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WM-Analyse : Opfer und Folgen der globalisierten Fußball-Welt

  • -Aktualisiert am

Die Entscheidung 2002 Bild: dpa

Zu wenig Platz, zu wenig Tore, zu wenig Einfälle ergaben bei der WM 2002 zu viele Überraschungen. Die Folgen für den Fußball in der FAZ.NET-Analyse.

          3 Min.

          In der letzten Instanz des Fußballs trifft es den Trainer. Nur noch zehn Nationaltrainer sind drei Tage nach dieser Weltmeisterschaft im Amt. Der Sündenbock aller Versäumnisse in Sachen Technik und Taktik sitzt auf der Bank.

          Vielerorts ist diese Weltmeisterschaft nicht den hohen Ansprüchen und übersteigerten Erwartungen gerecht geworden. Die Fußball-Funktionäre aller Herren Länder ignorieren dabei jedoch, dass die Welt des Fußballs 2002 eine Entwicklung genommen hat, in der fast jedes Ergebnis möglich erscheint.

          Dass die virtuelle Computer-WM kurz vor der wahren in Asien den fast finalen Treffer Türkei gegen Deutschland vorhersagte, spricht für ein Turnier, das Zufälle und Überraschungen im Überfluss produzierte.

          Fußball verbreitet sich bis in den letzten Winkel der Welt

          Austauschbare Zufallsspiele

          Mannschaften und Ergebnisse schienen noch nie so austauschbar wie diesmal. Gerade deshalb würde Franz Beckenbauer erneut auf seine WM-Favoriten Argentinien und Frankreich setzen, wäre in vier Wochen noch einmal Anpfiff zum Weltchampionat. Und der „Kaiser“ hätte vielleicht sogar recht.

          Als ausgeglichen wie nie zuvor bezeichnen Experten und Spieler die abgelaufene WM. Es gibt keine Kleinen mehr, wurde zum Lieblingssatz von Rudi Völler. Auch wenn sich der Aufstand Asiens auf die Gastgeber Südkorea und Japan und der Angriff aus Afrika auf Senegal beschränkte, so blieb doch die Erkenntnis haften: Auch die Fußball-Welt ist globalisiert.

          Ordnung das höchste Gut

          „Bis in den entlegensten Winkel der Welt weiß man, wie Fußball funktioniert. Denn die Trainer aus Europa arbeiten mittlerweile überall“, klärt Oliver Kahn auf. Fast das ganze Team des Senegal spielt in der französischen Liga. Und so schlugen die Lehrlinge den Lehrmeister mit eigenen Waffen.

          Die Nivellierung von Kraft und Kondition, Technik und Taktik produziert nicht nur Positives. Ab dem Achtelfinale, die Fußball-Welt schien gerade in größte Unordnung geraten, war plötzlich auf dem Platz die Ordnung das höchste Gut. Im Zwangskorsett einer merkwürdigen Mischung aus taktischer Erstarrung und lähmender Angst wurde mit dem K.-o.-System das Risiko minimiert.

          Zu wenig Tore

          Früher hieß es: „Wer 1:0 führt, der stets verliert“. Heute ist es umgekehrt: Wer den ersten Fehler macht, hat kaum noch eine Chance. Zwischen Achtelfinale und Endspiel endeten sechs Partien 1:0. Nur in zwei von 16 Spielen drehte eine Mannschaft einen 0:1-Rückstand noch um - Südkorea besiegte Italien 2:1, ebenso Brasilien England. Ansonsten galt die Regel: Wer den ersten Fehler macht, ist raus.

          Die Folge: Angst fressen Seele auf. Ein fataler Fehlgriff, aber auch ein falscher Pfiff - und schon ist alles aus. Deshalb fürchtet man sich vor der Offensive und stellt stattdessen in der Defensive alle Räume zu. Bezeichnend, dass die Deutschen ihr einziges Spiel verloren, als ihr Torwart seinen ersten Fehler machte.

          Dem Fußball bringt diese neue Verteidigungsstrategie nicht voran. Die Dramatugie leidet, es fehlt an torreichen Achterbahnfahrten wie in den siebziger und achtziger Jahren. 2002 fielen ab der K.-o.-Runde nur 36 Tore, vor vier Jahren waren es noch 45, 1994 sogar 48.

          Zu viel Gerenne

          Mehr denn je wird der Fußball der Moderne vom läuferischen Vermögen geprägt. Überzahl zu bilden in allen Teilen eines durch verschiebbare Viererketten verengten Spielfeldes, ist oberstes Gebot. Techniker wie Zinedine Zidane, David Beckham und Luis Figo werden umzingelt. Zudem sind die Topstars ausgelaugt vom strapaziösen Dauerbetrieb in Liga und Champions League. Beide Komponenten ergeben als Konsequenz: das kreative Spiel erstickt und der kapriziöse Star erblasst - mit brasilianischer Ausnahme.

          „Das Niveau auch dieser WM war anspruchsvoll“, empfand Dietmar Hamann. Doch der deutsche Stratege hat gut reden: Er, der Prototyp des laufstarken und zweikampfstarken Mittelfeldspielers, ist im steten Behauptungskampf der Zentralzone mit den nötigen Fähigkeiten ausgestattet.

          Neue Maßstäbe für Form und Fitness

          Neben den Hamanns dieser Welt kam das auch den flinken Koreanern und den fleißigen Amerikanern entgegen. Es war kein Zufall, dass zwei Nationen überraschten, die sich den Luxus gönnen konnten, ihre Auserwählten wochenlang auf das Event in Asien einzustimmen. Vor allem die koreanischen Kicker kamen in Form und Fitness zum Turnier, die weltmeisterlicher Maßstab war.

          „Läuferisch und taktisch sind wir am Limit angelangt“, beschrieb Rudi Völler die Fähigkeiten seiner Mannschaft. Eine Aussage, die für viele Teams dieser WM galt. Was aber die spielerische Weiterentwicklung behindert.

          Was ist gegen die Stagnation zu tun?

          Die Folge? Zum ist einen der Terminplan in Europa zu entzerren, vor allem gehört die abermals für drei Jahre unsäglich aufgeblähte Champions League auf den WM-Modus umgestellt.

          Zum anderen ist es an der Zeit, endlich über revolutionäre Regeländerungen nachzudenken. Weniger Spieler auf den Platz, eine andere Abseitsregel sind Gedankenspiele. Am sinnvollsten wäre etwas, worüber der Weltverband schon einmal laut nachgedacht hatte: die Tore vergrößern. Der Aufwand wäre gigantisch - nur sind das die Einnahmen, die die Fifa generiert, nicht auch?

          Regeln noch zeitgemäß?

          Als die Regeln vor über 100 Jahren entworfen wurden, waren die Fußballer im Schnitt zehn Zentimeter kleiner als heute und sie sind auf dem unverändert großen Feld halb so viel gelaufen. Noch in den siebziger Jahren genehmigten sich die Ausnahmekönner eine Auszeit an der Mittellinie, stemmten die Hände in die Hüfte und schauten dem Treiben interessiert zu.

          2002 sprintet im WM-Finale ein Oliver Neuville von hinten links nach vorne rechts, dann wieder zurück, erkämpft sich den Ball, rennt zum eigenen Tor, passt zu Oliver Kahn und läuft erneut in Position in vorderster Front. Da gab es in Yokohama am 30. Juni großen Applaus - doch eigentlich ist ein solches Stürmerverhalten Anlass, über Änderungen nachzudenken.

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