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Aufregung beim Skispringen : „Der zweite Durchgang war komplett irregulär“

Kam am Ende nicht in die Medaillenränge: Karl Geiger war nicht glücklich mit dem WM-Springen in Seefeld. Bild: dpa

Nach dem ersten Sprung liegt Karl Geiger aussichtsreich auf Platz zwei und hat sogar die Chance auf Gold. Doch dann kommt für die Skispringer beim WM-Wettbewerb von der Normalschanze alles anders.

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          Welch ein irrer Wettkampf. Niemals zuvor in der Geschichte Nordischer Skiweltmeisterschaften ist es einem nach dem ersten Durchgang auf Platz 27 liegenden Skispringer gelungen, doch noch Champion zu werden. Am Tag, als aus Regen Schnee wurde, sich die Qualität der Anlaufspur auf der Seefelder Toni Seelos-Schanze mehr und mehr verschlechterte und dadurch die Geschwindigkeit um zwei bis drei Kilometer pro Stunde reduzierte und zudem noch windige Wetterkapriolen für höchst widrige Bedingungen sorgten, ist genau dies passiert. Der Pole Dawid Kubacki, nach seinem ersten Flug auf 93 Meter scheinbar hoffnungslos abgeschlagen, katapultierte sich bei dieser Wind-Wetter-Schnee-Lotterie mit seinem zweiten Satz von 104,5 Metern tatsächlich auf den Weltmeisterthron. Dicht hinter ihm sein Landsmann Kamil Stoch, der 18. des ersten Durchgangs. Titelverteidiger Stefan Kraft, in den vergangenen Wochen mehr und mehr zu alter Form gekommen, schaffte als zwischenzeitlicher Zehnter noch den Sprung auf Platz drei.

          Der Österreicher fand es später ebenso wie sein verdutzter Rivale Stoch „verrückt, dass wir drei noch nach vorne gekommen sind“. Ein höchst diffiziler Wettbewerb, der nach dem Ende Fragen aufwarf, denn nicht nur Bundestrainer Werner Schuster vertrat die Ansicht, „dass hier heute die Sportler Kobayashi und Geiger veräppelt worden sind“. Der japanische Dominator und Grand-Slam-Sieger der Vierschanzentournee, der tags zuvor noch mit 108,5 Metern einen neuen Schanzenrekord aufgestellt hatte, lag am Freitag, als es wirklich zählte und um den Titel auf der Normalschanze ging, gleichfalls auf Kurs, denn er setzte mit 101 Metern die Bestmarke des ersten Durchgangs. Gefolgt von eben Karl Geiger, jenem zweimaligen Weltcupsieger, der in der Vorwoche zum Auftakt dieser WM auf der Innsbrucker Großschanze am Bergisel Silber gewonnen hatte.

          Der Oberstdorfer, der bei exakt 100 Metern zur Landung kam, war neben Ryoyu Kobayashi der einzige aller 50 Starter, der die 100-Meter-Marke in der ersten Runde knackte und sich deshalb berechtigte Hoffnungen auf eine weitere WM-Medaille machen durfte. Doch dann spielte das Wetter mehr und mehr verrückt, und Geiger hatte zudem das Pech, dass die Bedingungen sich genau dann nochmals verschlechterten, als er als Vorletzter vor Kobayashi in die matschige und langsame Anlaufspur musste. Er stürzte regelrecht ab und fand sich nach seinem zweiten Sprung, der ihn lediglich auf 92,5 Meter führte, auf dem 18. Platz wieder. „Das waren unfaire Bedingungen heute“, schimpfte Geiger. „Gerecht war da nix mehr. Ich war hier zwei Stundenkilometer langsamer als die anderen. Das ist schon unfair. Bei dem Wetter kannst du gar nichts machen, die Spur wurde von Springer zu Springer langsamer. Aber sie wollten es unbedingt durchziehen.“

          Selbst Stefan Horngacher, der Erfolgscoach der Polen, hätte sich gewünscht, „dass die Jury das Springen bei solchen Bedingungen auf Sonntag verlegt hätte“. Horst Hüttel, der Sportliche Leiter der deutschen Skispringer, geriet gar in Rage. „Der zweite Durchgang war komplett irregulär. Die Geschwindigkeit hat um drei Kilometer pro Stunde nachgelassen“, sagte er. Hüttel war nach dem Wettkampf außer sich und schimpfte auf die Wettkampfleitung. „Wenn das nicht irregulär ist, dann verstehe ich die Welt nicht mehr. Dafür gibt es ein Wettkampf-Management. Die haben kläglich versagt“, sagte er. Auch Bundestrainer Schuster war mit dem zweiten Durchgang nicht einverstanden. „Es ist kein Glanztag für unseren Sport“, sagte der am Ende dieses Winters aus seinem Amt ausscheidende 49 Jahre alte Österreicher.

          Bester Deutscher und trotzdem enttäuscht: Richard Freitag wird bei der Skisprung-WM Fünfter.
          Bester Deutscher und trotzdem enttäuscht: Richard Freitag wird bei der Skisprung-WM Fünfter. : Bild: Reuters

          Immerhin: Dass mit Kubacki, Stoch und Kraft drei Skispringer auf den Medaillenrängen landeten, die auch sonst zu den prägenden Figuren dieses Winters gehörten, fand Schuster letztlich in Ordnung. „Im Endeffekt sind die Sportler vorne, die das Training dominiert haben“, sagte der Bundestrainer. Er sprach nach dem Wettkampf von würdigen Siegern. „Das akzeptieren wir so.“ Richard Freitag, einer von Schusters Gold-Springern aus der Innsbrucker Weltmeisterschaft, wurde in diesem kuriosen Wettkampf Fünfter. Nach dem ersten Durchgang hatte der in Oberstdorf lebende Sachse noch auf Platz 19 gelegen.

          Doppel-Weltmeister Markus Eisenbichler, der gemeinsam mit Geiger sowie den beiden deutschen Skispringerinnen Katharina Althaus und Juliane Seyfarth den Mixed-Team-Wettbewerb an diesem Samstag (16.00 Uhr im ZDF und bei Eurosport) bestreitet, schaffte es noch von Platz 25 auf sieben. „Das waren schwierige Bedingungen, brutal hart. Ich habe es im ersten Durchgang vergeigt, aber bei diesen Verhältnissen war nicht mehr drin“, sagte der 27-Jährige. Keine Frage: Es war wirklich ein irres Weltmeisterschaftsspringen.

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