hatte. Er glaube, sagte Löw, jenen „Weckruf“ von Stuttgart hätten „einige Spieler schon verstanden“. In der Tat sieht es insgesamt wieder etwas heiterer aus, wenn man sich das Personaltableau für Brasilien vor Augen führt.

          Am erfreulichsten für den Bundestrainer sind dabei ohne Frage die Fortschritte, die Sami Khedira macht. Dem Mittelfeldspieler von Real Madrid war zwar am Mittwochabend im Spiel von Real Madrid bei Real Valladolid keine Einwechslung vergönnt. Doch allein schon die Rückkehr in den Kader der „Königlichen“ knapp sechs Monate nach seinem im Test-Länderspiel in Italien erlittenen Kreuzbandriss, passte gut zu dem, was der Bundestrainer am Donnerstag erläuterte:

          „Die hässlichste Saison meiner Karriere endet mit einem weiteren Rückschlag“: Mario Gomez ist nicht nominiert worden
          „Die hässlichste Saison meiner Karriere endet mit einem weiteren Rückschlag“: Mario Gomez ist nicht nominiert worden : Bild: AFP

          Dass Khedira nicht nur für den 30er-Kader oder für den um ein paar Mann reduzierten Tross gesetzt ist, der am 21. Mai das Trainingslager in Südtirol bezieht – sondern auch für die WM. Khedira sei mit seiner Persönlichkeit und Erfahrung „unverzichtbar“, betonte Löw und begründete damit die Ausnahme von seinem Credo, wonach sich nur absolut fitte und belastbare Spieler für diese WM der Strapazen qualifizieren könnten. „Er ist sicherlich noch nicht am Leistungslimit, aber ich bin überzeugt, dass wir es schaffen, ihn da hinzubringen“, sagte er.

          Schmerzlich für Gomez

          Weil der andere Dauerpatient, Mario Gomez, nicht annähernd den Stellenwert genießt wie Khedira, war es für den Angreifer zwar subjektiv schmerzlich, objektiv aber eben auch schlüssig, dass Löw ihn gar nicht erst in der Vorauswahl berücksichtigte. Der Bundestrainer schickte Gomez zumindest noch den Trost hinterher, dass „seine Karriere in der Nationalmannschaft auf keinen Fall beendet“ sei. Der Verzicht auf den Hamburger René Adler bei der Wahl des Torwart-Trios mag zwar von manchem in der Kategorie „Härtefall“ eingeordnet werden. Im Stellenplan aber, der nach Manuel Neuer als „klarer Nummer eins“ einen erfahrenen Mann vorsieht, hatte aber eben der Dortmunder Roman Weidenfeller die Nase vorn. Und Platz drei ist nun einmal reserviert für einen jüngeren Kandidaten. Dass das der Hannoveraner Ron-Robert Zieler geworden ist und nicht Marc-André ter Stegen, war zwar auch eine kleine Überraschung, dürfte für die WM-Aussichten aber ohne Bedeutung sein.

          Lös Trainerteam in Echt und seine Stützen als Fotografie
          Lös Trainerteam in Echt und seine Stützen als Fotografie : Bild: REUTERS

          Für die Mehrzahl der Neulinge im vorläufigen Kader geht es jetzt erst einmal darum, den ersten „Cut“ zu überstehen. Nach dem Länderspiel am Dienstag gegen Polen will Löw entscheiden, welche 25 oder 26 Spieler mit ins Trainingslager ins Passeiertal dürfen. Die Partie in Hamburg (mit einem Kader, der gerade mal die Erfahrung von 51 Länderspielen, verteilt auf sechs Akteure, auf sich vereint) ist somit in erster Linie als persönliches Qualifikationsmatch für Shkodran Mustafi (Genua), Leon Goretzka, Max Meyer (beide Schalke), André Hahn (Augsburg) und Kevin Volland (Hoffenheim) zu sehen. Erik Durm, der Dortmunder Aufsteiger der letzten Monate, darf davon jetzt schon ausgehen, auch Volland dürfte angesichts des Mangels an echten Stürmern gute Chancen haben.

          Dass Miroslav Klose seinen Platz sicher hat, versteht sich dabei von selbst. Wobei Löw noch ein weiteres Argument vorbrachte, warum am 35 Jahre alten Senior kein Weg vorbeigeht. „Er ist ja auch Zimmermann und ein guter Handwerker“, sagte Löw. „Er schafft es auch, rechtzeitig einen Nagel reinzuschlagen, wenn wir das brauchen sollten.“ Angesichts der Bilder, die am Donnerstag vom Fortgang der Bauarbeiten im Teamquartier „Campo Bahia“ gezeigt wurden, klang das noch nicht einmal wie ein Scherz.


           

          Der vorläufige deutsche WM-Kader

          Tor: Manuel Neuer (FC Bayern München), Roman Weidenfeller (Borussia Dortmund), Ron-Robert Zieler (Hannover 96)

          Abwehr: Jérôme Boateng, Philipp Lahm (beide FC Bayern München), Erik Durm, Kevin Großkreutz, Mats Hummels, Marcel Schmelzer (alle Borussia Dortmund), Matthias Ginter (SC Freiburg), Benedikt Höwedes (Schalke 04), Marcell Jansen (Hamburger SV), Per Mertesacker (FC Arsenal), Shkodran Mustafi (Sampdoria Genua)

          Mittelfeld: Lars Bender (Bayer Leverkusen), Julian Draxler, Leon Goretzka, Max Meyer (alle Schalke 04), Mario Götze, Toni Kroos, Thomas Müller, Bastian Schweinsteiger (alle FC Bayern München), André Hahn (FC Augsburg), Sami Khedira (Real Madrid), Mesut Özil, Lukas Podolski (beide FC Arsenal), Marco Reus (Borussia Dortmund), André Schürrle (FC Chelsea)

          Angriff: Miroslav Klose (Lazio Rom), Kevin Volland (1899 Hoffenheim)

          Kader fürs Polen-Spiel am Dienstagabend

          Tor: Marc-André ter Stegen (Borussia Mönchengladbach), Ron-Robert Zieler (Hannover 96)
          Abwehr: Matthias Ginter (SC Freiburg), Christian Günter (SC Freiburg), Benedikt Höwedes (FC Schalke 04), Sebastian Jung (Eintracht Frankfurt), Shkodran Mustafi (Sampdoria Genua), Antonio Rüdiger (VfB Stuttgart), Oliver Sorg (SC Freiburg)
          Mittelfeld: Maximilian Arnold (VfL Wolfsburg), Lars Bender (Bayer
          Leverkusen), Julian Draxler (FC Schalke 04), Leon Goretzka (FC
          Schalke 04), André Hahn (FC Augsburg), Christoph Kramer (Borussia
          Mönchengladbach), Maximilian Meyer (FC Schalke 04), Sebastian Rudy (1899 Hoffenheim)
          Angriff: Kevin Volland (1899 Hoffenheim)

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