https://www.faz.net/-gtl-7wo9j

Skispringen : Freitag ist wie befreit

  • -Aktualisiert am

Auf dem aufsteigenden Ast: Skispringer Richard Freitag Bild: dpa

Den deutschen Skispringern gelingt ein erfolgreicher Auftakt in den Weltcup. Auch Richard Freitag fühlt sich wie befreit. Aus dem Frust rund um Olympia in Sotschi wird in Klingenthal nun Frohmut.

          3 Min.

          Da ist er noch nicht, der nächste Winter. Aber er kann ruhig kommen. Davon ist die Elite der deutschen Skispringer nach einem Wochenende in Klingenthal überzeugt, das mit seinem Sonnen-Nebel-Mix noch wie ein letzter Spätherbst-Ausflug anmutete. Das Team wähnt sich gerüstet für eine extralange WM-Saison, die mit dem Debüt auf sächsischem Kunstschnee einen hoffnungsvollen Anfang nahm.

          In der Besetzung Markus Eisenbichler, Richard Freitag, Andreas Wellinger und Severin Freund setzten sich die deutschen Skispringer im ersten Mannschafts-Wettbewerb überlegen durch, ehe am Sonntag in der Einzelwertung Wellinger als Dritter (140, 133,5 Meter) auch einen Platz auf dem Podest erreichte. Beim Sieg des Tschechen Roman Koudelka (138, 139,5) vor dem Österreicher Stefan Kraft (142, 136) reichte es für Eisenbichler als Achten und Freitag als Zehnten ebenfalls zu Plätzen in der Top Ten. Dass Heimspiel lieferte einige Indizien, „dass unser System funktioniert“, urteilte Bundestrainer Werner Schuster zufrieden.

          Die letzte Einstimmung auf die arbeitsreiche kalte Jahreszeit hatten sich seine Athleten an der spanischen Mittelmeerküste geholt. Der Coach genießt neben seiner fachlichen Kompetenz den Ruf eines begabten Motivators, der es wie wenige in der Szene versteht, die Sportler mit der Kraft seiner Worte und Ideen zu beflügeln. Am Strand in Marbella bestand sein Programm zum Form-Feinschliff hauptsächlich aus drei Komponenten: Abschalten („Einige Tennisturniere“), Auftanken („Gezieltes Athletiktraining“) und Anspornen („Viele Gespräche“) - in der Überzeugung, dass solch ein vorübergehender Ausbruch aus dem routinemäßigen Trainingsalltag einen wichtigen Beitrag dazu liefert, dass die eigenen Leute danach an den Schanzentischen abheben können.

          „Wir haben einen guten Start erwischt“, äußerte auch Freitag, „das spricht für unsere Vorbereitung.“ Die er, anders als vor zwölf Monaten, verletzungsfrei überstand und sich deswegen mit neuer Motivation behaupten möchte. Der 23-Jährige verpasste wegen einer Fußverletzung die Olympischen Spiele, von denen die Kollegen die Goldmedaille in der Mannschaftswertung mit nach Hause brachten. „Was die Jungs da gemacht haben, war der Wahnsinn“, sagte er der „Sächsischen Zeitung“, „aber der Schmerz saß tief.“ Es dauerte, bis er sich damit arrangiert hatte, dass er sich den Traum vom Triumph in Sotschi nicht erfüllen konnte. Auf einer längeren Reise durch die Vereinigten Staaten habe er den Frust besiegt und ihn in Frohmut verwandeln können: „Jedes Schlechte hat auch sein Gutes“, sagt er inzwischen.

