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Fis-Renndirektor Walter Hofer : Der Herr der Schanzen

  • -Aktualisiert am

Alles im Blick: Skisprung-Renndirektor Walter Hofer in Garmisch-Partenkirchen Bild: dpa

Walter Hofer hat das Skispringen nicht auf den Kopf gestellt, aber die Rahmenbedingungen als Renndirektor verändert. Nach 28 Jahren ist nun Schluss. Was bleibt?

          3 Min.

          Egal, wo die Skispringer in dieser Saison antreten: Für Walter Hofer ist es die Abschiedsvorstellung. Nach 28 Jahren gibt der Renndirektor des Internationalen Skiverbandes (Fis), der am 25. Februar 65 Jahre alt wird, seinen Posten auf. Doch der Österreicher ist um Normalität bemüht. „Es ist ein Winter wie viele davor“, sagt er, „besondere Emotionen verspüre ich keine. Ich bin noch so ins Tagesgeschäft involviert.“ Das ist die Version für die Öffentlichkeit. In Wahrheit genießt der Kärtner seine Abschiedstournee in vollen Zügen. Eine Ehrung hier, Lobesreden dort. Das ist Balsam für seine Seele.

          Das Skispringen im Winter 2019/2020, so auch die Vierschanzentournee, die am Montagabend der Pole Dawid Kubacki vor dem Norweger Marius Lindvik und Karl Geiger aus Deutschland gewann, trägt die Handschrift von Hofer. Auch wenn er dies so nie zugeben wird. „Nicht ich habe viel bewegt und verändert, sondern das Sub-System Skispringen mit all seinen Entscheidungsträgern“, sagte er einmal: „Den größten Anteil daran hat der Fis-Vorstand.“ Doch bevor dieser eine Regeländerung entschieden hat, hatte Hofer dies über sein Netzwerk längst vorbereitet. Angefangen hat er damit, die Regeln zu synchronisieren. „Für Weltcup, Olympische Spiele, Weltmeisterschaften und fürs Skifliegen gab es vier verschiedene Reglements“, erinnert er sich. Heute wird bei allen Veranstaltungen nach nur einem Reglement gesprungen.

          Auch an die Kleinen denken

          Selbstverständlich hat der Sportwissenschaftler Hofer das Skispringen nicht gänzlich auf den Kopf gestellt, als er 1992 seinen Job als Renndirektor antrat. Die Springer fahren nach wie vor vom Bakken los, springen am Schanzentisch ab und segeln ins Tal. Doch die Rahmenbedingungen hat er verändert. Dabei lautete stets seine Maxime: „Eine Veranstaltung darf nicht länger als 90 Minuten dauern.“

          Zunächst einmal setzte er eine Quote für jede Nation durch. Zudem dürfen nur noch 50 Springer im ersten Durchgang und 30 im Finale antreten. „Es war ein harter und langer Weg, die Teilnehmerzahlen von mehr als 100 langsam auf 50 zu reduzieren“, erzählt er. Den selbstverständlich kämpften die großen Springernationen vehement darum, dass sie weiter quasi unbegrenzt viele Springer einsetzen dürfen. Aber warum ausgerechnet 50? „Die Zahlen 50 und 30 haben sich fast automatisch ergeben, denn bei 50 Athleten haben wir etwa 15 bis 18 Nationen im Feld“, sag Hofer. Als Vertreter der Fis musste er dafür sorgen, dass auch die kleinen Nationen nicht vergessen werden und die Lust am Skispringen verlieren.

          Seit 1992 an den Schanzen: Walter Hofer, hier im Januar 2004 in Innsbruck
          Seit 1992 an den Schanzen: Walter Hofer, hier im Januar 2004 in Innsbruck : Bild: Imago

          Wenn Walter Hofer über besondere Erlebnisse während seiner Amtszeit spricht, dann fallen ihm immer wieder Anekdoten zum Material ein. So war früher eine Taillierung beim Ski obligatorisch. Die Skifirma von Sven Hannawald hat diese Taille im Jahr 2001 auf ihre eigene Version interpretiert. „Hannawald kam mit einem geraden Ski und zwei Kerben unter der Bindung“, erzählt er schmunzelnd. Viele seiner Konkurrenten hätte diesen Ski auch ausprobiert. „Aber nur Hannawald hat’s gepackt.“ Für ihn war dies ein einschneidendes Ereignis. „Mit dem ständigen Tüfteln macht der Athlet immer Zugewinne, wir müssen diese einfangen und ihm die Flügel stutzen“, erläutert er seine Aufgabe. Was ihm regelmäßig gelang. Und auch ein wenig Freude machte. „Wo nichts reglementiert ist, haben wir keinen Grund und keine Berechtigung einzugreifen.“ Dies geschah bei den Anzügen. Teilweise sahen diese wie Wingsuites (Flügelanzug) aus, der Schritt ging bis hinunter zum Knie. Dies geschah auch beim Gewicht der Springer durch die Einführung des Body-Maß-Indexes.

          Das Risiko ist die Landung

          Bei einer Entwicklung wurden Hofer und seine Gremien überrollt. Durch die krumme Stabbindung sowie die asymmetrischen harten Schuhe samt Keil haben sich die Ski in Richtung aerodynamische Hilfsmittel verändert. „Durch die vorgefertigte Anlaufspur wurde das Risiko minimiert, die Ski wurden für die Flugphase gebaut. Das Risiko verlagerte sich zuletzt allerdings in Richtung Landung, dafür wurde das Setup nicht ausgerichtet“, gab Hofer vor dieser Saison zu. Die Folge sind eine Fülle von Kreuzbandrissen. Aus dem deutschen Team sind davon die Olympiasieger Andreas Wellinger und Carina Vogt betroffen ebenso wie der ehemalige Weltmeister Severin Freund, bei den Norwegern hat es Anders Fannemel und zuletzt Thomas Aasen Markeng.

          Absolut positiv hat sich die Einführung der Wind-Gate-Regel vor zehn Jahren ausgewirkt. Auf- oder Rückenwind werden gemessen und fließen durch Punktabzüge oder -zugaben in die Wertung ein. Ebenso wenn während des Wettbewerbes die Anlauflänge verändert wird. Heutzutage unvorstellbar, dass früher das Springen abgebrochen und neu gestartet werden musste, auch wenn nur noch fünf Springer oben saßen. Was Walter Hofer nach dem 22. März, dem Saisonende mit der Skiflug-WM in Planica machen wird? „Ich werde weiterhin nichts arbeiten“, kokettiert er, „meine Arbeit war schon immer mein Hobby.“ Seinen Posten wird der Italiener Sandor Pertile übernehmen.

          Vierschanzentournee

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