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Vierschanzentournee : Martin Schmitt - aus dem Keller ans Licht

  • -Aktualisiert am

Kann er noch einmal in die Weltspitze springen? Martin Schmitt Bild: dpa

Einst stand er für die Glückseligkeit des deutschen Skispringens, inzwischen scheiden sich an Martin Schmitt die Geister. Der frühere Weltmeister setzt auf das Prinzip Hoffnung und seinen neuen Trainer Stefan Horngacher.

          3 Min.

          „Der Stef?“, fragte Martin Schmitt ein bisschen ungläubig, als ihm das Handy gereicht wurde. Gerade hatte er endlich wieder einmal gewonnen, wenn auch nur in der zweiten Liga der Skispringer, im Continental-Cup, zur Eröffnung der neuen Schanze von Garmisch-Partenkirchen. „Der Stef“, Stefan Horngacher, stand noch oben auf dem Plateau der Trainer und wollte schon mal fernmündlich seinen Glückwunsch loswerden. Schmitt lächelte während der unverhofften, kurzen Unterhaltung. „Heute hat er mal wieder übers ganze Gesicht gestrahlt, und das ist dann ein ganz anderer Martin“, sagte Horngacher später.

          An diesem Martin Schmitt hängt noch immer viel. Er stand einst für die Glückseligkeit des deutschen Skispringens. Viermal war er Weltmeister, zweimal Gesamt-Weltcupsieger, Team-Olympiasieger, 28 Weltcup-Springen hat er gewonnen. Doch das ist alles Vergangenheit, seit fünf Jahren herrscht nur noch das Prinzip Hoffnung. „Er arbeitet an sich“ – „er macht Fortschritte“ – „er ist noch nicht da, wo er hin will, aber es wird schon“. All das ist zu hören: Ganz verhalten kommt Kritik; behutsam, als habe man es mit einem Patienten zu tun, gehen alle mit ihm um.

          „Fehler und Versäumnisse von vier Jahren“

          Als er im tiefen Tal saß, seine Karriere am Ende schien, Schmitt aber nicht aufgeben wollte, kam Stefan Horngacher. Der Tiroler, selbst zweimal Mannschafts-Weltmeister mit Österreich, hatte seine aktive Karriere nach der Saison 2002 beendet, in der Schmitt sein bisher letztes Weltcupspringen gewann, und war Trainer geworden. Er arbeitete mit dem Finnen Hannu Lepistö bei den Österreichern, als B-Trainer in Polen und wechselte vor gut anderthalb Jahren – auch aus familiären Gründen – als Nachwuchstrainer an den Stützpunkt Hinterzarten im Schwarzwald. Er wurde Schmitts persönlicher Trainer.

          „Natürlich ist das eine Ehre für mich, wenn man einen vierfachen Weltmeister hat, auf den ganz Deutschland schaut. Und es ist eine Herausforderung, weil er vier Jahre im Keller war“, sagt Horngacher. Er habe mit ihm eine sehr gute Basis gefunden, sagt er, man lache viel miteinander, arbeite sehr ernsthaft, respektiere sich. Und: „Wenn ich nicht das Gefühl hätte, dass er wieder an die Weltspitze kommen könnte, würde ich ihn nicht trainieren.“ Horngacher ist überzeugt von Schmitt, aber Horngacher ist auch überzeugt von sich selbst. Laut vernehmbar kritisiert er weder den Deutschen Skiverband (DSV) – seinen Arbeitgeber – noch dessen Bundestrainer Peter Rohwein. „Dazu äußere ich mich nicht“, sagt er immer wieder. Und lässt dann doch den Spielraum für Zwischentöne: „Es war klar, dass es eine ganze Zeit dauert, bis die Fehler und Versäumnisse von vier Jahren aufgearbeitet sind, das geht eben nicht in einem halben oder einem Jahr“, sagt Horngacher.

