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Weltmeister im Zweier-Bob : Nüchterner Triumphator im Eiskanal

  • -Aktualisiert am

Fingerzeig vom Champion: Francesco Friedrich im Ziel Bild: dpa

Auf seiner Heimbahn krönt sich Francesco Friedrich zum alleinigen Rekord-Weltmeister im Zweier-Bob. Doch der Triumph in Altenberg dient nur als Pflichtübung. Denn die wirkliche Herausforderung wartet noch.

          3 Min.

          Während Alexander Schüller den Bob zum Stillstand brachte, ballte Francesco Friedrich die rechte Faust. Danach klatsche er sich kurz mit seinem Anschieber ab. Mehr Emotionen erlaubte sich der 30-Jährige nicht. Der siebte WM-Titel im Zweier hintereinander – abgehakt. „Im Zweier war die Titelverteidigung, wenn alles normal läuft, relativ sicher“, sagte Mann aus Pirna ganz nüchtern. Mit zehn Siegen ist er nun auch alleiniger Rekord-Weltmeister. Im vergangenem Jahr hatte er diese Bestmarke, die der Italiener Eugenio Monti seit den 1950er und 1960er Jahren hielt, eingestellt.

          Der Triumph auf seiner Heimbahn in Altenberg war für Friedrich nur eine Pflichtübung. Im kommenden Jahr erst wartet die wirkliche Herausforderung auf ihn: Bei den Olympischen Spielen in Peking will er wieder zweimal Gold holen, wie schon 2018 in Pyeongchang. „Das hat noch keiner geschafft“, erklärt der Pilot, der in diesem Jahr mit 52 Weltcup-Erfolgen eine neue Bestmarke aufgestellt hat.

          Hundertstelsekunden entscheiden

          Wesentlich emotionaler als Friedrich war Johannes Lochner. Wie bei den Titelkämpfen im vergangenen Jahr im selben Eiskanal war der Pilot vom Königssee, der für den Bob-Club Stuttgart-Solitüde fährt, Zweiter geworden. Doch während vor zwölf Monaten sein Rückstand noch 1,25 Sekunden betrug, waren es dieses Jahr 2,05 Sekunden.

          Das sind Welten in der Sportart, in der es normalerweise um Hundertstelsekunden geht. Hans-Peter Hannighofer, der überraschend Dritter wurde, hatte nach den vier Fahrten einen Rückstand von 18 Hundertstel. Dem Vierten, Simon Friedli aus der Schweiz, fehlten etwa eine halbe Sekunde auf Lochner. „Da sieht man, wie nach das Feld zusammen ist“, sagte der Bayer. Um dann nach einer kleinen Pause anzufügen: „Und dann der Abstand zum Franz.“

          Dabei fand Francesco Friedrich durchaus noch Kritikwürdiges an seiner Vorstellung. Da wäre zum einen der Startrekord. Im letzten Durchgang waren er und Anschieber Alexander Schüller nach 5,11 Sekunden durch die erste Lichtschranke gefahren. Startrekord eingestellt. „Wir hätten gerne die 5,10 geschoben“, verkündete Friedrich. Das kalte Eis habe die Bestmarke verhindert, so die Mutmaßung des Piloten. Denn so seien die Kufen ein wenig auf dem Eis festgeklebt. Doch Friedrich kündigte schon an: „Wir haben noch ein paar Jahre, wo wir den Rekord verbessern können.“

          Lochners Enttäuschung

          Johannes Lochner hat längst aufgehört, sich die Frage zu stellen, warum Friedrich immer Erster und er meistens Zweiter wird. „Da kommen sehr viele Faktoren zusammen, warum Franz immer so dominiert“, sagt er, „es ist nicht einfach, sonst würden wir es ja auch machen.“ Einer der Faktoren: „Wenn ich nach einer tollen Fahrt oder einem Sieg vor Freude wie verrückt im Zielraum rumspringe, weil ich vielleicht eine halbe Sekunde Vorsprung rausgefahren habe, dann findet der Franz in der vergleichbaren Situation das Haar in der Suppe und bemängelt, was nicht gut war.“

          Am Ende des ersten Tages, als er schon mit 88 Hundertstelsekunden in Führung lag, lieferte Friedrich den Beweis für Lochners Behauptung. „Es kann so viel passieren“, begann er die Aufzählung aller Eventualitäten: „Es muss sich nur einer verletzen, am Start nicht reinkommen, wenn man beim Starteck zu weit rennt und aus der Spur rauskommt oder wenn man stürzt.“ Ausgerechnet der Perfektionist auf seiner Heimbahn, auf der er so viele Läufe absolviert hat wie kein anderer im Feld. „Wir haben noch zwei Läufe mit jeweils 17 Kurven und 50 Meter Start davor.“ Erst wenn er im vierten Lauf über die Ziellinie gefahren sei, dann sei alles sicher.

          „Meinen eigenen Weg gehen“

          Tatsächlich passierte im vierten Lauf ein Malheur. „Mir hat es nach Kurve 13 das Visier aufgehauen“, berichtet er, „dann habe ich es auf der Überfahrt zur 14 wieder zugemacht.“ Dass er danach in die Kurve 15 zu spät eingelenkt hat, wurmte ihn gewaltig. Nicht auszudenken, was Friedrich getan hätte, wenn ihn dieser kleine Lapsus den Titel gekostet hätte. Kaum einer ist näher am Rekordjäger Friedrich dran als sein Freund Lochner.

          „Ich versuche mir seit ein paar Jahren etwas abzuschauen, aber es funktioniert halt nicht“, sagte er ernüchtert, ohne seinen Humor zu verlieren: „Entweder muss ich genauer hinschauen – oder meinen eigenen Weg gehen.“ Wobei er diesen schon seit Beginn seiner Karriere geht. Denn er ist ein ganz anderer Typ. „Wenn man uns zwei vergleicht, dann findet man nicht viele Gemeinsamkeiten“, bekennt der Elektroingenieur, der sich nach seinem fünften WM-Silber trotzdem zwei Weißbier genehmigt hat. Francesco Friedrich hat sich dies nicht gegönnt. Deshalb gibt Locher zu: „Womöglich ist das am Ende der entscheidende Unterschied.“

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