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Vierschanzentournee : Der steile Absturz der Super-Adler

Geht es bald wieder aufwärts für die Österreicher? Bild: BRUNA/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Von 2009 bis 2015 siegte bei der Vierschanzentournee immer ein Österreicher. Nun sind die Skispringer von dort nur noch Mittelmaß. Vor allem einer steht bekommt heftige Kritik ab.

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          Logenplätze dieser Güte gibt es nicht viele: direkt an der Schanze, mit unverstelltem Blick auf die Anlaufspur. Mancher Fan, der im Ziel von Garmisch-Partenkirchen zu den Tausenden Besuchern zählte, die dicht an dicht auf den Tribünen das Spektakel verfolgten, wäre entzückt gewesen über diese erstklassige Perspektive. Stefan Kraft wirkte über die Aussicht, die sich ihm als Zuschauer bot, alles andere als glücklich. Für den 24 Jahre alten Skispringer ging das neue Sportjahr denkbar schlecht los. Der Österreicher, zuletzt Doppelweltmeister, schied am Neujahrstag im ersten Durchgang der zweiten Veranstaltung der Vierschanzentournee aus. 122,5 Meter genügten ihm im Duell mit dem Slowenen Ziga Jelar nicht zum Weiterkommen.

          Marc Heinrich
          Sportredakteur.

          Durch sein „bitteres“ Scheitern, wie er es nannte, musste sich der letztjährige Gesamtweltcup-Gewinner früh von seinem ersten Ziel in diesem wegweisenden Winter verabschieden. Sein Rückstand auf das Führungsduo, den Polen Kamil Stoch und den ihm folgenden Deutschen Richard Freitag, beträgt uneinholbare 170 Punkte. Doch statt sich nach der Schmach zu verkriechen, entschied sich Kraft für die Besucherrolle beim Finaldurchgang – und machte mit tief ins Gesicht gezogener Mütze bei stürmischen Böen im Werdenfelser Land böse Miene zu der für ihn bescheidenen Situation.

          Der abgestürzte Champion steht mit seiner Enttäuschung im Lager des in der Vergangenheit erfolgverwöhnten Österreichischen Skiverbandes (ÖSV) nicht allein da: In dieser Saison wird die Mannschaft allenfalls in Ansätzen den Erwartungen gerecht. Bei der Tournee, die die Männer in Rot-Weiß-Rot von 2009 bis 2015 mit unterschiedlichen Hauptdarstellern stets für sich entschieden, rangiert derzeit ihr bester Mann, Gregor Schlierenzauer, auf dem 15. Rang. In Garmisch schafften es neben Kraft drei seiner Kollegen ebenfalls nicht in die zweite Runde – das schlechteste Tagesresultat der Österreicher seit 39 Jahren und der Absturz ins Mittelmaß lassen den Druck auf alle Beteiligten steigen. Chefcoach Heinz Kuttin räumt ein, dass er sich die Situation anders vorgestellt habe. Doch er sieht weder strukturelle Defizite in der Trainingssteuerung noch beim Material. Der Kärntner behauptet, dass es keinen Grund gebe, in Aktionismus zu verfallen oder „den Kopf in den Sand zu stecken“.

          Vielmehr gelte es nun, da der Wettbewerb mit den abschließenden Stationen an diesem Donnerstag in Innsbruck (14.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Vierschanzentournee, im ZDF und bei Eurosport1) und am Samstag in Bischofshofen in seine entscheidende Phase tritt, „weiter zu arbeiten“, um sich das Glück des Tüchtigen zu verdienen. Ein sonst obligatorischer Termin am Tag vor dem Auftritt in Tirol, bei dem die Springer in der Vergangenheit beim Eisstockschießen an der Seite von Honoratioren und Sponsoren den Tournee-Showdown vergnüglich einläuteten, wurde gestrichen. Stattdessen arbeiteten die Athleten unter Ausschluss der Öffentlichkeit an ihren Defiziten, wobei es vor allem bei der Anfahrtsgeschwindigkeit, die Höhe und Weite des Sprungs beeinflusst, Verbesserungsbedarf gibt. Am Mittwoch zeigte sich zumindest Stefan Kraft ein wenig verbessert. Er erreichte in der Qualifikation zum Springen in Innsbruck den fünften Rang.

          Kuttin trat derweil vor die Kameras, um zu versuchen, die Kritik an seiner Person zu entkräften. Skispringer stehen in Österreich in der Gunst der Sportfans ganz oben, nahezu auf einer Stufe mit den alpinen Stars und den besten Kickern des Landes. Dass sie in neun Wettbewerben seit November noch nicht einen einzigen Sieger stellen konnten, sorgt allenthalben für Frust – den keiner so zugespitzt formulierte wie Alexander Pointner. Der 47-Jährige war bis April 2014 ÖSV-Cheftrainer, ehe er an Depressionen erkrankte und sich aus dem Geschäft zurückzog. Nun hat er sich als Buchautor und Kolumnist in heimischen Medien zurückgemeldet. Sonderlich viel Verständnis für die Art und Weise, wie sein Nachfolger den Job ausübt, lässt Pointner nicht erkennen. Er war es, der ehedem, mit tatkräftiger Unterstützung der Überflieger Schlierenzauer und Thomas Morgenstern, einen Top-Kader formte, der die Bezeichnung „Super-Adler“ verliehen bekam.

          Trainer Heinz Kuttin muss sich einiger Kritik erwehren.
          Trainer Heinz Kuttin muss sich einiger Kritik erwehren. : Bild: NIESNER/EPA-EFE/REX/Shutterstock

          Pointner moniert, Kuttin zeige zu wenig Ehrgeiz und lasse Initiative vermissen. Unter anderem wirft er ihm vor, in Oberstdorf nicht vom Trainerturm aus das Springen verfolgt zu haben (sondern vor Monitoren im Zielbereich) und so Verantwortung auf Assistenten delegiert zu haben: „Dabei kann es – wie etwa in der Qualifikation, wo es mehrmals Verlängerungen und Verkürzungen im Anlauf gab – zu entscheidenden Situationen kommen. Und da braucht man da oben den Chef“, meinte Pointner. Er habe früher bewusst das Rampenlicht gesucht, damit die Nörgler „eine Adresse hatten, wo sie draufhauen können. Damit habe ich den Rest abgeschirmt. Heute ist das nicht so. Weil es keine Ansprechperson gibt, gehen Fragen, warum es im Team nicht läuft, an die Adresse von Kraft. Er muss Rede und Antwort stehen, obwohl das gar nicht seine Aufgabe ist. Das ist eine unnötige Belastung“, sagte Pointner.

          Kuttin konterte, er fühle sich von den Vorwürfen „persönlich getroffen“. Eine Marketingstrategie auf Kosten anderer zu verfolgen sei „nicht akzeptabel“. Er wolle aber, um nicht für weitere Aufregung zu sorgen, aktuell auf eine detaillierte Replik verzichten: „Wir brauchen Gelassenheit, um wieder nach oben zu kommen“, lautete Kuttins Wunsch für die nächsten Herausforderungen der Olympia-Saison. Der am schnellsten mit einem Achtungsergebnis vor eigenem Publikum in Innsbruck Erfüllung geht – oder sich andernfalls ins Gegenteil verkehrt. Am Bergisel steht für die Österreicher diesmal besonders viel auf dem Spiel.

          Wo geht es wieder nach oben? Gregor Schlierenzauer.
          Wo geht es wieder nach oben? Gregor Schlierenzauer. : Bild: AP

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