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„Winter Game“ der DEL : Der Himmel erscheint als einzige Grenze

  • -Aktualisiert am

Eis statt Rasen: Im Nürnberger Fußballstadion wird Eishockey gespielt Bild: dpa

Es ist das größte Spektakel, das die DEL erleben wird. In Nürnberg treten die Ice Tigers gegen den Meister aus Berlin an - vor 50.000 Fans unter freiem Himmel. Das Spiel soll nur die Basis sein für künftige Sensationen.

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          Untenrum ist alles okay. Nach drei Wochen Bauarbeiten liegt die Eisfläche mitten in der Nürnberger Fußballarena auf einem Holzboden, der restliche Rasen und die Leichtathletikbahn drumherum sind mit schneeweißem Teppich abgedeckt, so dass der Stadioninnenraum mit etwas Phantasie einen winterlichen Eindruck macht. Und was das Allerwichtigste ist: Das Eis, auf dem gespielt wird, ist dank dreier Kältemaschinen nach Meinung aller Beteiligten in einem guten Zustand.

          Thomas Klemm
          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Alles Menschenmögliche haben die zehn involvierten Unternehmen also getan, um den Boden zu bereiten für das größte Spektakel, das die Deutsche Eishockey Liga (DEL) erleben wird. Was den Veranstaltern des ersten „Winter Game“ zwischen den Ice Tigers aus Nürnberg und dem deutschen Meister Eisbären Berlin einige Sorgen bereitet, ist nicht der Untergrund, sondern hoch droben der graue Himmel über dem Frankenland.

          Die Niederschlagswahrscheinlichkeit an diesem Samstag liegt laut Vorhersagen bei nahezu 100 Prozent, mindestens mit Nieselregen ist während des Freiluftspiels in Nürnberg zu rechnen. „Ein bisschen Regen ist kein Problem“, behauptet Lorenz Funk, Geschäftsführer der Ice Tigers und hauptverantwortlicher Organisator des DEL Winter Game: „Leichter Regen gefriert sofort, wenn er auf das Eis fällt.“

          Aber was geschieht, wenn es zwischenzeitlich schüttet wie aus Kübeln und der Puck nicht mehr über das Eis rutscht, sondern in einer Wasserlache steckenbleibt? „Man könnte das Spiel unterbrechen und das Wasser abtragen“, sagt Funk.

          Niemand denkt an Stimmungstöter

          Die DEL-Begegnung soll um 16.30 Uhr (live bei Servus TV) beginnen. Ins Wasser zu fallen droht das Sport-und-Show-Spektakel mit seinem fünfstündigen Rahmenprogramm zwar nicht, aber Spielverzögerungen sind witterungsbedingt nicht auszuschließen.

          Aber an Stimmungstöter mag niemand denken an diesem Tag, der in die Rekordbücher eingehen soll. Das erste Winter Game, das auf deutschem Boden stattfindet, wird eine neue europäische Höchstmarke im Freiluft-Eishockey erreichen. Der bisherige Rekord liegt bei 36.444 Zuschauern, die vor knapp zwei Jahren in Helsinki das finnische Erstligaspiel zwischen Jokerit und IFK verfolgten.

          Die Eisbären Berlin (links mit Daniel Briere) hatten in den vergangenen Jahren ein Abonnement auf den Meistertitel
          Die Eisbären Berlin (links mit Daniel Briere) hatten in den vergangenen Jahren ein Abonnement auf den Meistertitel : Bild: dpa

          Beinahe 50.000 Menschen werden nun im Nürnberger Stadion erwartet, dort, wo sonst der „Club“ um Bundesligapunkte kickt; das sind zwar knapp 28.000 weniger als einst im Mai 2010 beim WM-Eröffnungsspiel in der Arena auf Schalke. Aber die damalige Partie zwischen der deutschen Auswahl und dem Team der Vereinigten Staaten fand unter geschlossenem Dach statt.

          Der Berliner Mannschaftskapitän André Rankel, vor drei Jahren in Schalke dabei, fiebert nun seinem ersten Liga-Spektakel entgegen, wird während seiner Eiszeiten aber nicht viel davon mitbekommen: „Während des Spiels geht man voll konzentriert zur Sache, aber beim Aufwärmen oder zwischendurch auf der Spielerbank kann man die Atmosphäre in sich aufsaugen.“

          „Man fühlt sich zurückversetzt in die Kindheit“

          Wie für Rankel, der seine ersten Eishockeyerfahrungen als Berliner Steppke auf einem zugefrorenen Weiher sammelte, so erscheint auch anderen Beteiligten das Spiel im Freien wie eine Reise in die Vergangenheit. Eisbären-Manager Peter John Lee, der neue Nürnberger Trainer Bengt-Ake Gustafsson, der Ice-Tigers-Kapitän Patrick Reimer und viele Konsorten - sie alle erinnern sich angesichts der ersten DEL-Großveranstaltung an ihre Anfänge im Kleinen.

          „Man fühlt sich zurückversetzt in die Kindheit“, sagt der Bayer Reimer, „jetzt kann man es umso mehr genießen.“ Schließlich haben früher auf den gefrorenen Gewässern nicht Zehntausende zugeschaut, und von einem Vorspiel wie in Nürnberg mit Altstars wie Erich Kühnhackl und Dieter Hegen wagte früher auch kein Eishockeykind zu träumen.

          Der renommierte Schwede Bengt Ake Gustafsson ist neuer Trainer der Ice Tigers
          Der renommierte Schwede Bengt Ake Gustafsson ist neuer Trainer der Ice Tigers : Bild: dpa

          Knapp eine Million Euro lässt sich der Nürnberger DEL-Klub und vor allem sein Hauptsponsor, der Schmuckunternehmer Thomas Sabo, das erste Winter Game kosten. Kurzfristig ist der Erfolg garantiert: Die Zuschauer strömen, das frei empfangbare Fernsehen überträgt live und mit großem Aufwand, und das deutsche Eishockey gerät wieder einmal ins Gespräch.

          Dass die Veranstaltung wirtschaftlich mindestens mit einer schwarzen Null endet, wie Organisator Funk sagt, soll nur die Basis sein für künftige Sensationen. Die DEL-Führung macht sich Hoffnung, dass sich andere Vereine vom Nürnberger Auftakt inspirieren lassen und nachziehen, um ein Winter Game zu einem wiederkehrenden Saisonhöhepunkt zu machen.

          Hoffentlich ist die Strafbank überdacht

          Wie in Nordamerika, wo die Profiliga NHL seit 2008 ihr sogenanntes Winter Classic am Neujahrstag austrägt (wenn es nicht, wie am vergangenen Dienstag, wegen der Aussperrung ausfällt). „Das ist ein Push für die Liga“, behauptet DEL-Geschäftsführer Gernot Tripcke. Und es ist ein willkommenes Ereignis für den Deutschen Eishockey-Bund, der sich um die WM 2017 bewirbt und über ein international beachtetes Rekordspiel nur froh sein kann. Der Himmel scheint die einzige Grenze.

          Beim ersten Eistraining beider Teams am Donnerstag im leeren Stadion hatte der eine oder andere Profi, der empor blickte, nur eine Sorge: Hoffentlich ist die Strafbank überdacht. Nicht getrübt werden soll schließlich die „riesige Eishockeyparty, bei der jede Mannschaft eine große Schlacht liefern will“, wie Reimer sagt. Beim Duell zwischen den Ice Tigers und den Eisbären geht es, das ist nicht zu vergessen, auch um drei Punkte im Kampf um die Play-off-Plätze.

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