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Weltcup in Oberhof : Ein Desaster für die deutschen Biathletinnen

Nicht nur Franziska Hildebrand macht in Oberhof einen niedergeschlagenen Eindruck. Bild: dpa

Die deutschen Biathletinnen zeigen beim Weltcup in Oberhof ein kollektives Versagen. Damit hat niemand gerechnet. Und schon ist von Krise die Rede. Jetzt bleibt vor allem eine Hoffnung.

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          Rechtzeitig zum Biathlon-Weltcup hatte der Schneefall aufgehört, der in den vergangenen zwei Tagen die Räumdienste im Thüringer Wald und auch die Räumkommandos in der Arena am Rennsteig in Atem gehalten hatte. Vielleicht hatte der ein oder andere Fan trotzdem vor dem Winterwetter samt glatten Straßen kapituliert. 9000 Zuschauer am Donnerstag beim Sprint der Frauen im tiefverschneiten Oberhofer Biathlon-Zentrum, da hat man schon eindrucksvollere Kulissen gesehen.

          Womöglich hatten die Daheimgebliebenen aber schon so eine Ahnung. Laura Dahlmeier noch im Aufbautraining, Vanessa Hinz noch geschwächt, Maren Hammerschmidt die komplette Saison außer Gefecht – da fehlt schon eine Menge Qualität im deutschen Team. Dennoch hätten wohl die größten Pessimisten wohl nicht damit gerechnet, dass Karolin Horchler am Donnerstag als beste deutsche Skijägerin am Ende der 7,5 Kilometer inklusive zwei Schießeinlagen auf Rang 34 unter 101 Biathletinnen landen würde. Das war schon eine herbe, in dieser Dimension nicht erwartete Enttäuschung.

          Und während vorne die Italienerin Lisa Vittozzi ihren ersten Weltcup-Sieg dank hundertprozentiger Trefferquote genoss, vor den ebenfalls fehlerfreien Anais Chevalier (Frankreich) und Hanna Oeberg (Schweden), leckten weitab vom Schuss die deutschen Skijägerinnen ihre Wunden. Denise Herrmann auf Platz 36, Franziska Hildebrand 40., Nadine Horchler direkt dahinter, Franziska Preuß an 45. Stelle, was immer noch die Teilnahme an der Verfolgung an diesem Samstag bedeutet. Nur die junge Anna Weidel an Position 80 ist da schon außen vor.

          Sei es drum: Mit so einem kollektiven Versagen hatte niemand gerechnet. Noch dazu vor eigenem Publikum. Wobei jede so ihre Probleme mit sich herumschleppt. Die Horchler-Schwestern und Anna Weidel trafen zwar neun von zehn Scheiben, liefen aber weit hinterher. Und der Rest leistete sich am Schießstand zu viele Leichtsinnsfehler, um noch irgendwie eine Rolle im Klassement zu spielen. Wer – wie Denise Herrmann – vier Scheiben stehenlässt, dem hilft auch die beste Laufzeit nicht weiter.

          Wie hat es doch Chef-Bundestrainer Mark Kirchner noch am Mittwoch formuliert: „Oberhof ist immer ein zweiter, kleiner Neuanfang.“ Im Thüringer Wald beginnt traditionell das zweite Weltcup-Trimester im Biathlon, und keiner weiß so recht, wie ihm über Weihnachten und Neujahr die Balance zwischen Regeneration und Neuaufbau gelungen ist. Der erste Eindruck bei den deutschen Frauen ist ernüchternd. Dabei hatte man doch große Erwartungen, nachdem schon das erste Trimester enttäuschend verlaufen war.

          Schon ist von Krise die Rede, und Kristian Mehringer, der die deutschen Skijägerinnen seit dieser Saison zusammen mit Florian Steirer trainiert, muss Rede und Antwort stehen. „Wir hatten uns viel vorgenommen“, sagt der 37 Jahre alte Bayer, „vor allem mit Denise haben wir die Erwartung gehabt, ums Podest mitzulaufen. Läuferisch war es okay, Schießen war nicht gut. Sie hat genau das nicht machen können, was sie in den letzten Wochen im Training geübt hat: Zu langsamer Rhythmus, die Fehler, und dann kam die Unsicherheit. Das ist sehr schade.“

          Bald kehrt Laura Dahlmeier in den Weltcup zurück

          Denise Herrmann hatte in der Weihnachtspause mit Extra-Einheiten die Grundlagen am Schießstand noch einmal aufgefrischt und dann mit Platz zwei bei der Biathlon-Show auf Schalke Selbstvertrauen vor großer Kulisse getankt. In Oberhof war davon nichts mehr zu sehen. Aber warum haben auch die anderen ihr Potential nicht ausgeschöpft? Im Fußball wäre man jetzt ganz schnell bei einer Trainerdiskussion. Was soll Mehringer darauf sagen? „Wir geben unser Bestes. Wir möchten die Mädels nach vorne bringen und haben das Vertrauen vom Verband geschenkt bekommen. Sollten die Leistungen nicht kommen, werden sicher Diskussionen kommen.“

          Da kann er froh sein, wenn Laura Dahlmeier demnächst wieder in den Weltcup einsteigt. Natürlich hätten die Biathlon-Fans die zweifache Olympiasiegerin gerne am Rennsteig bejubelt. Aber in dieser Saison steht die Gesundheit an erster Stelle. Ihr Immunsystem ist fragil, da ist Vorsicht besser als kurzfristiges Denken. Zumal sich die 25 Jahre alte Oberbayerin auch nach ihrem gelungenen Weltcup-Auftritt in Nove Mesto (Zweite im Sprint) wieder eine Erkältung eingefangen hat. „Laura ist vor fünf Tagen ins Training eingestiegen, fühlt sich gesundheitlich wie körperlich recht gut. Wir werden diese Woche wie geplant trainieren, und am Montag werden wir entscheiden, wie es Richtung Ruhpolding und Antholz weitergeht“, sagt Mehringer. Eigentlich besteht kein Grund zur Eile. Die Weltmeisterschaft in Östersund, Laura Dahlmeiers großes Saisonziel, ist erst im März. Die Frage ist nur, ob man Mehringer so lange Zeit gibt.

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