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Wirkung des Hirns im Sport : „Unbewusste Siegeshemmungen“

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Komplexes Wunderwerk: Das Hirn hat großes Trainingspotential und fiese Mechanismen zu bieten Bild: Van Wedeen/Human Connectome Project

Den Sieger belohnt der Kopf mit Glücksbotenstoffen, der Verlierer spürt die Wut in sich aufsteigen. Neurobiologe Joachim Bauer spricht im F.A.Z.-Interview über die Wirkung des Hirns im Sport, die Gier nach Befriedigung und die Liebe zu Fairness.

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          Stellen Sie sich doch bitte einmal ein Siegerpodest nach einem harten Wettkampf vor. Was geht im Gehirn des Gewinners vor?

          Es kann gut sein, dass er - oder sie - einen Lustschauer am Rücken verspürt. Das hat mit der massiven Dopamin- und Endorphin-Ausschüttung zu tun, die immer dann passiert, wenn jemand von anderen eine maximale Anerkennung erfährt. Anerkennung und Belohnung aktivieren das Motivationssystem, das Dopamin, körpereigene Opioide und Oxytocin ausschüttet. Nur diese Botenstoffe - und sonst nichts - sind in der Lage, uns gute Gefühle zu machen und uns energetisch aufzuladen.

          Und was geht im Gehirn des Zweitplatzierten vor?

          Wahrscheinlich eine Mischung aus zwei Gefühlen, einerseits Schmerz über den nicht erreichten ersten Platz und andererseits Stolz, zu den besten drei zu gehören. Welches der beiden Gefühle überwiegt, hängt vom inneren Einschätzungsmuster des Besiegten ab. Wer eine jahrelange Sozialisation hinter sich hat, bei der nur erste Plätze zu Anerkennung führten, wird stärker die Verliereraspekte fühlen.

          Ist „Schmerz“ nicht ein zu drastischer Begriff für das Gefühl, nicht der Beste gewesen zu sein?

          Nein. Wenn ein Mensch die Anerkennung, die er sich wünscht, nicht bekommt, dann reagieren im Gehirn tatsächlich die Schmerzzentren. Besonders stark reagieren die Schmerzsysteme, wenn wir sozial ausgegrenzt oder gedemütigt werden. Das hat evolutionäre Gründe. Der Mensch war immer ein soziales Tier, Ausgrenzung war immer gefährlich. Schmerz zieht übrigens meistens Aggression nach sich, denn die Aggression ist zur Schmerzabwehr da. Das ist der Grund, warum ein Wettkämpfer, der einen zweiten Platz als Niederlage und Schmerz erlebt, in sich auch Wut aufsteigen spürt.

          Massive Dopamin- und Endorphinausschüttung: Diskuswerfer Robert Harting nach seinem Olympiasieg in London

          Eine Studie der Sporthilfe hat ergeben, dass viele erfolgreiche Sportler unter Existenzangst leiden und zu Doping oder Spielmanipulation bereit sind, um weiter Erfolg zu haben. Was läuft da neurologisch falsch?

          Wer eine Sportsozialisation hatte - also Familie, Jugendtrainer und dann Trainer -, in der ein zweiter Platz etwas Wertloses war, und wer dann über Jahre eine Durststrecke ohne Sieg hat, bei dem produziert das Motivationssystem des Gehirns keine Glücksbotenstoffe mehr, sondern schlechte Gefühle und jede Menge Frust. In einer solchen Situation hungert man nach guten Gefühlen, das Gehirn giert nach Befriedigung. In einer solchen Situation besteht die Gefahr, auf Doping-Mittel einzusteigen, um den Erfolg auf diese Weise zu erzwingen. Ein anderer, ebenso gefährlicher Ausweg ist die Sucht, denn Suchtmittel wie Alkohol, Nikotin oder Kokain aktivieren das Motivationssystem. Suchtmittel täuschen kurzfristig gute Gefühle vor, ruinieren dabei aber die Fitness.

          Was schließen Sie aus den Ergebnissen der Sporthilfe-Studie?

          Mein Eindruck ist, dass in manchen Bereichen des Sports eine Art Sozialdarwinismus herrscht. Das hat natürlich mit dem ganzen System des Sports und mit den Geschäften zu tun, die hier gemacht werden. Der eigentliche Sinn des Sports ist weder die Spitzenleistung noch das Geschäft. Aus medizinischer Sicht braucht der Mensch den Sport, weil nicht nur soziale Wertschätzung, sondern auch sportliche Bewegung die Motivationssysteme des Gehirns aktivieren, dessen Botenstoffe die Gesundheit fördern. Darum gehört Bewegung zu unserer biologischen Natur. Wir haben uns in unserer evolutionären Vorgeschichte Jahrhunderttausende bewegt, und unser Gehirn belohnt uns dafür. Darum soll der Sport vor allem Freude machen und uns Gemeinschaft erleben lassen. Ich will den Wettkampf nicht schlechtreden, aber das Wesentliche am Sport ist sein gesunderhaltender und Wohlgefühl erzeugender Effekt und nicht so sehr die Frage, ob irgendjemand besser ist als 10.000 andere.

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