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Lindsey Vonn : Ein Date mit der alpinen Ski-Geschichte

  • -Aktualisiert am

Nicht aufzuhalten in Cortina: Lindsey Vonn fährt allen auf und davon Bild: Reuters

Lindsey Vonn ist nur noch einen Sieg von ihrem großen Ziel entfernt. In Cortina gewinnt sie ihr 62. Weltcup-Rennen – beim nächsten Erfolg ist Vonn die beste Skirennfahrerin der Geschichte. Die nächste Chance hat sie schon Montag.

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          Im Startkorridor oberhalb der Tofana drängten sich Serviceleute, Physiotherapeuten und Athleten, aber Lindsey Vonn schien diese Betriebsamkeit nicht wahrzunehmen. Sie wirkte angespannt, konzentriert, fast ein bisschen abwesend, als eine Kamera ihr Gesicht einfing, kurz bevor die Amerikanerin in die Skier stieg und die letzten Vorbereitungen traf.

          Ein paar hundert Meter weiter unten im Ziel, das wusste sie, warteten alle nur auf ihre Fahrt, und darauf, dass es nun endlich geschehen würde. Und ein paar Minuten später war es passiert, sie hatte die Bestzeit gefahren in der zweiten Abfahrt von Cortina d’Ampezzo am Sonntag. Lindsey Vonn ließ sich fallen, sekundenlang lag sie im Schnee, dann reckte sie die Faust in die Höhe. „Ich bin einfach erleichtert“, gab sie später zu.

          Es war dieser 62. Weltcupsieg, diese Bestmarke, über die alle um sie herum in den vergangenen Tagen und Wochen so viel gesprochen haben. In der Öffentlichkeit, sagt Lindsey Vonn, sei es ein großes Thema gewesen, dass sie beim nächsten Triumph mit Rekordhalterin Annemarie Moser-Pröll gleichziehen würde. „Aber ich habe es immer versucht, es wie jedes andere Rennen zu sehen.“ Ganz gelang ihr das nicht. Schon am Freitag, bei der ersten Abfahrt im Olympiaort von 1956, hatte sie sich eigentlich gut gefühlt - und war dann doch nur Zehnte geworden. Die Bedingungen waren zwei Tage später ähnlich, weicher Schnee und die Sicht nicht optimal. „Ziemlich nervös“ sei sie deshalb gewesen.

          Denn die Dreißigjährige hatte doch alles vorbereitet für das Rekord-Fest. Zum ersten Mal war Mutter Linda nach Europa gereist, um bei den Weltcuprennen in den Dolomiten dabei zu sein. Auch ihr geschiedener Mann Alan Kildow schaute zu. Mit ihrem Vater hatte Vonn jahrelang keinen Kontakt gehabt, erst nach der Trennung von Thomas Vonn war es wieder zu einer Annäherung gekommen.

          Mehr als 30 Jahre hielt der Rekord von Moser-Pröll

          „Es ist ganz speziell, diesen Erfolg jetzt mit ihnen teilen zu können.“ Aber gemeinsam erlebten Mutter und Vater, die jeweils mit neuen Partnern in Cortina waren, den Triumph der Tochter dann doch nicht. Linda Krohn stand etwas abseits, Kildow unterhalb der kleinen Tribüne. Mit dem Fotoapparat in der Hand verfolgte er den Lauf. Er wartete darauf, den historischen Moment einzufangen, und als die Tochter dann mit Bestzeit im Ziel abschwang, schaffte er es gerade noch, ein Foto zu schießen, ehe ihn seine Lebensgefährtin vor Begeisterung fast in den Schnee gestoßen hätte. Die Mama durfte schließlich in den Zielraum, um zu gratulieren.

          Dass es mehr als 30 Jahre dauerte, ehe eine Skirennläuferin die Rekordmarke von Moser-Pröll knacken konnte, beweist die außergewöhnliche Leistung. Die Österreicherin hatte diese Serie zwischen Januar 1970 und Januar 1980 geschafft, zu einer Zeit, als es eine Disziplin weniger gab, dafür die Anzahl der Athletinnen, die für Siege in Frage kamen, deutlich geringer war als heutzutage. „Eine unreale Zahl“ nannte Moser-Prölls Landsfrau Nicole Hosp die Bestmarke.

          Vonn: „Entweder ich stürze oder ich gewinne“

          „Es war bisher ein langer Weg“, gibt Lindsey Vonn zu. Ein Weg, auf dem es zunächst fast nur aufwärts gegangen war. Zum ersten Mal stand sie im Dezember 2004 in Lake Louise ganz oben auf dem Podest. Es folgten Jahre der Abfahrts-Dominanz, aber Vonn gewann auch Rennen in allen anderen Disziplinen. Sie wurde Weltmeisterin und Olympiasiegerin und holte viermal den Gesamtweltcup. Tiefschläge musste sie auch einstecken, aber zunächst vor allem private. Das Zerwürfnis mit ihrem dominanten Vater zum Beispiel, oder die Trennung von Ehemann Thomas Vonn, und das Geständnis, an Depressionen zu leiden. Sportlich stoppte sie erst die schwere Knieverletzung, die sie beim Sturz während der WM 2013 erlitt.

          Kurz nach ihrer Rückkehr zehn Monate später riss das Kreuzband ein zweites Mal. Doch sie verschwendete keinen Gedanken daran, dass sie es vielleicht nicht mehr reichen würde für ganz oben, dass sie sich womöglich nicht trauen könnte. „Ich bin eine Wettkämpferin, ich wollte immer kämpfen“, sagt Lindsey Vonn. Sie habe „diese Mentalität, ans Limit zu gehen. Entweder ich stürze oder ich gewinne.“ Bei ihrem ersten Auftritt nach der insgesamt mehr als eine Saison dauernden Verletzungspause bewies sie, dass sie wieder das Maß der Dinge zumindest in der Abfahrt werden würde. Die Rekordmarke von Moser-Pröll wird vermutlich noch in diesem Winter Geschichte. Denn 62 Weltcup-Siege reichen Lindsey Vonn noch nicht.

          Die zehn Rennfahrerinnen mit den meisten Weltcuperfolgen

          1. Annemarie Moser-Pröll - Österreich - 62
          1. Lindsey Vonn* - USA - 62
          3. Vreni Schneider - Schweiz - 55
          4. Renate Götschl - Österreich - 46
          5. Anja Pärson - Schweden - 42
          6. Marlies Schild - Österreich - 37
          7. Katja Seizinger - Deutschland - 36
          8. Hanni Wenzel - Liechtenstein - 33
          9. Erika Hess - Schweiz - 31
          10. Janica Kostelic - Kroatien - 30 * noch aktiv

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