https://www.faz.net/-gtl-xpe6
 

Wintersport-Kommentar : Punkten mit dem Publikum

  • -Aktualisiert am

Bei Wind und Wetter: Fans am Freitag beim Biathlon-Weltcup in Oberhof Bild: dpa

Eine Nation von Wintersportzuschauern ist Deutschland: Quer über die Republik strömen die Massen an Schießstände, Strecken und Schanzen. Man könnte der Welt 2018 in München zeigen, dass nicht nur König Fußball die WM-Stadien füllen und beben lassen kann. Das Potential zum Wintermärchen hat Deutschland.

          2 Min.

          Man weiß immer nicht so recht, ob man sie bewundern soll oder nur verständnislos den Kopf schütteln. Sie sind immer da, bei minus 10 Grad und Schneesturm genauso wie bei peitschendem Regen oder waberndem Nebel, der die Sicht auf den Schießstand verhindert. Sie lassen sich weder durch Glatteis, Schmelzwasserseen noch tiefen Schlamm aufhalten. Und sie kommen selbst bei ungünstigen Abendterminen in Massen, harren aus, tiefgefroren oder durchnässt, aber stets gut gelaunt, trinken und schreien sich warm, oft stundenlang.

          Sie sind schon besonders hartgesotten, die Biathlon-Fans. Nicht nur in Oberhof, wo an den fünf Wettkampftagen 101 000 Zuschauer unerschrocken der Wetterküche trotzten. Das wird auch diese Woche nicht anders sein, wenn der Tross nach Ruhpolding weiterzieht, in die für die Weltmeisterschaft 2012 mit einem Kostenaufwand von offiziell 16 Millionen Euro auf eine Kapazität von 28 000 Zuschauer aufgerüstete Chiemgau Arena. Das Publikum mag sich geändert, verjüngt, vom Fach- zum Partypublikum gewandelt haben – es strömt nach wie vor. Die Begeisterung mag schriller wirken, aber sie ist ungebrochen.

          Sogar in den Wintersport-Nischen lässt es sich gut aushalten

          Biathlon ist vielleicht ein extremes Beispiel für die Wintersport-Begeisterung in Deutschland, ein Einzelfall ist es mitnichten. Auch beim Skispringen sind von Oberstdorf über Garmisch-Partenkirchen bis Willingen die Stadien voll, ist Party angesagt. Und die alpine Ski-WM im Februar in Garmisch, da braucht man kein großer Prophet zu sein, wird zumindest ein Publikumserfolg. Selbst Skilanglauf, das hat die nordische WM 2005 in Oberstdorf eindrucksvoll bewiesen, kommt hierzulande beim Verbraucher bestens an. Natürlich bekommt nicht jede Sportart auf Ski oder Kufen ein richtig großes Stück vom Kuchen ab, aber sogar in den Wintersport-Nischen lässt es sich gut aushalten.

          Die klimatisch-geografischen Voraussetzungen sind hierzulande sicher nicht die besten, aber das ändert nichts daran, dass Deutschland eine Wintersportnation ist. Was die Erfolge angeht – immerhin steht bei Olympia 2010 in Vancouver der zweite Platz in der Nationenwertung zu Buche – und was das Interesse anbelangt. Deutschland ist eben auch eine Wintersportzuschauer-Nation. Vor Ort und sicher auch auf der Couch. Wie anders ist der Erfolg der Wintersport-Endlosschleifen im Fernsehen zu erklären, wie sonst die Verschiebung der Oberhofer Biathlon-Woche ins Vorabendprogramm. Wobei Interesse und Erfolg sicher zusammenhängen. Und die sportlichen Triumphe erklären sich über die Infrastruktur, über hohe Investitionen, und sicher auch als Erbe der deutsch-deutschen Geschichte.

          Vier Bob- und Rodelbahnen, die Skilanglaufhalle in Oberhof, moderne Schanzen quer über die Republik, eine nagelneue Eisschnelllaufhalle für die WM im März in Inzell, das runderneuerte Biathlonstadion in Ruhpolding, das alpine WM-Gelände in Garmisch: Es ist alles da. Deutschland braucht die Olympischen Spiele 2018 in München jedenfalls nicht, um eine Wintersportnation zu werden. Das ist längst der Fall. Aber man könnte der Welt durchaus zeigen, dass eben nicht nur König Fußball die WM-Stadien füllen und beben lassen kann. Kein Zweifel, mit seinem begeisterungsfähigen Publikum im Rücken hat Deutschland das Potential zum Wintermärchen.

          Weitere Themen

          Volle Kanne Sané

          Bayern in Bierzeltstimmung : Volle Kanne Sané

          Statt Pfiffe und Häme wie zuletzt bekommt er plötzlich wieder Sonderapplaus: bei Bayerns Torfest gegen Bochum ist Leroy Sané der gefeierte Mann. Woher kommt der Wandel?

          Topmeldungen

          Das französische U-Boot Shortfin Barracuda

          Australien zu U-Boot-Deal : „Wir haben unsere Bedenken geäußert“

          Paris wirft Canberra wegen eines geplatzten Rüstungsdeals „Doppelzüngigkeit“ vor. Der australische Außenminister weist den Vorwurf der Lüge jetzt entschieden zurück. Und auch die neue britische Außenministerin verteidigt den Deal.
          Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq

          Michel Houellebecq : „Ich war süß und hübsch“

          In einer erstmals auf Deutsch veröffentlichten Tagebuchaufzeichnung aus dem Jahr 2005 schreibt der französische Schriftsteller über das Verhältnis zu seiner Mutter und darüber, wie es seine Beziehung zu Frauen prägte.
          Mann des Tages: Leroy Sané

          Bayern in Bierzeltstimmung : Volle Kanne Sané

          Statt Pfiffe und Häme wie zuletzt bekommt er plötzlich wieder Sonderapplaus: bei Bayerns Torfest gegen Bochum ist Leroy Sané der gefeierte Mann. Woher kommt der Wandel?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.