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Vierschanzentournee : Wunder gibt es immer wieder - oder?

  • -Aktualisiert am

Mehr als ein wenig fliegen: Skispringen ist eine komplexe Sportart Bild: AP

Wunderkleid, Winderski, Wunderbindung, Wunderwachs - die Welt der Skispringer dreht sich mehr denn je um die Frage, wer mit dem besten Material ausgerüstet ist. Nun kommt auch die Diskussion um das Athletengewicht wieder auf.

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          Alex Pointner erlaubt sich gern einen Spaß. „Sie zischen“, sagt der Cheftrainer der österreichischen Skispringer, „unsere Anzüge zischen.“ Das ist es also, deshalb sind die Österreicher auf den Schanzen allen anderen überlegen - sie haben das Wunderkleid. Oder doch den Wunderski, den - genauso mit einem Augenzwinkern - Andreas Kofler, derzeit Zweiter im Weltcup, ins Gespräch bringt? Das Recht an der Wunderbindung darf der Schweizer Simon Ammann für sich reklamieren, und die Norweger, so heißt es, hätten ein Wunderwachs.

          Die wunderbare Welt der Skispringer dreht sich mehr denn je um die Frage, wer mit dem besten, dem neuesten, dem erfolgversprechendsten Material ausgerüstet ist. „In diesem Bereich war unser Sport immer aufwendig“, sagt Werner Schuster, der deutsche Bundestrainer, „Skispringen ist eine Materialsportart, wo Mensch und Technik funktionieren müssen.“ Schon immer versuchten Tüftler, Athleten auf zwei langen Brettern optimal ins Fliegen zu bringen. Mit den Innovationen des Materials änderte sich meistens auch die Sprungtechnik.

          „Früher hatte das Skireglement ein paar Zeilen, jetzt hat es drei, vier Seiten, das Anzugsreglement hat jetzt sieben Seiten. Das Bindungsreglement ist im Moment bei fünf bis sieben Zeilen, wahrscheinlich hat es in fünf Jahren auch vier Seiten“, sagt Schuster. Nachdem jahrelang Gewebe, Farbe und Schnitt der Springeranzüge behandelt wurden wie Staatsgeheimnisse, ist seit Ammanns doppeltem Olympiasieg im vergangenen Februar ein kleiner Metallstab das große Thema.

          „Es nützt nichts, einen wahnsinnig krummen Stab zu haben“

          Das bei dem Schweizer gekrümmte, bei anderen gerade Ding von noch nicht einmal zehn Zentimetern Länge verbindet Schuh mit Bindung - und gibt dem Springer die Möglichkeit, den Ski plan in die Luft zu stellen und dadurch an Tragfläche zu gewinnen. Den ersten wütenden Protesten der Österreicher folgte die Unbedenklichkeitserklärung durch den Internationalen Skiverband - und ein Wettrüsten startete. Dabei ist sie gar nicht so neu, diese Wunderbindung. Schon 1993 tauchte eine Patentschrift auf mit einer ähnlichen Idee - sie wurde nicht umgesetzt. Als Schuster Trainer in der Schweiz war, schickte er Ammann 2007 mit einem krummen Stab am Ski in einen Windkanal. „Wir konnten damals nicht alle Probleme lösen“, sagt Schuster, das Thema lag erst mal auf Eis.

          Ammann machte es bei den Olympischen Spielen 2010 schließlich doch hoffähig. Und die anderen Teams gerieten unter Zugzwang. Auch im Deutschen Skiverband wurde experimentiert. Seine Springer hätten mit führend sein können, sagt Schuster - stattdessen präsentierten sie sich zu Beginn des Winters so schwach wie selten, befanden sich zu Beginn der Vierschanzentournee aber immerhin wieder im Aufwind. „Durch die viele Testerei lag der Schwerpunkt auf Ausprobieren, und die Rückkoppelung zum Sprung hat oft gefehlt“, sagt Jens Weißflog, der viermalige Sieger der Vierschanzentournee. Martin Schmitt, der Älteste im deutschen Team, drückt es so aus: „Das Bindungssystem muss funktionieren, und das ist nicht ganz so einfach.“

          Wie der Schwarzwälder probierte der Rest der deutschen Mannschaft Vieles aus. Am Ende mussten Trainer und Athleten feststellen, dass nicht alles „effizient sein muss, was springbar ist“, so Schuster. „Es nützt nichts, einen wahnsinnig krummen Stab zu haben, der einen großen Effekt verspricht, aber am Ende kann man ihn nicht springen“, sagt Schmitt. Und deshalb wird nicht mehr alles ausgereizt, was die Technik hergeben würde. Der Stab und sicher folgende Weiterentwicklungen werden das Skispringen - wieder einmal - verändern. „Wir wissen noch nicht genau, was das für unsere Sportart bedeutet“, sagt Schuster, „denn wenn man eine Variable ändert, ändert sich oftmals das Gesamtsystem.“

          „Skispringen ist so eine komplexe Sportart“

          Obwohl der Weltverband im Sommer beschlossen hat, den Body-Mass-Index (BMI) um einen halben Punkt anzuheben und gleichzeitig die Skilänge zu limitieren, kommt schon wieder eine Diskussion um das Gewicht der Springer auf. Mit Anzug, Helm und Schuhen müssen die Skispringer nun einen BMI - Körpergewicht dividiert durch die Größe im Quadrat - von 20,5 haben, um eine Skilänge von 143 Prozent der Körpergröße (früher 146 Prozent) ausnutzen zu können. Wer unter diesem BMI bleibt, für den gilt: Je leichter einer ist, desto kürzer müssen die Bretter sein. Die neue Bindung schränkt die gute Absicht des Weltverbandes, die Athletik zu fördern und gegen Untergewicht vorzugehen, aber wieder ein.

          „Diejenigen, die mit einem kürzeren Ski genauso gut zurechtkommen, können leichter sein“, sagt Martin Schmitt. Der sehr kleine und leichte Pole Adam Malysz springt nach eigenen Angaben sogar neun Zentimeter kürzere Ski. Schmitts Ski sind jetzt zwei Zentimeter kürzer. „Der Gewinn durch die Bindung aber entspricht auf die Fläche gerechnet eher acht bis zehn Zentimetern längeren Ski“, sagt er, „der Gewinn durch die Bindung ist deutlich größer als die Einbuße durch die Reduktion der Skilänge.“

          Die Verantwortlichen und Techniker der Teams werden weiterhin bis an die Grenzen des Erlaubten gehen. „Skispringen ist so eine komplexe Sportart, in der man nicht immer merkt, welche Veränderungen Erfolg zeigen“, sagt Weißflog, „und irgendwann weißt du dann nicht mehr, woran es liegt, wenn es nicht klappt.“ Springen und fliegen müssen doch die Athleten allein. Und nicht zuletzt ist Skispringen dann reine Kopfsache.

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