          „Der Schuss ist nach hinten losgegangen“

          In Hinterzarten arbeitet er mit einigen sehr jungen Athleten, von dem einen oder anderen verspricht er sich noch in diesem Winter „eine Explosion“. „Als ich sie übernommen habe, hatten sie ein schlechtes Alpencup-Niveau“ ( die dritte Klasse des Skispringens), „jetzt punkten sie im Continental-Cup, mit 16 Jahren.“ Deutschland habe sicher nicht weniger begabte junge Springer als Österreich. „Aber in Österreich wird von Kindesbeinen an akribischer an einer Technik gearbeitet, die dann auch im Weltcup funktioniert.“ Schon im Nachwuchs sieht Horngacher in Deutschland zu viel Einsatz der Wissenschaft, es werde zu wenig auf einfache Dinge geachtet, die Skispringen ausmachen. „Nur ein Beispiel: In Österreich ist das Erste, was ein Trainer sagt, wenn einer an die Schanze geht: Immer die Knie durchdrücken, die Beine gestreckt halten. Deutsche Trainer schauen vielleicht zu sehr auf den Absprung, auf die Winkel, eben zu wissenschaftlich, und das Wesentliche wird dabei vergessen.“

          Wie Horngacher arbeiten auch dessen Landsleute Falko Krismayr und Heinz Kuttin im DSV. „Vielleicht war es ganz gut, dass man die Stützpunkte mit neutralen Trainern besetzt hat, die nicht stützpunktmäßig denken“, sagt Horngacher. „Mein Ziel als Trainer ist es nicht, einen Athleten nur in den C-Kader zu bringen, mein Ziel ist es, dass er dauerhaft im Weltcup Siegleistungen anbieten kann.“ Martin Schmitt glaubte er wieder so weit zu haben. „Ich habe mit ihm bis Oktober trainiert, und da ist er hervorragend Ski gesprungen, so dass ich gesagt habe, jetzt ist er Top Five, das hat man gesehen.“ Doch „dann kam die Winter-Vorbereitung, und der Schuss ist nach hinten losgegangen“, stellt Horngacher fest. Er wolle aber nicht kommentieren, was man anders machen sollte. „Wenn jemand Bundestrainer ist, hat der das Sagen, das muss man akzeptieren. Es bringt nichts, wenn man etwas schlechtredet.“

          In der Diskussion um eine mögliche Ablösung von Rohwein wird trotzdem auch immer wieder Horngacher genannt. Er positioniert sich deutlich: „Es ist mein Ziel, irgendwo irgendwann einmal eine Nationalmannschaft zu übernehmen.“ Vielleicht noch in diesem Winter und vielleicht die deutsche? Da kommt wieder der stereotype Satz: „Dazu äußere ich mich nicht.“ Lieber spricht er von den Fortschritten des Martin Schmitt, wenn er mit ihm gearbeitet hat – und sei es nur für einen Tag.

          Daten zur 56. Vierschanzentournee

          Gesamtsieger 2006/07: Anders Jacobsen, Norwegen

          Die meisten Gesamtsiege:
          Jens Weißflog, Deutschland, 4 (1983/84, 1984/85, 1990/91, 1995/96)
          Janne Ahonen, Finnland, 4 (1998/99, 2002/03, 2004/05, 2005/06)

          Gesamtsieger mit vier Siegen:
          Sven Hannawald, Deutschland (2001/02)

          Die letzten deutschen Siege:
          Oberstdorf: Sven Hannawald (29. Dezember 2002)
          Garmisch-Partenkirchen: Hannawald (1. Januar 2002)
          Innsbruck: Hannawald (4. Januar 2002)
          Bischofshofen: Hannawald (6. Januar 2002)

          Fernsehen: Mit dem Neujahrsspringen 2000 übernahm RTL die Übertragungen. Nun sind wieder ARD und ZDF an der Reihe. Im Zweiten laufen die Wettbewerbe von Oberstdorf und von Bischofshofen, das Erste sendet aus Partenkirchen und aus Innsbruck.

          Prämien: Favorit Thomas Morgenstern könnte Prämien von mehr als 100 000 Euro einstreichen. Der dominierende Springer der Saison kassierte allein rund 72 000 Euro, würde er alle vier Springen gewinnen und damit den Rekord von Sven Hannawald einstellen. Dazu kommen Prämien von Sponsoren und vom Österreichischen Skiverband. Für den Tournee-Sieger haben die Organisatoren zudem ein Auto im Wert von 27 000 Euro ausgelobt.

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