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Wladimir Klitschko : Niederlage mit Gewinn

  • -Aktualisiert am

Wladimir Klitschko: „Den Titel hol' ich mir wieder” Bild: dpa

Der Boxer Wladimir Klitschko richtet sich nach seiner überraschenden Knockout-Niederlage gegen den Südafrikaner Sanders wieder auf.

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          „Mit der Popularität ist es wie mit einem Koffer, der keinen Griff hat: sehr schwer zu tragen. Ich lese doch, was über mich geschrieben wird, daß mir die Zukunft gehört, daß ich in den nächsten Jahren das Schwergewicht dominiere. Aber das kann ganz schnell vorbei sein, dafür reicht ein einziger Schlag.“ (Wladimir Klitschko in einem Interview in der Samstag-Ausgabe des Berliner „Tagesspiegel“)

          FRANKFURT. Wladimir Klitschko eilt von einem Termin zum nächsten. Er stellt fest: Als Verlierer bin ich noch gefragter, als ich es als Sieger gewesen wäre. Nicht in Amerika, aber hier, in der alten Welt. Am Sonntag nach der Niederlage im Ring stand er wie vereinbart dem ZDF für eine Nachlese zur Verfügung. Der Haussender seines Arbeitgebers Universum Box Promotion kündigte noch in der Nacht vom Samstag auf Sonntag einen „Nachschlag“ an. Der Champion von gestern stellt sich, ohne mit der Wimper zu zucken.

          Am Montag erschien er, wie schon lange vorher terminiert, um im „Wilmersdorfer Fitness Club“ das Fitneßprogramm der Klitschko-Brüder vorzustellen. Wladimir kam ohne Sonnenbrille, die die frische, mit fünf Stichen genähte Wunde über dem linken Auge hätte kaschieren können. „Narben machen Männer schöner, interessanter“, habe man ihm erzählt. Dem Redefluß des smarten Boxers, den die Zeitung „USA Today“ in ihrer Dienstag-Ausgabe unbeirrt eine „charmante, mediensichere Persönlichkeit“ nennt, hat das abrupte Ende im Ring von Hannover nichts anhaben können.

          PR-Arbeit nach der Niederlage

          Und er wird nicht müde zu versichern, daß er zurückkommen, sich revanchieren wird. Fernsehsender und Rundfunkanstalten reißen sich darum, ihn als Interviewpartner zu gewinnen. Johannes B. Kerner hat ihn am Dienstag in seiner Talkshow als erster zu Gast. Die nächsten ein, zwei Monate will der Athlet „ganz ohne Boxen auskommen“, Abstand gewinnen, dafür aber alle öffentlichen Termine wahrnehmen. „Es hätte ja auch eine Insel sein können, irgendwo weit weg, an einem einsamen Strand. Aber ich entspanne mich in der Arbeit.“

          Vieles davon ist PR-Arbeit. An diesem Mittwoch steigt ein Sponsoren-Meeting, um einen neuen Fernseh-Spot abzusprechen. Alle Sponsoren, die sein Medienberater Bernd Bönte lieber „Partner“ nennt, „sind an Bord und bleiben an Bord“. Nach dem Kampf seien sogar neue Verträge abgeschlossen worden. Desweiteren steht an diesem Mittwoch an: Das ukrainische Fernsehen bekommt ein Satelliten-Interview, und wenn es der Terminkalender zuläßt, werden auch die Printmedien von Kiew bis Las Vegas bedient.

          Lewis-Trainer wünscht "Alles Gute"

          Aus den Vereinigten Staaten hat Emanuel Stewart unmittelbar nach der zeitversetzten Übertragung des amerikanischen Fernsehsenders HBO angerufen. Der Trainer von WBC-Weltmeister Lennox Lewis wünschte „alles Liebe und Gute“. Der Rückschlag im Ring ändere nichts daran, daß ihm, Wladimir, die Zukunft gehöre. Er sei und bleibe der monentan stärkste Schwergewichtsboxer - nach Lewis.

          Das verschafft Wladimir Klitschko Genugtuung - nach dem herben Urteil von Lewis-Manager Adrian Ogun, der so zitiert wird: „Lewis hatte immer wieder gesagt, daß Wladimir überbewertet ist, und damit hat er nun Recht behalten.“ Ogun hat den Ukrainer reizen, aber nicht aus der Reserve locken können: „Man sollte sich verschiedene Meinungen anhören“, sagt er diplomatisch. Ja, er habe sich das Video von der Niederlage gegen Corrie Sanders von der ersten bis zur letzten Sekunde angesehen.

          „Die Fehler sind bekannt“.

          Die Fehler seien ihm auch durch den Kopf gegangen, als er versuchte, Schlaf zu finden in den ersten Stunden des Sonntags. Allein, ohne Bruder Witali. Es sei zwar wichtig, jemanden wie ihn an seiner Seite zu wissen, aber mit der Enttäuschung und den Gefühlen müsse jeder selbst zurechtkommen. „Da hilft kein Bruder, kein Vater und keine Mutter.“ Es ist ihm immer noch ein Rätsel, warum er „so viele Fehler produziert“ hat.

          Er, mit fünf Berufsjahren in diesem Sport kein heuriger Hase mehr, habe sich hinreißen lassen, den Schlagabtausch zu suchen. Ausgerechnet er, der jedes Duell zuvor lieber abwägend als überhastet angegangen ist. Niemals zuor habe er sich so überraschen, ja überrumpeln lassen wie von Corrie Sanders. Er war sich am Samstag von Hannover selbst ein Rätsel. Nach zwanzig ruhelosen Minuten im Bett aber habe er seine „Gedanken auf Eis gelegt“ und „wunderbar geschlafen“.

          "Den Titel hol' ich mir wieder"

          Am nächsten Tag haben sie ihm dann erzählt, daß Kids vor dem Fernsehschirm gegesessen hätten, die er zum Weinen gebracht habe, als er flach im Ring lag, nicht mehr fähig, sich aufzurappeln. „Tut mir leid, den Fehler mach' ich nicht wieder, andere zum Weinen zu bringen“, läßt er ausrichten. „Es war eine sehr, sehr gute Lehre für mich. Den Titel hol' ich mir wieder, so schnell wie möglich, minimum drei Monate, step by step.“

          Schritt für Schritt, also doch nicht Holterdipolter. Boxlegende George Foreman zweifelt nicht am Comeback des Sechsundzwanzigjährigen: „Wladimir wird zurückkommen und stärker sein als je zuvor. Wie Ali, wie Lewis, wie ich. In vier bis fünf Monten sieht die Welt schon wieder anders aus.“

          Der Angesprochene macht den Eindruck, als stünde ihm die Welt jetzt schon wieder offen. Ohne Verzagtheit, ohne den Zweifel, daß es einen Wiederholungsfall geben könnte. Ihn umschmeichelt so etwas wie ein Mitleidsbonus für den besiegten Goliath. „Vom Gewinn des Verlierens“, so heißt eine sportethische Tagung in der Katholischen Akademie in Mülheim an der Ruhr. Wladimir Klitschko könnte am kommenden Wochenende dort teilnehmen - als Referent wie als Zuhörer.

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