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WM am Königsee : Wie die deutschen Rodler ihre Konkurrenz stärken

  • -Aktualisiert am

Raus mit der Freude: Martina Kocher lässt die Schweizer jubeln Bild: dpa

Außerhalb von Deutschland wird die Rennrodel-Szene von einem Hoffnungsschimmer erfasst. Die Schweizerin Martina Kocher lässt darauf hoffen, dass die Rodel-Zukunft zumindest nicht nur schwarz-rot-gold ist.

          3 Min.

          Ein Hoffnungsschimmerchen erfasst die Rennrodel-Szene – außerhalb von Deutschland. Es scheint ein bisschen Abwechslung in Sicht. Martina Kocher heißt die Dame, sie kommt aus der Schweiz. Seit Freitag ist sie Sprint-Weltmeisterin. Das fällt nicht so sehr ins Gewicht, auf den ersten Blick. Weil die Kurzstrecke zwar ein vergnügliches Vorspiel ist, aber nicht zum olympischen Programm gehört. Aber Kocher zeigte endlich ihr großes Talent. Sie ist eher klein und zu leicht (61 Kilogramm) im Vergleich zur großen, gewichtigen Konkurrenz. Deshalb genoss sie am Wochenende die Zuneigung des Publikums für eine Außenseiterin. Unter großem Jubel der Zuschauer wurde sie am Samstag im olympischen Rennen Zweite hinter der tags zuvor geschlagenen Natalie Geisenberger. Was ist da los im Rennrodeln der Frauen?

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Thomas Schwab lächelt. „Gar nix Schlechtes“, sagte er am Ende der Weltmeisterschaften am Königssee im Berchtesgadener Land. Um den Hals des Generalsekretärs im Bob- und Schlittenverband für Deutschland (BSD) baumelten – virtuell – sechs Medaillen, die zwei goldenen (Herren/Doppelsitzer), die silberne (Geisenberger) vom Sprint und den Juniorinnen-Sieg (Julia Taubitz) nicht eingerechnet. In allen olympischen Rennen samt Staffel siegten die Deutschen: „Es ist so gekommen, wie ich das erwartet und gewünscht habe.“ Nämlich glänzend angesichts des fünften Einzel-Titels für den Rodelstar Felix Loch vor seinem Landsmann Ralf Palik und des Erfolges für die Doppelsitzer Wendl/Arlt vor ihren internen Konkurrenten Eggert/Benecken.

          Fast im siebten Himmel

          Aber Samstag hatte die deutsche Equipe noch kurz etwas sparsamer in die Runde geschaut, als Kocher, vom Sprint-Erfolg animiert, auf den zweiten Rang vorschoss und die Olympiasiegerin Tatjana Hüfner vom Podest stieß auf Rang vier. Die Damen-Dominanz von einst ist verflogen. Natalie Geisenberger strahlt in diesem Jahr nicht die Souveränität der vergangenen Saison aus, büßte am Königssee beim Start ein, krönte sich aber mit einer brillanten Fahrt im unteren Teil der Bahn. Sie freute sich über den Erfolg von Martina Kocher, wenn auch nicht mehr so ausgelassen wie bei deren Sprintsieg am Freitag, als sie die Schweizerin hochhob – fast in den siebten Himmel.

          Man kennt sich. So gut, dass die eingeweihten Zuschauer an der Bahn von einer hausgemachten Konkurrenz sprechen. Frau Kocher zieht mit den Deutschen durch die Rodel-Welt, trainiert mit ihnen, bekommt Unterstützung an der Bahn, beim „Material“ und teilt sich mitunter ein Zimmer mit Geisenberger. Echte Freudinnen halt. „Wir nähen zusammen“, sagt Kocher, „und machen uns auch schon mal die Nägel.“ Der Schweizer Verband, auch die zweite Rennrodlerin des Zwei-Frauen-Kaders ist quasi ein Adoptivkind der Deutschen, zahlt für Kost, Logis und Transport.

          Diese Kooperation ist klug. Der Rennrodel-Sport hat eine gute Konkurrenz dringend nötig. Auch deshalb reicht die Unterstützung sogar bis ins Politische. Den energischen Protest der Schweizerin gegen die Amerikanerinnen vor wenigen Wochen wegen eines illegalen Abnähens der Startnummern stützten die Deutschen. Bis sie erfuhren, dass Frau Kocher den Internationalen Rennrodel-Verband (Fil) in einem Brief mit der Fifa verglichen hatte. Weil der Protestnote eine zugegeben kuriose Antwort der Fil gefolgt sein soll: Es würden ja mehr als 50 Prozent der Athleten die Startnummern abnähen.

          Die Welt des Rennrodelns tickt etwas anders. Vieles, was in großen Sportarten schnell zu einem Skandal anwächst, wird ohne größeres Aufsehen geregelt. In diesem Fall zwischen Präsident und Athletin: „Sie hat sich zweimal in Briefen entschuldigt“, sagte Fil-Chef Josef Fendt auf Anfrage: „Für mich ist das erledigt.“ Fendt, Olympiazweiter von Innsbruck 1976, mag die Schweizerin schon aus professionellen Gründen leiden. Sie gehört zu dem „bunten Programm“, das der Berchtesgadener seinem Sport – bei allem Patriotismus – in der Spitze wünscht. Hinter der Deutschen und der Schweizerin landete die Russin Iwanowa auf Rang drei.

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          Vielfältigkeit, das gefällt auch dem Welt-Sport-Chef Thomas Bach. Der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees verbrachte laut Fendt vorwiegend aus alter Freundschaft und nicht der Geschäfte wegen eineinhalb Tage am Königssee. Der Franke genoss das kleine Volksfest an der idyllisch gelegenen Bahn, verpasste aber am Sonntag den Vollzug einer neuen Ordnung. Die Dominanz der deutschen Damen ist mit Lochs Triumph vor Palik nun auf die Herren übergegangen. „Wir haben uns gezielt auf die WM vorbereitet“, sagte Cheftrainer Norbert Loch und erläuterte, was sein Sohn seit dem ersten WM-Titel 2008 dazugelernt hat: „Er hat viel mehr Erfahrung mit dem Material, kann sich auf den Punkt vorbereiten und ist viel abgeklärter.“ Vor allem aber ist Felix Loch erst 26 Jahre alt. Das schürt die Hoffnungen – der Deutschen.

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