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Zum Tode von Matti Nykänen : Das einsame Springer-Genie

  • -Aktualisiert am

Matti Nykänen: 1963-2019 Bild: dpa

Auf der Schanze gefeiert, im Leben gescheitert: der frühere Skispringer Matti Nykänen ist abgestürzt, immer wieder. Nun ist der Finne gestorben. Im Alter von 55 Jahren.

          Die Erinnerungen waren noch ganz frisch. Jens Weißflog erzählte im Herbst 2017 von einem Treffen mit Matti Nykänen im Sommer. Ein gemeinsamer Sponsor hatte die beiden genialen Skispringer nach Finnland eingeladen. Es sei ein trauriges Wiedersehen mit seinem ehemaligen Konkurrenten gewesen, so Weißflog. Der Exportchef der Firma, die Blockhäuser herstellt, war eigens nach Helsinki geflogen, um den Nationalhelden nach Kajaani zu begleiten. „Wir haben uns gefreut, dass wir uns wiedersehen“, berichtete der Mann aus dem Erzgebirge, „aber Matti war auch relativ schnell genervt.“ Das Programm mit Werksbesichtigung. Picknick am See mit Lagerfeuer und Lachs und Sauna war ihm zu viel. Als die Gruppe jedoch eine Sportschule besucht habe, da habe Nykänen Interesse gezeigt. „Da war er in seinem Element“, erinnert sich Weißflog.

          Als Skispringer war Nykänen überragend. Mit 18 Jahren gewann er 1982 in Oslo seinen ersten großen Titel. Am Holmenkollen wurde er Weltmeister auf der Großschanze. Ein Jahr später holte er sich am Saisonende zum ersten von insgesamt vier Mal die Große Kristallkugel als Gewinner im Weltcup ab. Und 1984 gab‘s wieder Gold. Bei den Olympischen Spielen in Sarajewo siegte Nykänen von der Großschanze. Sozusagen unsterblich machte er sich jedoch vier Jahre später. In Calgary gewann Nykänen dreimal Gold. Von der kleinen Schanze, vom großen Bakken und im Team. Das hat außer ihm bis heute keiner erreicht.

          Den ersten seiner 46 Weltcup-Siege ersprang er sich am 30. Dezember 1981 in Oberstdorf, seinen letzten am 1. Januar 1989 in Garmisch-Partenkirchen. Als der Finne 2013 seinen Rekord an den Österreicher Gregor Schlierenzauer (mittlerweile 53 Siege) verloren hatte, reiste er zum Springen nach Kuopio, um dem Österreicher persönlich zu gratulieren: „Gregor, du bist jetzt ein ganz großer Skispringer. Für mich der größte aller Zeiten.“ Zu dieser Zeit war Nykänen nur noch ein Schatten des glorreichen Skispringers von damals. Denn all die Titel und Medaillen haben Nykänen nicht geholfen, das Leben zu meistern. Er produzierte mehr Schlagzeilen als in seiner sportlichen Laufbahn. Es ging um seine drei Scheidungen, um eine Gefängnisstrafe wegen Körperverletzung, weil er einen guten Bekannten mit einem Messer attackierte. Er trat als Stripper auf und agierte in Erotikvideos. Immer war dabei Alkohol im Spiel. „Wenn du trinkst, lebst du wie in einer Blase, siehst keinen Sinn“, sagte Nykänen der Zeitung „Die Welt“. Er versuchte sich an einer Erklärung: „Ich stand viele Jahre im Mittelpunkt, alle haben sich um mich gerissen.“

          Doch eigentlich war er immer allein, sozial vereinsamt. „Matti ist menschlich, glaube ich, ein ganz einfacher Typ“, versuchte Konkurrent Weißflog eine Charakterisierung, „er lenkt sich gerne ab, beschäftigt sich mit irgendetwas, um nicht sprechen zu müssen. Mehr als drei Sätze kann man mit ihm eh‘ nicht sprechen.“

          In den 1980er Jahren, zur Hochzeit von Nykänen, war die Welt des Sports gerade im Umbruch. Sie war auf dem Weg weg von der reinen Leistung hin zur showbetonten Hochleistungsindustrie. Doch die Frühwarnsysteme waren noch nicht so ausgeprägt wie heute. So hat auch niemand interveniert, als der junge, skisprungverrückte Junge aus Jyväskylä die Schule abgebrochen und alles auf die Karte Sport gesetzt hat. Später wurden ihm alle Sonderrechte zugestanden, weil er als Springer so außergewöhnlich war. So durfte seine damalige Freundin Pia Hynninen ihn im Auto bis zu Schanze begleiten und er sie zwischen den Durchgängen im Wald besuchen.

          Skispringer war sein Leben: jenseits der Schanze kam Nykänen nicht zurecht

          Seine Landsleute haben ihm seine Eskapaden stets verziehen. Auf der Reise nach Kajaani sei, wenn Nykänen erkannt wurde, in der Schalterhalle, im Flugzeug, am Gepäckband immer nur „Matti, Matti, Matti“ gerufen worden. Selbst die Flugzeug-Crew sei ausgestiegen, um ein Foto mit ihm zu machen.

          In der Nacht zum Montag ist Matti Nykänen gestorben. Er wurde nur 55 Jahre alt. Die Todesursache ist noch nicht bekannt. In einem Interview hat der gefallene Held gesagt: „Die Hölle ist nicht so schlimm wie mein Leben jahrelang war. Die Hölle muss ein besserer Ort sein.“ Finnland verliert einen Nationalhelden, das Skispringen einen seiner größten Athleten.

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