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WM-Gegner Paraguay : Jose Luis Chilavert: Der Herrscher schießt scharf

  • -Aktualisiert am

Führungsfigur und Exzentriker: Jose Luis Chilavert Bild: AP

Mit dem Exzentriker im Tor des deutschen Achtelfinal-Gegners Paraguay und Oliver Kahn duellieren sich die dominantesten Keeper-Charaktere bei dieser WM.

          Ein Fußball-Tor von 2,44 Meter Höhe und 7,32 Meter Breite zu bewachen, hat Jose Luis Felix Chilavert noch nie ausgereicht. Weniger seine Paraden als 58 Freistoß- und Strafstoßtore haben den Torwart zu weltweiter Bekanntschaft verholfen. Sein Hoheitsgebiet möchte der 36-Jährige nun noch weiter ausdehnen. Die Chancen am Samstag stehen gut.

          „Bei einem Sieg über Deutschland wäre bei uns Karneval, dann könnte José Luis Chilavert sogar Staatspräsident werden“, sagt ein Journalist aus Paraguay. Es ist nicht das Spiel der Spiele für die „Guaranis“, wie die Nationalelf in Anlehnung an die Ureinwohner des Landes genannt wird. Es ist das Spiel für Chilavert.

          Auge in Auge mit Kahn

          Schon bei der Platzwahl am Samstag wird ein Raunen durch das World Cup Stadium von Seogwipo gehen. Dann stehen sich Kahn und Chilavert gegenüber - die dominantesten Keeper-Charaktere, die diese WM zu bieten hat.

          Paraguay hatte bisher kein Glück: Chilavert beschwert sich beim Schiedsrichter

          Zwei Kapitäne, strotzend vor Selbstbewusstsein, vor Machtanspruch. „Er ist ein extrovertierter Spieler“, sagt Kahn über Chilavert, „der das Spiel ähnlich interpretiert wie ich. Er versucht, die Mannschaft zu pushen, für Stimmung zu sorgen und Zeichen zu setzen.“

          Ob in Ermangelung von auffälligen Feldspielern ein starker Schlussmann der Star dieses Turnier werde könne, wurde Kahn am Freitag gefragt. „Das halte ich für möglich. Aber warten wir die WM mal ab“, sagt das deutsche Geburtstagskind.

          Chilavert hält das für selbstverständlich. Selbstinszenierung ist bei ihm seit Jahren eine Selbstverständlichkeit.

          Jeder Freistoß bietet eine Bühne

          Vor allem ist jeder Freistoß in Strafraumnähe die ideale Bühne, sich ins Bild zu rücken. Nach dem langen Anlauf aus dem Tor folgt ein konzentrierter Anlauf und meist ein gefährlicher Schuss. „Mir war so ein Erlebnis noch nicht vergönnt“, sagt Kahn.

          Und Teamchef Rudi Völler kündigt an, Chilavert nicht als Freistoßschütze in Szene zu setzen. „Wir wollen testen, ob er ein guter Torwart ist.“

          Momentan beim französischen Zweitligisten Racing Straßburg kann er das nicht so recht zeigen. Er ist zwar beliebt, doch im Mittelpunkt steht er meist nur, wenn er seine Aufgaben als Torhüter weiter fasst als andere. Wie in einem französischen Pokalfinale, welches der 1,93 Meter große und fast zwei Zentner schwere Keeper mit einem gehaltenen und einem verwandelten Elfmeter allein entschied.

          Deutscher Respekt ist begrenzt

          Der gute Schuss ist nicht von Gott gegeben. Chilavert arbeitet täglich daran. Nach jeder Trainingseinheit übt er. 80, 90, 100 Stück, je nach Laune, und um Wettkampfbedingungen zu simulieren, hat er sich eigens eine fast zwei Meter hohe hölzerne Mauer konstruieren lassen.

          Der deutsche Respekt hält sich trotzdem in Grenzen: Völler hält ihn für „einen unheimlich erfahrenen Torwart, aber er hält nicht die Unhaltbaren wie Oliver Kahn.“ Bundestrainer Michael Skibbe hat einen „extravaganten Schlussmann mit gewissen Schwächen“ ausgemacht. „Vor dem haben wir doch keine Angst“, tönt Jens Jeremies.

          Exzessive Ausfälle

          Chilavert war für fünf Länderspiele gesperrt, weil er in der Qualifikation für diese WM den Brasilianer Roberto Carlos angespuckt hatte, deshalb saß er beim 2:2 gegen Südafrika neben Trainer Cesare Maldini nur auf der Ersatzbank.

          Exzessive Ausfälle, das passiert ihm häufiger. Nur bei einer Weltmeisterschaft fügt er sich, Vor vier Jahren hatte er nach einer famosen Vorstellung im Achtelfinale den späteren Weltmeister Frankreich mit einem torlsoen Remis in der regulären Spielzeit an den Rande des Scheiterns gebracht.

          Genie und Wahnsinn oder Fausthiebe

          Beim Gegentor von Laurent Blanc bekam der Torwart einen Wutanfall. Und vielleicht war es damals gut, dass niemand in der Nähe stand.

          Dem Kolumbianer Fausto Asprilla hat einst mit einem Fausthieb malträtiert. Der einstige Welttorhüter ist für jede Art von Überraschung gut. auch sportlich: Genie oder Wahnsinn waren gerade erst beim 3:1 gegen Slowenien zu besichtigen. S

          Sensationellen Reaktionen stand der Anfängerfehler beim Gegentor gegenüber, als der massige Schlussmann nicht rechtzeitig seine schweren Beine schließen konnte. In der Heimat hat er einen fast göttlichen Status. Dort werden für Chilavert („Alle guten Torhüter sind aggressiv.“) schon mal Recht und Gesetz zurechtgerückt. Als er beim argentinischen Spitzenklub Velez Sarsfield spielte und wegen einer Schlägerei 13 Monate Berufsverbot plus eine Gefängnisstrafe von drei Monaten kassierte, durfte er drei Tage nach Urteilsverkündung wieder in der Nationalelf ran - Amnestie wegen nationalen Fußballnotstandes.

          Anwärter als Nationaltrainer

          Gern mischt er sich in die heimische Politik ein. Er sagt dann so Sätze wie, er wolle „das Land reinwaschen“ und dass für Bildung und Gesundheit mehr Geld zur Verfügung gestellt werden sollen und dass er Präsident werden will. Es gibt einige in Paraguay, die halten das nicht für ausgeschlossen.

          Wahrscheinlicher ist aber, dass der Exzentrische und niemals Stille, bald die Nationalelf übernimmt. Schon jetzt gilt er mit seinem diktatorischem Auftreten innerhalb der Mannschaft als der heimliche Chef, der 70-jährige Cesare Maldini habe nicht mehr viel zu sagen, heißt es.

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