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Vierschanzentournee : Rot-weiß-rot feiert Morgenstern

  • -Aktualisiert am

Auf Schultern getragen: Tourneesieger Morgenstern Bild: REUTERS

Der überragende Springer des Winters gewinnt die 59. Vierschanzentournee: Der Österreicher Thomas Morgenstern wird vom Publikum in Bischofshofen gefeiert. Der Tagessieg geht an den Norweger Tom Hilde.

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          „Genieß' es“, sagte Alexander Pointner - und wie er es genoss, dieser Thomas Morgenstern. Den letzten Flug auf der Schanze in Bischofshofen, den Jubel aus dem rot-weiß-roten Fahnenmeer rund um den Auslauf, das Gefühl, zum ersten Mal die Vierschanzentournee gewonnen zu haben. Was machte es da, dass ihm der Norweger Tom Hilde ganz knapp den Tagessieg raubte: Am Ende war Morgenstern dem Schweizer Doppel-Olympiasieger 30,4 Punkte voraus - beinahe eine Welt. „Es sind brutale Emotionen“, sagte er. Hilde holte sich noch Rang drei in der Gesamtwertung.

          „Wäre es jetzt nicht der Thomas, dann wäre es ein anderer.“ In dem Satz, der so banal klingt, liegt der ganze Stolz eines Trainers. Zum dritten Mal nacheinander beherrschte einer seiner Athleten die Tournee, und wer die Liebe mancher Österreicher zu Statistiken kennt, weiß, wie viel auch Pointner solch ein Ergebnis bedeutet. Der gebürtige Oberösterreicher ist der Mann, der Sieger macht. Und selbst in Tönen des Understatements ist die Befriedigung über eine Mannschaft zu hören, die so unangefochten, so überlegen diesen Sport beherrscht. „Wir bleiben am Boden“, sagt Pointner, „wir sind mit dem zufrieden, was wir haben und wissen es zu schätzen“. Im Nachsatz klingt das Selbstbewusstsein durch: „In den letzten drei Jahren waren wir immer ganz vorne, und das mit drei verschiedenen Sportlern - das hat noch keine Nation zustande gebracht.“

          Wolfgang Loitzl im Januar 2009, Andreas Kofler 2010 und nun Thomas Morgenstern: Wer die Vierschanzentournee gewinnt, gehört zu den Größten im Skispringen. Morgenstern, der schon als Sechzehnjähriger im Winter 2002/2003 bei der Vierschanzentournee auftauchte und fortan mit seinen Leistungen für Furore sorgte, ist in diesem Winter der überragende Skispringer. Der Erfolg am Bergisel war sein sechster Weltcup-Sieg der Saison, sein zwanzigster insgesamt - „da läuft es mir kalt über den Buckel“. 80 000 Schweizer Franken an Preisgeld haben ihm die Erfolge seit November eingetragen. „Aber ich würde jederzeit das Geld hergeben, um wieder den Moment wie heute zu erleben“, sagte er in Innsbruck nach dem Tagessieg, „das ist einmalig, es tut einfach dem Herz gut“.

          Rot-weiß-roter Festtag: Österreich feiert seinen Tourneesieger

          Seine Dominanz in diesem Winter erklärt sich Morgenstern, erklärt sich sein Trainer mit einer Weiterentwicklung, vor allem außerhalb der Skistadien. Jahrelang war der Kärntner einfach nur „der Morgi“, nun hat er sich zum „Thomas“ gewandelt. So möchte er angesprochen werden. „Es ist ein Entwicklungsschritt.“ Außerdem arbeitet er mit einem Mentalcoach zusammen, dessen Namen er nicht preisgibt. „Ich mag normal keine Geheimnisse und spiele mit offenen Karten. Es ist einfach jemand, den ich kennengelernt habe, der mir die Augen für die wesentlichen Dinge geöffnet hat.“ Früher habe er oft drei Stufen überspringen wollen. „Das hat mich immer wieder zurückgeworfen und mich emotional getroffen.“ Eine seiner stärksten Charaktereigenschaften ist das Durchhaltevermögen. „Ich gebe nicht auf, sondern arbeite weiter, egal was passiert, ob es mir Spaß macht oder nicht“. Das sei schon in der Schule so gewesen.

          Pointners Marktwert steigt und steigt

          Der Trainer, der für solche Sieger, für solch eine Mannschaft verantwortlich ist, steigert von Jahr zu Jahr seinen Marktwert. Da schadet es natürlich nicht, wenn man ins Gespräch gebracht wird für einen neuen Job. Der Österreicher solle Nachfolger des Finnen Mika Kojonkoski werden, der nach dieser Saison seinen Posten als Cheftrainer in Norwegen räumt, wurde zuletzt kolportiert. Pointner wird allerdings nicht müde, das System mit der frühen Talentsichtung, der zentralen Ausbildung im Tiroler Skigymnasium Stams und der individuellen Betreuung zu loben.

          „Viele österreichische Trainer sind im Ausland“, sagt er, „aber an den Stützpunkten haben wir immer noch die besten Leute. Die sehen die Zusammenarbeit mit den Spitzenathleten nicht als Sprungbrett, sondern fühlen sich dabei sehr wohl“. Der Österreichische Skiverband habe es nicht nötig, Experten für viel Geld abzuwerben, sagt er mit einem Seitenhieb auf die internationale Konkurrenz. Kein Zweifel, er sieht sich als Chef, er ist der Chef: „Ich schaue nicht nach anderen, ich bin überzeugt davon, was wir machen.“

          Die Autorität Innauer fehlt

          Eine Autorität allerdings fehlt neuerdings im Austria-Team - und sie fehlt auch Pointner. Als sich die Mannschaft vor Beginn der Tournee, wie alle Jahre wieder, in ihrem Oberstdorfer Hotel präsentierte, eröffnete zum ersten Mal Pointner die Gesprächsrunde. Denn Toni Innauer, dem mit seinen klugen, fundierten Aussagen zum Skispringen stets das erste Wort gehörte, ist als nordischer Sportdirektor im Österreichischen Skiverband im vergangenen Frühjahr von Ernst Vettori abgelöst worden. Und der Skisprung-Olympiasieger von 1992 hält sich eher noch im Hintergrund. Mit der Rückendeckung Innauers konnte sich Pointner, von seinem Mentor 2004 zum Cheftrainer gemacht, entwickeln und sein Ziel erreichen, die Nummer eins zu werden.

          Die rot-weiß-rote Souveränität geriet allerdings in Wanken, als der Schweizer Ammann im vergangenen Jahr in Vancouver bei seinen beiden Olympiasiegen die Österreicher mit seiner neuen Bindung an der Nase herumführte. Innauer und Pointner schlugen in wildem Aktionismus mit Protesten um sich - und verloren. Nach zwei Bronzemedaillen für Gregor Schlierenzauer - in der vergangenen Saison Österreichs Nummer eins - war das Teamgold nicht viel mehr als ein Trostpflaster. Aus der Ecke des jungen Tirolers, der im Dezember wegen einer Verletzung pausieren musste, ist auch die Kritik zu vernehmen, dass sich mit Pointner nicht mehr genug bewege. Der bleibt äußerlich gelassen. „Man braucht die nötige Ruhe und Spaß“, sagt er, „das habe ich auch gelernt, seit ich Cheftrainer bin“. Und als der kann er sich feiern lassen, solange er einen Star wie diesen Morgenstern hat - oder eben einen anderen.

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