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Vom Fußball zum Eiskunstlaufen : Ilhan Mansiz' Flucht aufs Eis

Winter 2010: Illhan Mansiz trainiert wie ein Besessener für Olympia Bild:

2002 war Ilhan Mansiz der WM-Star der Türkei und wurde zum Spielball der Öffentlichkeit. Jetzt schult der ehemalige Fußballprofi um und will als Eiskunstläufer zu Olympia. Zwischen seinen beiden Leben als Sportler liegen Welten.

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          Oberstdorf. Fünf Uhr am Nachmittag: Schichtwechsel in der Eiszeit. In Eishalle 3, unterhalb der Sprungschanzen von Oberstdorf, drehen ein paar Eisprinzesschen auf dünnen Beinen die letzte Piroutte. Dann kommt der Mann mit den Fußballerwaden. „Viele dachten: Das ist ein PR-Gag“, sagt Ilhan Mansiz über eine der ungewöhnlichsten Umschulungen der Sportgeschichte: Fußballstar wird Eiskunstläufer. „Aber ich meine es ernst. Ich habe alles aufgegeben: soziale Kontakte, Verdienstmöglichkeiten.“ Er ist 35, könnte Geld und Geltung in der Weltstadt Istanbul genießen: in türkischen TV-Serien und der Beach-soccer-Auswahl spielen, Werbung und Mode machen. Aber etwas fehlt ihm dort. Er sucht es am deutschen Alpenrand.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          2002 schoss Mansiz, im Allgäu aufgewachsen, die Türkei bei der WM in Japan und in Südkorea in die Glückseligkeit. Sein „Golden Goal“ gegen Senegal im WM-Viertelfinale brachte den größten Tag der türkischen Sportgeschichte. Am Ende wurde man Dritter. Eigentlich konnte da nichts mehr schiefgehen im Sportlerleben. Aber: „Ich stand plötzlich immer im Mittelpunkt. Was zieht er an, was isst er, wo geht er hin? Überall Paparazzi. Ich war ständig auf der Flucht.“ Bis heute beschäftigt ihn, wie er zum Spielball wurde. „Ich war wie öffentliches Eigentum. Und konnte es keinem recht machen. Man hat mich als künstliche Person dargestellt - und dann dem freien Fall überlassen.“ Das kam auch, weil Mansiz, infolge einer misslungenen Knieoperation nach der WM, nie wieder die alte Form erreichte. Sein Pech wiederholte sich. 2005 fuhr ihn beim Jogging am Englischen Garten in München ein Auto an und verletzte das andere Knie.

          Viereinhalb Minuten als Essenz von Tausenden Stunden Drill

          So verlor sich die spätere Fußballkarriere des WM-Helden von 2002 in allerlei seltsamen Stationen, in Japan, der Türkei, auch in Deutschland. Bis zu jenem Sommertag 2009, als er ins Büro von Ewald Lienen trat und sagte: „Ich will nicht mehr. Ich werde Eiskunstläufer.“ Der damalige Trainer von 1860 München traute seinen Ohren nicht. Doch Mansiz meinte es ernst. Seitdem arbeitet er sich wie ein Besessener an Drehungen und Würfen, Sprüngen und Spiralen ab. „Ich war schon immer ein Grenzgänger“, sagt er.

          Sommer 2002: Mansiz schießt ein Golden Goal und wird zum türkischen WM-Helden
          Sommer 2002: Mansiz schießt ein Golden Goal und wird zum türkischen WM-Helden : Bild: picture-alliance / dpa

          Zwischen seinen beiden Leben als Sportler liegt mehr als eine Grenze: eine ganze Welt. Dort der Fußball, in dem trotz aller Taktik, aller Automatismen am Ende Improvisation zählt, Geistesgegenwart im entscheidenden Moment. Hier der Eiskunstlauf, auf Perfektion getrimmt, auf durchprogrammierte Darbietung: viereinhalb Minuten als Essenz von Tausenden Stunden Drill. Der Ball bietet die Chance auf Lustgefühle, Erfolgserlebnisse in fast jedem Training, jedem Spiel - das Eis verlangt eiserne Disziplin, Tag für Tag, und verspricht als Lohn nur zwei oder drei große Wettkämpfe, die allein zählen. Fußball, das war Liebe, sagt Mansiz. Eiskunstlauf, das ist Ehrgeiz.

          „Das mit Olympia wird sehr schwer“

          Für manchen mag es wie eine Therapie aussehen, die sich ein alternder Sportstar in verfrühter Midlife-Krise selbst verordnet hat. Für andere wie eine Schnapsidee, geboren aus dem Zufall. Mansiz wurde 2007 zur türkischen Version von „Stars on Ice“ eingeladen, einer Show, bei der Prominente ohne Eis-Erfahrung mit Eis-Profis kombiniert werden. Drei Wochen vor der Sendung stand er erstmals auf Kufen. Der TV-Produzent teilte ihm die Partnerin zu, die Slowakin Olga Bestandigova. „Gott, ist die klein“, dachte Mansiz: 1,54 Meter, dreißig Zentimeter weniger als er. Sie gewannen. Weil sie, nach 2002, noch einmal zu Olympia wollte und er „eine zweite Karriere“ ersehnte, taten sie sich zusammen. Als Eislaufpaar. Und als Paar.

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