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Klimawandel als Problem : Wie Wintersport ohne Schnee funktioniert

Grün-braun ist die Trendfarbe des Winters, nicht weiß, wie normalerweise im Wintersport. Bild: dpa

Die Wintersport-Saison hat längst begonnen. Doch im Dezember-Frühling 2015 ist Schnee Mangelware. Mancherorts wird schon über ganz verrückte Ideen nachgedacht, um dem Klimawandel zu trotzen.

          Die Schattenbergschanze, deren Turm weithin sichtbar über Oberstdorf thront, ragt in diesen Tagen besonders auffällig heraus: Umgeben von braunen Hängen und grünen Tannen wirkt das Areal am Fuße des mit Kunstschnee präparierten Aufsprung-Hügels wie aus einer Computersimulation in die Allgäuer Berglandschaft kopiert. Am Dienstag, als das Thermometer beinahe zehn Grad Celsius anzeigte, fand der Auftakt der Vierschanzentournee statt, den Severin Freund gewann.

          Bei der Organisation war des ungewöhnlich milden Dezembers wegen Improvisationsfähigkeit mehr denn je gefragt. Am Sonntag wurden per Laster weitere dreißig Kubikmeter Schnee – von Maschinen produziert – angeliefert; insgesamt wurden auf dem Hang rund 3000 Kubikmeter aufgebracht. Dabei war Handarbeit gefragt, denn für den Einsatz von Pisten-Bullys fehlte den synthetischen Massen die Konsistenz. Schon im November hatten die Organisatoren in einem kühlen Seitental mit der Herstellung von Kunstschnee begonnen, der seitdem in Hallen und unter dicken Folien gelagert wurde.

          „Wir richten die Schanzen ausschließlich mit Kunstschnee her. Schon aus Sicherheitsgründen, denn für die Athleten ist eine hart präparierte Piste besser. Da können wir mit Naturschnee nichts mehr anfangen“, sagt Walter Hofer, Renndirektor des Internationalen Skiverbandes. Eis oder Schnee seien „bei der Anfahrt und der Landung nach wie vor absolute Pflicht“, fügte der Österreicher an. „Die Klimathematik trifft auch uns Skispringer“, sagte Horst Hüttel, der Sportliche Leiter des Deutschen Skiverbands.

          Auch er musste am Montag mehr als eine Schrecksekunde überstehen, als die Absage des abschließenden Trainings im Raum stand. Ein Kurzschluss in einer Versorgungsleitung hatte die Arena lahmgelegt. Als Folge des Stromausfalls drohte der vereiste Anlauf, der aus zwei Keramikspuren besteht (in deren Boden mit Stickstoff gefüllte Kunststoffrohre für eine gleichmäßige Kühlung sorgen), zu schmelzen. Die freiwillige Feuerwehr sowie eilends angeschlossene Notstromaggregate lösten das Problem. (mah.)

          Bei der Vierschanzentournee in Oberstdorf ist nur ganz wenig Schnee zu sehen.

          Es gibt viel zu tun für die alpinen Renndirektoren des Internationalen Skiverbandes in diesen Tagen. „Nicht nur auf der Piste, auch am Telefon“, sagte Atle Skaardal in Lienz, wo der Weltcup der Frauen planmäßig stattfinden konnte. Der Schlossberg am Rande der Osttiroler Dolomiten musste zwar wie derzeit fast jede Piste beschneit werden, aber dank der schattigen Lage hielt sich der Kunstschnee seit November.

          St. Anton dagegen hat die für 9. und 10. Januar terminierten Weltcup-Rennen abgesagt. Die Bedingungen seien fürs Freizeit-Skifahren geeignet, nicht aber, um eine perfekte Weltcup-Piste zu präparieren. Der Ersatzort für St. Anton, Zauchensee, hat Probleme, den oberen Teil der Weltcup-Piste fertigzustellen, deshalb gibt es eine Sprint-Abfahrt in zwei Durchgängen. Zagreb hatte bis zuletzt auf eine Kaltfront gewartet - und musste doch die Slaloms zurückgeben.

