https://www.faz.net/-gtl-9g1uz

Olympia-Kommentar : Eiszeit im Klima-Wandel

  • -Aktualisiert am

Wo werden künftige Wintersport-Athleten wie Hiroake Kunitake aus Japan ihre Wettkämpfe abhalten? Das wird immer häufiger zum Problem für das IOC. Bild: Picture-Alliance

Vor einigen Jahren noch standen Bewerber für Olympische Spiele Schlange. Das ist Schnee von gestern, weil immer häufiger um Geld gestritten wird. Für Deutschland könnte ein aktueller Fall nun aber positive Auswirkungen haben.

          2 Min.

          Waren das schöne Zeiten? Als die Bewerber Schlange standen beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC). Als sie buhlten und drängten, kämpften und bestachen, um nur einmal Ausrichter von Olympischen Spielen sein zu dürfen. Das galt vor allem für Sommerspiele, seit Los Angeles 1984 Gewinn machte mit der gefühlvollsten Leistungsmesse des Sports. Aber auch um die Aussicht auf ein Wintermärchen (war Lillehammer 1994 nicht wunderbar?) balgten sich Nationen.

          Das ist Schnee von gestern, getaut in einem Klima-Wandel. Nein, damit ist vorerst nicht der Wetterwechsel vor der Tür gemeint. Bevor die Gletscher im Abfahrtstempo zu schmelzen begannen und der Schnee sich rar machte, legte sich – was für ein ironischer Gegensatz – eine Art Eiszeit über die Wärme der olympische Flamme. Die Herzen mögen zwar aufgehen hier und da, aber die Taschen bleiben zu, wenn Kommunen, Stadträte und Regierungen um die Finanzierung besonders Olympischer Winterspiele angehalten werden. Sie denken dann in erster Linie an Milliarden-Zahlungen für das Fest eines elitären Klubs, an Knebelverträge, an eine Abzocke, an die Freude der anderen zur eigenen Last.

          Was nun, IOC?

          Nur drei Wochen nach der Kür zum Kandidaten für 2026 soll die Bewerbung von Calgary gescheitert sein: an der Finanzierung, auch wenn die entscheidende Abstimmung noch aussteht und zumindest in der Theorie ein Finanzierungsvorschlag doch zu existieren scheint. Stockholm scheint aus dem Spiel, weil der neue Stadtrat sein Veto einlegte. Mailand und Cortina d’Ampezzo fehlen die Garantien der italienischen Regierung kein Jahr vor der Abstimmung. Was nun, IOC?

          Den kolportierten Vorschlag, Präsident Bach werde den an Peking gescheiterten kasachischen Bewerber Almaty reaktivieren, hält ein Insider für eine Luftnummer. Denn dem Problemfall Peking, gewählt für die Ausgabe 2022, gehörten nicht die Herzen der meisten IOC-Mitglieder. Sie entschieden sich auch gegen ein drohendes Chaos. Mitbewerber Almaty rutschte damals nicht nur in eine Wirtschaftskrise Kasachstans. Es schien auch überfordert mit der Organisation. Peking wird das schon regeln, mit Macht. Der Beschuss trächtiger Wolken wie einst zu den Sommerspielen 2008, als der Himmel über Peking blau bleiben sollte, wird nicht dazugehören. An den 250 Kilometer von der Hauptstadt entfernten Wettkampforten gibt es wenig Niederschlag. Kunstschnee soll Olympia ein Zuckerwatte-Ambiente verleihen. Wenn denn die angeblich geringen Wasserreserven ausreichen.

          Stimmt das, dann wird die olympische Bewegung vom zunehmenden Gespür der Menschen für den eigentlichen Klima-Wandel mit voller Wucht erfasst und vielleicht erschlagen; von dem stetig steigenden Interesse, die kostbare Luft möglichst rein und die schönen Berge frei zu halten von einer Umgestaltung mit Bulldozern – für die Fundamente von Skisprunganlagen und Bobbahnen. An dieser landläufigen Assoziation von Winter und Olympia hat das IOC nichts ändern können. Vielleicht kommt nun Salt Lake City als ein Retter um die Ecke, der gut bezahlt werden will. Einmal könnte sich das IOC den Luxus leisten. Aber mittelfristig werden Winterspiele nur überleben, wenn kaum etwas gebaut, wenn wenig verändert werden muss, wenn die Kosten von vielen getragen werden können. Etwa von Deutschen, Schweizern und Österreichern – für Alpen-Spiele.

          Kompromissvorschlag für Calgarys Olympia-Bewerbung

          Ein Kompromissvorschlag soll das drohende Aus der Olympia-Bewerbung von Calgary für die Winterspiele 2026 vorerst verhindern. Vor der möglicherweise schon entscheidenden Abstimmung im Stadtrat an diesem Mittwoch haben sich die kanadische Regierung und die Regierung der Provinz Alberta auf einen Vorschlag für Einschnitte bei den Kosten verständigt. Das teilte das örtliche Bewerbungskomitee in der Nacht zum Mittwoch mit. Demnach sind vor allem Kürzungen bei den Ausgaben für das Sicherheitspersonal vorgesehen. „Dies ist ein Vorschlag, der Sinn macht und ein guter Deal für Calgarys Bürger ist“, erklärte Vorstand Scott Hutscheson vom Bewerbungskomitee in einer Stellungnahme. Er zeigte sich zuversichtlich, dass mit beiden Regierungen ein grundsätzliches Abkommen erreicht werden könne und wertete dies als bedeutsam vor der Sitzung des Stadtrates an diesem Mittwoch.

          Noch am Dienstag hatte sich das Bewerbungskomitee dafür ausgesprochen, die Bewerbung umgehend zu stoppen und das für den 13. November geplante Referendum abzusagen. Im Stadtrat müssten sich am Mittwoch zehn der 15 Mitglieder gegen den Fortgang der Bewerbung aussprechen, um ihr Aus zu besiegeln. Für diesen Fall blieben nur Stockholm und Mailand/Cortina d'Ampezzo als Kandidaten für 2026. (dpa)

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Münchner Skateboarder will zu Olympia Video-Seite öffnen

          Für den Libanon : Münchner Skateboarder will zu Olympia

          Ali Khachab ist Münchner, doch bei den Sommerspielen 2020 in Tokio will er für den Libanon an den Start gehen, die Heimat seiner Vorfahren. Der 28-Jährige ist Skateboarder, und davon gibt es im Libanon nur sehr wenige.

          Wann ist Hand eigentlich Hand?

          Angewandte Regelkunde : Wann ist Hand eigentlich Hand?

          Schiedsrichter, Juristen und ein Philosoph interpretieren die umstrittene Regel durchaus unterschiedlich. Brych sagt gerne zu den Spielern: „Wir spielen Fußball. Wenn du Hand spielst, hast du ein Problem.“

          Topmeldungen

          Rennen um SPD-Spitze : Das Duell der Ungleichen

          Scholz zieht den Säbel, Geywitz sekundiert: Ihre Gegner, Esken und Walter-Borjans, Lieblingskandidaten der Jusos, sehen im direkten Duell der SPD-Spitzenkandidaten blass aus. Ein Abend im Willy-Brandt-Haus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.