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Weißflog im Interview : „Der Skisprungboom ist nicht genutzt worden“

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„Ich hoffe, daß wir jetzt nicht ein Tal von zehn Jahren haben” Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Jens Weißflog spricht im Interview mit der F.A.Z. über vernachlässigte Talente, Trainer ohne Anreize und das verschwundene Lächeln im deutschen Team für die Vierschanzentournee. Seine Nachfolger sieht er von der Weltspitze „weit entfernt“.

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          Jens Weißflog spricht im Interview mit der F.A.Z. über vernachlässigte Talente, Trainer ohne Anreize und das verschwundene Lächeln im deutschen Team für die Vierschanzentournee. Seine Nachfolger sieht er von der Weltspitze „weit entfernt“.

          Sie haben in den vergangenen Wochen immer wieder die deutschen Springer heftig kritisiert, zum Beispiel, sie hätten keinen Siegeswillen. Was stört Sie am meisten?

          Es ging im Prinzip darum, ob die Skispringer den Anschluß an die technischen Neuerungen und Regeländerungen verpaßt haben. Aber bei den letzten beiden Springen in Engelberg sah man zum erstenmal ein bißchen etwas Neues auch bei den Deutschen. Das Hauptproblem in den vergangenen beiden Jahren - und darüber reden wir seit der WM 2005 in Oberstdorf - sind der Ski-Anstellwinkel in der Luft und die Körpervorlage. Da ist man jetzt wohl auf einem guten Weg - aber immer noch entfernt von der Weltspitze.

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          Die Kritik, nicht nur von Ihnen, müssen die Verantwortlichen ja auch gehört haben. Warum ändert sich erst jetzt etwas?

          Teilweise dauert es so lange, bis man die Wirkung sieht. Andererseits erreicht man manchmal mit dem, was man ausprobiert, auch nicht das entsprechende Ziel und muß wieder verändern. Ich muß aber auch fragen: Ist jeder in der Lage, ein Spitzenspringer zu werden oder zu sein? Ist jeder ein Adam Malysz, ein Janne Ahonen?

          Die aktuellen deutschen Springer sicher nicht. Aber warum sind sie nicht nur von der Spitze, sondern auch von den Rängen um zehn weit entfernt?

          Solche Springer gibt es ja aber bei den anderen auch, bei den Finnen, bei den Schweizern. Vielleicht bilden die Österreicher im Moment eine Ausnahme, was die kompakten Mannschaftsergebnisse angeht. Die Schweizer Andreas Küttel und Simon Ammann (der Führende im Weltcup/die Redaktion) haben sich gemeinsam hochgezogen. So ein Mann fehlt bei uns, der in der Lage ist, ganz vorne reinzuspringen. Ich denke, dann hebt sich auch das Niveau insgesamt in der Mannschaft, weil die im tagtäglichen Training eine Orientierung hat.

          Sind die deutschen Springer von ihren Voraussetzungen her nicht in der Lage, sich schnell auf veränderte Bedingungen einzustellen?

          Ja, das meine ich. Aber es kann ja auch nicht jeder ein Weltspitzenmann sein.

          Viele Regeländerungen haben in den vergangenen Jahren das Skispringen beeinflußt. Sie haben in Ihrer Karriere auch einschneidende Neuerungen bewältigt, unter anderem die Umstellung auf den V-Stil. Wie schafft ein Springer solche Veränderungen?

          Das größte Problem ist, daß dadurch das Erlernte, das Fluggefühl, das man einmal hatte, durcheinandergerät. Man muß den Sprung verändern, um wieder zu einem ähnlichen Gefühl zu kommen - zum Gefühl, daß einen die Luft trägt, daß man mit der Luft etwas machen kann.

          Radfahren verlernt man doch auch nicht - warum ist das beim Skispringen so schwierig?

          Das hat mit Leistung zu tun. Man ist nur leistungsfähig, wenn man gut in Form ist. Rudi Altig kann zwar immer noch Radfahren, aber wird nicht mehr die Tour de France bestreiten können, Franz Klammer wird die Streif nicht mehr so runterfahren wie 1976.

          Sie haben sich in Ihrer Karriere mindestens zweimal aus extremen Tiefs wieder hochgekämpft und wissen, was das heißt. Können Sie sich erklären, warum es aktuell deutsche Skispringer gibt, die das offensichtlich nicht schaffen?

          Wenn Sie ganz speziell auf Martin Schmitt abzielen, dann ist es mir fast ein Wunder, daß er es schon seit längerer Zeit nicht schafft. Er ist aber jetzt wohl auf einem stabileren Weg als vergangenes Jahr. Bei ihm waren es ja auch Knieprobleme, dann kamen die Regeländerungen fast jährlich, mehr als zu meiner Zeit. Er mußte sich also kontinuierlich etwas Neues erarbeiten. Aber es gibt natürlich auch Gegenbeispiele, wie Ammann, das neueste Beispiel für einen, der nach einem Tief wieder vorne ist. Deshalb bleibt mir Schmitt schon ein Rätsel.

          Martin Schmitt hat trotz aller gutgemeinten Ratschläge nicht aufgegeben. Hätten Sie ihm geraten, die Karriere zu beenden?

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