          Auch beim Ski-Weltcup in Lienz reicht es gerade so zum Fahren.

          Eine noch größere logistische Herausforderung sei die Organisation des Trainings, vor allem für den Nachwuchs, sagt der Alpinchef im Deutschen Skiverband, Wolfgang Maier. In Österreich und Südtirol gebe es nur ein paar Skigebiete, „die in der Lage sind, Teams trainieren zu lassen“. Und dann tummeln sich viele Mannschaften auf derselben Piste. Für Abfahrt und Super-G, so Maier, gebe es kaum mehr Trainingsmöglichkeiten.

          „Im Nachwuchs wird man erst in zehn Jahren sehen, was kaputtging, weil wir fast nicht mehr zum Skifahren kommen.“ Dass vor Weihnachten akuter Schneemangel im Alpenraum herrsche, „ist mittlerweile Standard“, sagt Maier. In Österreich und Südtirol haben sie deshalb teure Beschneiungsanlagen angeschafft, mit denen man in 48 Stunden eine komplette Piste präparieren kann. Deutsche Gebiete verzichten darauf - aus Umweltschutzgründen. (eli.).

          Und am Ende hilft vielerorts nur noch Schnee aus der Kanone.

          In Oberhof haben sie bislang immer eine Antwort auf die Wetterkapriolen im Thüringer Wald gehabt. Und davon gab es zuletzt wahrlich genug. Da musste man für eine wettkampftaugliche Unterlage auch schon mal zu Crush-Eis aus Bremerhaven greifen, das normalerweise zum Kühlen von Fisch verwendet wird.

          Doch der Dezember-Frühling 2015 hat alle Anstrengungen dahinschmelzen lassen: Kein Biathlon-Weltcup im Januar. Und das, obwohl in diesem Jahr am Rennsteig endlich eine Auflage der Internationalen Biathlon-Union in die Tat umgesetzt wurde, um in Zeiten des Klimawandels auf der sicheren Seite zu sein: ein Schneedepot. Aber was hilft ein nagelneuer 15.000-Kubikmeter-Speicher, wenn noch nichts drin ist.

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          Und genau das ist der Vorteil von Ruhpolding, das den Oberhofer Weltcup nun übernommen hat. Ein Depot, das mit dem Schnee von gestern, also dem vom vergangenen Winter, prall gefüllt war. In der Chiemgau Arena hat man schon seit 2005 Erfahrungen mit der „Übersommerung“ von Schnee aus der Kanone. Immerhin 25 Prozent des „Zirmberg-Gletschers“, wie der weiße Berg unter mächtigen Styropor-Platten und einer dicken Silofolie genannt wird, schaffen es bis in die nächste Saison. Mit einem Teil davon wird schon im November eine Trainingsrunde präpariert. Und natürlich lässt sich im engen Tal unter dem Zirmberg, wo es immer ein paar Grad kälter ist als unten im Ort, zumindest nachts Maschinenschnee schießen.

          Notfalls könnte man sich auch mit Naturschnee aus höheren Alpenregionen behelfen. Aber wenn das mit dem Klimawandel so weitergeht, braucht man demnächst neben Depot und künstlicher Beschneiung noch eine dritte Komponente, ohne die es vielleicht bald nicht mehr geht: eine gekühlte Strecke. Nach dem Muster von Bobbahnen. Das ist kein Witz. Es gibt sie ja schon. In Kontiolahti/Finnland seit einigen Jahren, in Tjumen/Westsibirien erst seit kurzem: 2,5 Kilometer mit konstant minus sechs Grad Schneetemperatur. Ausgerechnet Skandinavien und Sibirien. Normalerweise dauert der Winter dort mindestens sechs Monate. Noch. (cld.)

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