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Vierschanzentournee : Lehrling Schmitt und die "Summe der Kleinigkeiten"

  • -Aktualisiert am

Hat wieder gut lachen: Martin Schmitt Bild: dpa/dpaweb

Der viermalige Weltmeister ist wieder aufgetaucht. Der unermüdliche Trainingsfleiß des Schwarzwälders macht sich bei der Vierschanzentournee erstmals bezahlt.

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          "Klasse, Martin!" rief Andreas Widhölzl im Vorbeigehen, auch Martin Höllwarth gratulierte, und die Österreicher machten damit deutlich, welche Wertschätzung Martin Schmitt unter den Skispringern genießt. Mit Rang sieben beim Tourneespringen in Innsbruck, einer seiner besten Plazierungen der vergangenen zwei Jahre, ist der Schwarzwälder wiederaufgetaucht.

          Der viermalige Weltmeister wurde in seiner stärksten Zeit, von 1998 bis 2002, zu einem der Wortführer der Branche, setzte sich für die Belange der Aktiven ein. Auch daraus resultiert sein Renommee. Zuletzt war er sehr still geworden bei der Suche nach Fehlern in seiner Sprungtechnik.

          Der Star muß nachsitzen

          Angefangen hatte die Misere wohl schon vor Jahren, als er wegen ständiger Kniebeschwerden sein Trainingspensum zurückschraubte, um sich zu schonen. Damit büßte er Substanz ein. Dann kamen noch neue Regeln des Internationalen Skiverbandes für Anzüge und Ski, so daß sich seine einstige Sicherheit auf den Schanzen ins Gegenteil verkehrte; es lief einfach nichts mehr zusammen. Seine hohe Anfahrtposition und der aggressive Sprungstil wurden ihm zum Verhängnis.

          Es ging für ihn zuletzt nicht mehr um bloßes Training, sondern um das Erlernen neuer Methoden. Der Star als Lehrling. "Kraft hat mir das Wissen gegeben, daß ich Skispringen nicht verlernt habe", sagte Schmitt in Innsbruck. "Es gab Momente des Ärgers, Situationen, in denen ich nicht so gut drauf war." Aufzugeben sei allerdings nie ein Thema gewesen.

          „Wir brauchen ihn bei der WM“

          Die aufsteigende Form des Sechsundzwanzigjährigen freut auch die Mannschaftskameraden. Michael Uhrmann, in der Gesamtwertung der Vierschanzentournee als Siebter bester Deutscher und in Innsbruck einen Platz hinter Schmitt gelandet, sagte: "Ich freue mich für Martin. Das ist gut fürs Team. Wir arbeiten ja alle Richtung WM und brauchen ihn dort."

          Dabei war Schmitts Tournee-Teilnahme heftig umstritten gewesen. Frühere Springer und Trainer hatten in Ferndiagnosen einen Verzicht und statt dessen lieber einen Neuaufbau empfohlen. "Es hat sich ausgezahlt", stellte Uhrmann fest, "daß er es über Wettkämpfe versucht hat und nicht in ein Trainingslager gegangen ist."

          Kein Triumphgefühl

          Bundestrainer Peter Rohwein verkniff sich jedes Triumphgefühl gegenüber Kritikern wie Reinhard Heß und wertete das Innsbrucker Springen lediglich als "schönen Moment". "Martin und ich haben uns auf diesen riskanten Weg geeinigt, er wollte sich nicht verstecken." Es gehe nicht mit rasenden Schritten, aber stetig bergan. Von dem Ende einer Krise wollte der Trainer aus einem Grund nicht reden: "Krise hört sich immer so brutal an. Er hat eine schwächere, schwierige Phase durchlebt und sich selbst aus dieser Situation herausgezogen." Eine gewisse Erleichterung war aber erkennbar bei Rohwein.

          Der Rückhalt des Trainers habe ihm geholfen, sagte Schmitt. "Ich hatte jederzeit sein Vertrauen, und ich bin froh, daß es aufwärtsgeht und ich das Vertrauen rechtfertigen kann." Rohwein versicherte, es sei für ihn selbstverständlich gewesen, seinen Teamkapitän niemals in Frage zu stellen. "Ein Martin Schmitt im Erfolg gehört zur Mannschaft und auch ein Martin Schmitt, bei dem es nicht so läuft."

          Fortüne, Geduld, Fleiß

          Eine "Summe von Kleinigkeiten" sei Voraussetzung für den nun erkennbaren Aufschwung gewesen: Fortüne, Geduld, Fleiß, Engagement, das Aufbautraining in Lillehammer in der ersten Saisonphase, der Ski- und der Schuhwechsel. "Wir mußten das festgefahrene System ins Rollen bringen", so Rohwein. Ein Ende der Arbeit sei noch nicht ins Sicht. Innsbruck dürfe der Springer lediglich als Zwischenstation auffassen. "Er muß weiter wachsen, das sind noch nicht hundert Prozent."

          Schmitt war sich bewußt, eher einen Ausrutscher nach oben erlebt zu haben. "Mein Bewegungsablauf ist besser geworden, aber ich bin weiter in einer Phase der Stabilisierung." Mit ausgewählten Wettkämpfen und Konditionstraining bereiten sich die Deutschen in den kommenden fünfeinhalb Wochen auf die Weltmeisterschaften in Oberstdorf vor.

          „Selbstmitleid nützt nichts“

          Trainer Rohwein ist mit seinen Überlegungen schon längst bei den Titelkämpfen. "Mit der WM beschäftige ich mich den ganzen Winter hindurch. Martin war für mich auch dann ein potentieller Anwärter für das WM-Team, als es für ihn nicht so gut lief." Neben Schmitt, Uhrmann und Georg Späth hat er auch Alexander Herr, Maximilian Mechler, Stephan Hocke und Michael Neumayer auf seiner Kandidatenliste, sie seien bislang "teilweise unglücklich ausgeschieden" bei der Tournee. "Man kann im Selbstmitleid baden, das nützt nichts, wir müssen weiter arbeiten", so ermunterte Rohwein diesen Kreis.

          Alle sieben Springer wird er wohl zunächst für Oberstdorf benennen, um dann kurzfristig die vier Starter auszuwählen, die für den Deutschen Skiverband ein bis zwei Medaillen holen sollen. "An die WM denke ich noch nicht", meinte Schmitt, "erst einmal gilt die Konzentration weiter der Tournee, also Bischofshofen." Dort wurde er 1999 erstmals Weltmeister. Daß am Donnerstag der Finne Janne Ahonen sich den Gesamtsieg abholen wird, dessen ist sich Schmitt sicher: "Er macht keine Fehler, nicht einmal in den schwierigsten Situationen."

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