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Ski-WM : Enttäuschungsgrad 10,5 bei Rebensburg

  • -Aktualisiert am

Nur Zuschauerin im zweiten Durchgang: Viktoria Rebensburg ist ausgeschieden Bild: dpa

Für Viktoria Rebensburg ist nach nur 30 Sekunden im WM-Riesenslalom Schluss. Die Deutsche muss anschließend zuschauen, wie die beiden dominanten Frauen des Ski-Winters den Sieg unter sich ausfahren.

          Ein für Sportler nicht zu vernachlässigender Vorteil einer Sonnenbrille im Hochgebirge ist, dass sie nicht nur vor der intensiven Strahlung von außen schützt, sondern auch die Enttäuschung von innen zu verbergen vermag. So gesehen harmonierten die blau schimmernden Schutzgläser von Viktoria Rebensburg an diesem Donnerstag vortrefflich mit den herrlichen äußeren Bedingungen und strahlend blauem Himmel in St. Moritz.

          Nur das Resultat, das stimmte so gar nicht. Ganze 28 Sekunden währte die letzte Hoffnung der Olympiasiegerin von 2010, diese alpine Ski-Weltmeisterschaft doch noch zu einem guten Ende zu führen. Dann unterlief ihr ein klassischer „Highsider“, wie sie sagte. Der rechte Ski hoch in der Luft, sie selbst ausgehoben und verdreht, schon war das rote Tor verpasst. Auslöser des Malheurs war der Innenskifehler am blauen Tor zuvor. Leichte Welle, falsche Druckverteilung. Eine Unachtsamkeit im falschen Moment. Ende der Vorstellung.

          Ideal und perfekt waren nur die Ausgangsbedingungen

          „Das ist natürlich sehr bitter“, lautete das Fazit der 27-Jährigen, die 2015 noch WM-Zweite war. Auf einer Skala zwischen eins und zehn ordnete sie den Grad ihrer Enttäuschung zunächst bei zehn ein, und korrigierte dann auf zehneinhalb. Begleitet von einem bitteren Lachen, die traurigen Augen hinter der Sonnenbrille verborgen. Weil so „vieles möglich gewesen wäre“, wie sie selbst sagte, mit der eigentlich idealen Startnummer zwei an diesem „perfekten Tag für ein WM-Rennen“.

          Die Bedingungen nutzte aber die Französin Tessa Worley vortrefflich. Als erste Läuferin legte sie eine Bestzeit vor, die Bestand hatte, und die sie im zweiten Durchgang auch auf weicher Piste als letzte Fahrerin verteidigte. Die beste Riesenslalom-Läuferin der Saison gewann in 2:05,55 Minuten ihren zweiten WM-Titel in der Basisdisziplin des alpinen Skisports nach 2013. Zudem ist der nur 1,57 Meter große „Ski-Floh“ in den Tagen von St. Moritz auch schon zum zweiten Mal Team-Weltmeisterin mit der französischen Mannschaft geworden.

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          Silber und Bronze im Riesentorlauf gingen an zwei weitere Favoritinnen, die ihre guten Startnummern 4 und 3 nutzen konnten: die Amerikanerin Mikalea Shiffrin wurde mit 0,34 Sekunden Rückstand Zweite vor der Italienerin Sofia Goggia, die 0,74 Sekunden zurück lag.

          Immer grauer für die Deutschen

          Insgesamt fuhren Läuferinnen aus acht Nationen unter die Top-Ten. Nur von einem Team war weit und breit keine im Vorderfeld zu sehen, dem deutschen: Lena Dürr (26.) und Maren Wiesler (33.) erreichten wenigstens das Ziel, sammelten aber knapp vier und fast sechs Sekunden Rückstand auf die Siegerin ein. Jessica Hilzinger schied im zweiten Lauf aus.

          Silber nach Amerika: Mikaela Shiffrin wird Zweite

          Für die deutsche Mannschaft werden diese Weltmeisterschaften in Graubünden somit zu einer immer graueren Veranstaltung. Nach acht Wettbewerben noch immer keine Medaille. Da wirkt der strahlende Sonnenschein schon fast wie Hohn angesichts der düsteren Resultate. Wenigstens aus dem medizinischen Lager kamen leicht hoffnungsvolle Botschaften. Felix Neureuther fühlt sich zwar „immer noch ein bisschen steif“ im Rücken, nachdem ihm bei einem kleinen Sprung während des Teamwettbewerbs der Schmerz in die Lendenwirbelsäule geschossen war. Doch seinem Start im Riesenslalom an diesem Freitag sollte eigentlich nichts im Wege stehen.

          Das Kreuz mit dem Rücken beschäftigt den besten deutschen Skifahrer schon seit Jahren. Diese Saison schien es besser zu gehen, dafür schmerzte zuletzt das Knie. So hangelt sich der 32-Jährige durch die Wettbewerbe. Ausreden will er aber nicht gelten lassen: „Ich werde alles probieren und dann schauen wir mal.“ Zwei Chancen hat er noch, die Bilanz des deutschen Skiverbandes aufzuhellen, nach dem Riesenslalom noch der Slalom am Sonntag zum Abschluss der Ski-WM.

          Sonnenbrille auf und weg

          Viktoria Rebensburg muss dagegen nach einer problematischen Saison, die mit einem Haarriss im Schienbeinkopf des rechten Knies schon denkbar schlecht begonnen hatte, eine für sie komplett verdorbene WM quittieren. Wobei sie das Attribut „beschissen“ für eine Meisterschaft der vergebenen Medaillenchancen nicht gelten lassen wollte. Platz vier im Super-G zum Auftakt sei „kein schlechtes Ergebnis“ gewesen, meinte sie. Der elfte Platz in der Abfahrt sei dann „ein eigenes Thema“ gewesen. Im Teamwettbewerb wurde sie nicht eingesetzt.

          Nun kam als negativer Höhepunkt der Ausfall in ihrer Spezialdisziplin dazu, nach dem sie sich ins Fatalistische zurückzog: „Im Bruchteil einer Sekunde kann so viel passieren.“ Da sei sie schon froh, zumindest keine Verletzung davon getragen zu haben. Doch Konsequenzen für ihre nächsten Aufgaben im Weltcup wollte sie aus dieser WM auch nur bedingt ziehen. „Ich bin nicht schlecht Ski gefahren“, beharrte sie kämpferisch: „Ich bin nach wie vor überzeugt, dass ich dabei bin.“ Nur habe sie es eben nicht runterbringen können. Sonnenbrille auf und weg.

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