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Rodel-WM am Königssee : Teures Gold im Eiskanal

  • -Aktualisiert am

Rodeln: In der Eisbahn ist das ein teurer Spaß. Bild: dpa

Seit Jahren dominieren die deutschen Rodler ihren Sport. Doch das ist ein teurer Spaß – auch für den Steuerzahler. Rechtfertigen lässt sich das nur mit Medaillen.

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          Der Schlitten ist eines der ersten Fahrgeräte der Menschheit gewesen. So steht es in der Hochglanzbroschüre für die Rennrodel-Weltmeisterschaft an diesem Wochenende am Königssee. Als Beweis für diese These dient den Autoren ein historischer Rückgriff: Schon in frühen Hochkulturen sind Kufenmodelle im Einsatz gewesen – beim Bau der Cheops-Pyramide.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Der Schlitten als Vehikel für ein Weltwunder. Immerhin hat es noch knapp viereinhalb Jahrtausende gedauert, bis Sportfreunde in Berchtesgaden auf die Idee gekommen sind, so ein Arbeitsgerät als Rennmobil zu nutzen. Statt einer Grabstätte für einen Alpenfürsten hat der Schlitten der Gemeinde Schönau die erste Kunsteisbahn am Fuße des Watzmanns gebracht. Sinnbildlich vergoldet mit den Medaillen der Athleten über die Jahrzehnte. Und mit dem Geld des Steuerzahlers. 28 Millionen Euro steckte der Bund zwischen 2010 und 2014 in das Projekt. Die öffentliche Förderung der Rennrodler und Bobfahrer – im deutschen Ranking liegen sie unter den Ersten im Sportartenkanon – weckt die Begierde angesichts der finanziellen Bedürfnisse. „Wir hören schon“, sagt Thomas Schwab, der Generalsekretär des Bob- und Schlittenverbandes für Deutschland, „dass ein paar Sportdirektoren anderer Verbände manches in Frage stellen. Sie sollten das lieber offen tun. Wir haben Antworten.“

          Olympiasieger Felix Loch

          Die sollen auf der Bahn gegeben werden, an diesem Samstag und Sonntag in den olympischen Wettbewerben. „Sechs Medaillen“ erwartet Schwab. Was nicht weniger wäre als eine Bestätigung: Die Deutschen fahren mit der Konkurrenz weiterhin Schlitten. Bei den Damen ist die Dominanz zwar gebrochen. Die Olympia- und Seriensiegerin Natalie Geisenberger hat nicht die brillante Form der vergangenen Saison bewiesen, wie auch die Niederlage am Freitag auf ihrer Heimbahn im nichtolympischen Sprint-Wettkampf gegen die Schweizerin Martina Kocher zeigte. Aber Mr. Rennrodel, Felix Loch, war auch am Freitag der Konkurrenz an Schnelligkeit und Eleganz ebenso voraus wie die Doppelsitzer Tobias Wendl/Tobias Arlt, die am Königssee Sprint-Titel Nummer zwei für Deutschland holten.

          In der öffentlichen Wahrnehmung nimmt das hohe Maß an Vorhersehbarkeit der Sause den Schwung. Schwab weiß das. Aber er hat keine Wahl, die internationalen Meisterschaften alle Jahre wieder zu einer deutschen zu formen. „Wir müssen gewinnen, klar. Eine längere Erfolglosigkeit würde unsere Existenz gefährden“, fügt Schwab hinzu und lacht: „Es ist halt teurer, Bob und Rennrodel durch die Welt zu transportieren statt zum Beispiel eine Badehose. Aber verglichen mit anderen Leistungszentren in Deutschland arbeiten wir sehr effektiv.“

          Felix Loch ist von Beruf Rennrodler. Er hat sich neun Monate auf die WM vorbereitet, mit zweimal Training am Tag, sechsmal in der Woche. Dazu kommen die Arbeit an seinem Schlitten und der Versuch, vom Ruhm etwas für das Leben nach dem Sport zu retten. Allein zwei Olympiasiege (Einsitzer) und vier WM-Triumphe bringen ihm so viel Bekanntheit, dass er zu seinem Gehalt als (weitgehend freigestellter) Polizist – geschätzt – 100 000 Euro netto an Werbegage pro Jahr verdienen kann. Stattlich. Die deutschen Konkurrenten mögen nur wenige Zehntelsekunden pro Lauf langsamer sein. Vom Werbetöpfchen aber kriegen sie so gut wie nichts ab. Ohne die vergütete Ausbildung bei der Bundespolizei (etwa 2500 Euro brutto) oder den Dienst in der Bundeswehr ließe sich das Niveau nicht erreichen. Entsprechend begehrt sind die Plätze – hoch der Anspruch. Wer auf der Bahn oder in der Polizeiausbildung versagt, wird schnell aussortiert.

          Medaillengaranten: Tobias Wendl und Tobias Arlt mit dem Doppelsitzer

          Der Nachwuchs drängt. Obwohl Rennrodeln kaum in den Fokus der Youtube-Generation gerät. Dabei erzählen die dramatischen Szenen mancher Filmchen vom Kick in der Röhre. Wer die Kontrolle verliert, wird wie eine Flipperkugel hin- und herausgeschleudert. 2010 starb der Georgier Nodar Kumaritaschwili in Whistler, weil er aus der Bahn geschleudert wurde. Die Gefahr fährt immer mit. Am Königssee erlitt ein Russe in der vergangenen Woche einen offenen Unterschenkelbruch. Die hohe Kunst des Rennrodelns aber wirkt unspektakulär: so flach wie möglich liegen, wenig lenken, keine Banden touchieren, in den mächtigen Steilkurven nicht hoch- und runterpendeln. Jeder Wackler, jeder Lenkfehler, jede Aufregung kostet Zeit. Begeistert schildern Experten die Ruhe Lochs im höchsten Stress, die Nuancen, die ihn von anderen unterscheiden. Der Bahnsprecher kündigt den Berchtesgadener mit Thüringer Wurzeln an. Schon huscht ein Schatten vorbei. Wer kein Experte ist, schaut auf die Uhr. Sie sagt, ob er gut war.

          Schwab macht aus dem Spezialistentum keinen Hehl: „Wir sind ein reiner Spitzensportverband.“ Ein Medaillenlieferant. So wie es sich Bundesinnenminister Thomas de Maizière wünscht. Nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung macht sich sein Ministerium aber Gedanken, an den Bahnen zu sparen. Es gibt vier in Deutschland, die alle mit Steuergeldern subventioniert werden. Am Königssee trägt die Allgemeinheit 550 000 Euro der 1,1 Millionen Euro Energiekosten (pro Jahr). Die andere Hälfte, sagt Schwab stolz, finanziere man selbst. „Die vier sind die Basis unseres Sports“, fügt er hinzu, „wenn wir eine verlieren würden, nähme man uns 25 Prozent.“ Und die Chance, ein Volksvergnügen auf der Winterwiese weiterzuentwickeln. In jedem Herbst wird es fröhlich an den Bahnen der Republik: Die Schulen verlegen den Sportunterricht in die Eisbahn. Früher war das anders, sagt der Präsident des Internationalen Verbandes, Josef Fendt: „Ich fuhr mit dem Schlitten zur Schule.“

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