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WM-2006-Affäre : Millionen aus dem Blatter-Reich?

Beckenbauer und Blatter im Jahr 2000 Bild: Reuters

Im Fall Beckenbauer untersuchen Schweizer Staatsanwälte auch die Zeit nach der WM 2006. Es geht längst nicht mehr nur um die dubiosen 6,7 Millionen Euro, die beim DFB einfach verschwanden.

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          Der Fall um die dubiosen Zahlungsströme zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 und die Rolle des damaligen Organisations-Chefs Franz Beckenbauer erhält eine neue Dimension. Nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung geht die Schweizer Bundesanwaltschaft nun auch Geldflüssen in Millionenhöhe nach, die in der Zeit zwischen 2008 und 2011, nach dem WM-Turnier in Deutschland, als Beckenbauer Mitglied der Exekutive des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) war, beim angeblichen Empfänger Beckenbauer gelandet sein sollen. Zu erfahren ist, dass Beckenbauers damaliger enger Vertrauter, Fedor Radmann, bei den Transfers zwischengeschaltet worden sei. Auf Anfrage bestätigte die Schweizer Bundesanwaltschaft in Bern am Freitag, dass nicht nur – wie am Donnerstag veröffentlicht – Strafverfahren gegen Beckenbauer, die ehemaligen Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Theo Zwanziger und Wolfgang Niersbach, sowie den früheren DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt eröffnet wurden, sondern auch gegen Radmann.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Christoph Becker

          Es geht also nicht mehr nur um die dubiosen Zahlungsflüsse vor der WM 2006, die Legendierung der Überweisung von 6,7 Millionen Euro im Jahr 2005, die Überweisungen von insgesamt zehn Millionen Franken im Jahr 2002 auf Geschäftskonten des vom Fußball lebenslänglich ausgeschlossenen ehemaligen Funktionärs Mohamed bin Hammam, die der Qatarer bestreitet, und die Überweisung von sechs Millionen Franken auf ein Konto, auf das Beckenbauer Zugriff hatte, von der Beckenbauer aber nichts mitbekommen haben will. Die neue Zielrichtung der Ermittlungen betrifft Beckenbauers Zeit im Exekutivkomitee der Fifa, dem er bis 2011 angehörte. Welchen Grund könnten mögliche Zahlungen der Fifa an ihn damals gehabt haben? Die Position an der Spitze der WM-Organisation für 2006 als Präsident des Organisationskomitees hatte Beckenbauer offiziell ehrenamtlich übernommen.

          Fest steht: In der Zeit unter dem alten Fifa-Präsidenten Blatter kam es innerhalb der Exekutive, des höchsten Fifa-Gremiums, regelmäßig zu freihändigen Begünstigungen. Jedem Mitglied des Exekutivkomitees stand eine feste Entschädigung, aber auch ein Bonus zu. Schriftlich geregelt war kaum etwas. So erhielten verschiedene Funktionäre auch unterschiedliche Vergütungen. Könnten Zuwendungen an Beckenbauer Teil des Patronagesystems von Blatter gewesen sein? Die Sache erinnert an den Fall Blatter/Platini. Der ehemalige Fifa-Chef hatte im Jahr 2011 eine Zahlung von zwei Millionen Franken an Michel Platini, den inzwischen ebenfalls gesperrten Präsidenten des europäischen Fußballverbandes, der damals wie Beckenbauer Mitglied der Fifa-Exekutive gewesen ist, angewiesen.

          Nach Angaben der beiden Funktionäre erfolgte die Vergütung aufgrund einer mündlichen Absprache aus dem Jahr 1998 und zur Entlohnung für Beratertätigkeiten Platinis in den Jahren 1999 bis 2002. Dieser Begründung folgten die Untersuchungsinstanzen allerdings nicht. Die Fifa-Ermittlungskammer ging sogar von Korruption aus. Blatter wehrt sich weiterhin gegen seine Sperre, jüngst verhandelte er vor dem Internationalen Sportgerichtshof Cas.

          Im Falle Beckenbauers stellt sich die Frage, falls diese Millionenbeträge wirklich flossen, warum Radmann zwischengeschaltet worden ist. Wurden die Einkünfte versteuert? Auf Anfrage wollte Beckenbauer dazu keine Stellung nehmen. Radmann war nicht zu erreichen. Die Fifa sprach von einem laufenden Verfahren der Behörden, das man nicht kommentieren wolle. Generell wolle man sich nicht zu Handlungen oder Aktivitäten von Personen äußern, die keinen direkten Bezug zur Fifa mehr hätten.

          Neue Anhaltspunkte für die Ethik-Kommission

          Offenbar ergeben sich aus dem Vorstoß der Bundesanwaltschaft in Bern aber neue Anhaltspunkte für die Ermittlungskammer der Fifa-Ethikkommission. „Wir untersuchen den gesamten Themenkomplex und können das Verfahren jederzeit ausweiten, wenn aus den Ermittlungen neue Erkenntnisse zu Tage treten“, bestätigte ein Sprecher der F.A.Z. Hier wurde zuletzt schon wegen der 6,7 Millionen Euro eine Untersuchung gegen die deutschen Funktionäre eingeleitet.

          Interessant mit Blick auf Beckenbauers Zeit in der Fifa-Exekutive und die Ermittlungen gegen Radmann ist eine Aussage von Wolfgang Niersbach bei der Befragung durch Anwälte anlässlich der internen DFB-Untersuchung zum WM-Skandal. Die Worte des ehemaligen DFB-Präsidenten sind im Untersuchungsbericht dokumentiert. Niersbach erwähnte ein Gespräch zwischen Radmann und dem damaligen stellvertretenden Fifa-Generalsekretär Markus Kattner. Dieser habe Radmann in einem Gespräch im Sommer 2015 gesagt, dass Fedor Radmann „lieber vorsichtig sein solle, denn da gebe es auch noch ganz andere Vorgänge“. Kattner habe sich dabei jedoch nicht auf die Vergabe der WM 2006 oder die Zahlung von 6,7 Millionen Euro bezogen. Die Hintergründe für diese Aussage soll Kattner bereits bei den Fifa-Anwälten hinterlegt haben.

          Zwanziger will gegen die Ermittlungen vorgehen

          Theo Zwanziger, der 2003 an Stelle Radmanns ins Organisationskomitee der WM 2006 aufrückte, ließ unterdessen ankündigen, gegen die Ermittlungen der Schweizer Justiz juristisch vorgehen zu wollen. „Die Verfahrenseinleitung ist rechtswidrig und verletzt meinen Mandanten in seiner Ehre und seinen Rechten. Wir werden deshalb in der kommenden Woche Strafanzeigen gegen die Schweizer Ermittler sowohl bei der dortigen Bundesanwaltschaft als auch bei den deutschen Strafverfolgungsbehörden stellen“, kündigte Zwanzigers Anwalt Hans-Jörg Metz am Freitag in einer Mitteilung an. „Es wird verschwiegen, dass mein Mandant erst ab dem 01.07.2003 Mitglied des WM OK für die WM 2006 war. Er konnte also für die Geldflüsse im Jahr 2002 in der Schweiz, in die er auch in keiner Weise anderweitig eingebunden war, nicht verantwortlich sein.“ Zwanziger hatte Radmann einst abgelöst, weil dieser angesichts seiner zahlreichen Beraterverträge und Geschäftsverbindungen zu Firmen, die mit Aufträgen rund um die WM 2006 bedacht wurden, im Präsidium des Organisationskomitees nicht mehr tragbar war.

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