          Guter Auftakt in Klingenthal: Andreas Wellinger landet auf Platz drei

          Bei der Veranstaltung in Klingenthal lobte Schuster sein letztjähriges Sorgenkind für seine „Kämpferqualitäten“. Er habe „nie an Richard gezweifelt“, sagte der Bundestrainer: „Ich habe die Geduld mit ihm, ich hoffe, er hat sie auch.“ Mehr an individueller Beurteilung gab es von ihm nicht, denn Schuster betonte, dass er „eigentlich niemanden“ aus seiner Truppe hervorheben wolle. Sie alle seien gerade im Teamduell „wie entfesselt“ aufgetreten und ließen dabei die Konkurrenten aus Japan und Norwegen um fast 30 Punkte hinter sich; im Skispringen sind das durchaus beeindruckende Dimensionen. Oder wie es Gregor Schlierenzauer, der österreichische Star, formulierte: „Das sah lässig aus.“

          Freitag musste schmunzeln, als er die Wertschätzung des langjährigen Meisters hörte. Er, der Sachse, ist ein reservierteres Naturell als der extrovertierte Tiroler. Teamgefährten schätzen seinen unaufdringlichen Charakter, während kritische Skisprung-Beobachter meinen, seine ruhige Art trage auch phlegmatische Züge, die ihn in der Vergangenheit gebremst habe, sein Können öfter in vorzeigbare Plazierungen umzuwandeln. Am 1. September begann Freitag eine Ausbildung zum Physiotherapeuten. Seither drückt er in Chemnitz wieder die Schulbank.

          „Ich habe gemerkt, dass mir die geistige Horizonterweiterung fehlt“, erklärt er die Beweggründe seiner Weiterbildung. Schuster findet, dass Freitag „befreiter wirkt“, nachdem er sich dazu entschlossen hat, früh in seiner Karriere ein zweites Standbein zu schaffen: „Das sorgt für eine innere Balance bei ihm.“ Dass er kürzlich erstmals den Sommer-Grand-Prix gewann, werten beide als gutes Omen. Freitag sagt, er gehe mit neuer Zuversicht zu Werke, habe aber gelernt, „dass der Weg zunächst wichtiger ist als das Ergebnis“. Das klingt einen Ton zurückhaltender, als er in Wirklichkeit wohl ist.

          Tatsächlich ist Freitag (auch) ein Sportler, den nicht nur beim unberechenbaren Flug durch die Lüfte die Lust am Risiko antreibt: Seine zweite Leidenschaft ist das Motorradfahren, am liebsten schnell. In seiner Freizeit brettert er mit Rennmaschinen schon mal über den Sachsenring. Beim Tempomachen auf schmalen Reifen „bekomme ich den Kopf frei“, sagt er. Es sei zudem eine gute Gelegenheit, das Balancegefühl zu testen und sich an die eigenen Limits „heranzuwagen“. Doch nun, da der Winter bevorsteht, bleiben die Zweiräder in der Garage. Freitag kann seine Courage anderweitig beweisen: Dreißig Wettkämpfe sind nach dem aussichtsreichen Beginn in den kommenden fünf Monaten, inklusive der WM in Schweden, noch zu absolvieren. So voll war sein Terminkalender schon lange nicht mehr.

          Weitere Themen

          Emotionaler Abschied von Uli Hoeneß Video-Seite öffnen

          „Ich habe fertig“ : Emotionaler Abschied von Uli Hoeneß

          Seit 1970 war Hoeneß als Spieler, Manager oder Präsident beim FC Bayern tätig und wurde in dieser Zeit zu einer polarisierenden Persönlichkeit des deutschen und internationalen Fußballs. Am Freitag war es für den Weltmeister von 1974 an der Zeit, zu gehen.

          Topmeldungen

          Robert Habeck und Annalena Baerbock sprechen die Sprache der grünen Neumitglieder.

          Eintrittswelle : Die neuen Grünen

          Anderen Parteien laufen die Mitglieder weg. Aber die Grünen, die gerade in Bielefeld auf ihrem Bundesparteitag zusammenkommen, können sich vor Aufnahmeanträgen kaum retten. Das schafft Probleme.
          Flugzeug von Korean Air in Frankfurt (Archivbild)

          Korean Air : Flugzeug-Kollision auf dem Frankfurter Flughafen

          Eine Boeing 777 der Korean Air ist in Frankfurt mit einem Flugzeug aus Namibia zusammengestoßen. Beide Maschinen wurden beschädigt. Den Unfall untersucht die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.