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Vierschanzentournee : Klempner Jacobsen arbeitet an seinem größten Werk

  • -Aktualisiert am

Windschnittig: der Gesamtführende Anders Jacobsen Bild: AP

Der Norweger siegte in Innsbruck mit hauchdünnem Vorsprung vor dem Österreicher Thomas Morgenstern. Damit führt Jacobsen auch die Gesamtwertung der Vierschanzentournee an. Die Deutschen flogen nur hinterher.

          3 Min.

          In wenigen Wochen wird Anders Jacobsen 22 Jahre alt, doch am Donnerstag fühlte er sich wie ein kleines Kind unter dem Weihnachtsbaum. Fröhlich, beinahe übermütig hüpfte er die Metallstufen hinunter, die einen Skispringer von den Höhen des Schanzenauslaufs auf den Grund des Kessels am Bergisel über Innsbruck bringen. Mit den langen Sprungski über der Schulter scherzte er mit dem einen oder anderen, der ihm eine freundliche Gratulation zurief.

          Was für ein erster Sprung auf dieser dritten Station der Vierschanzentournee: 129 Meter, keiner vor ihm war auch nur annähernd so weit gekommen. Jacobsens blaue Augen strahlten auch noch, als sich das Gesicht bemühte, ernst zu bleiben. Der Lautsprecher hatte einen angekündigt, für den Jacobsen einen Moment innehielt auf seinem Weg zurück zum Anlaufturm. Er schaute hinauf zu Gregor Schlierenzauer, dem neuen Überflieger der Österreicher. Doch Schlierenzauer landete bei 122 Metern, blieb sieben Meter zurück, und der Norweger konnte sich ein kurzes, kräftiges Kopfnicken nicht verkneifen: Ja, heute ist mein Tag.

          Schlierenzauer darf weiter auf Gesamtsieg hoffen

          Mit dem zweiten Sprung, als letzter der dreißig Springer im Finaldurchgang, flog Jacobsen noch einmal auf 128,5 Meter, und oben auf dem Turm brüllte sein Trainer Mika Kojonkoski, der Finne, lauthals seinen Jubel hinaus: Sieg! Jacobsen fiel noch auf der Höhe des Auslaufs der Bergiselschanze Thomas Morgenstern in die Arme, der gespannt auf ihn gewartet hatte. Denn irgendwie war es auch der Tag des zwanzigjährigen Österreichers. Denn mit dem Erstrahlen des neuen Sterns Gregor Schlierenzauer war Morgenstern, der Doppel-Olympiasieger von Turin, in den Hintergrund gerückt, hatte lernen müssen, dass nicht alle Augen auf ihn gerichtet sind. Und dass, wie sein Trainer Alexander Pointner sagte, „es vom Training abhängt, wo er sich sportlich einordnet“. Wohl auch deshalb kannte Morgensterns Freude über Rang zwei in Innsbruck kaum eine Grenze.

          Windschnittig: der Gesamtführende Anders Jacobsen Bilderstrecke

          Vielleicht hat Gregor Schlierenzauer, Morgensterns sechzehnjähriger Nachfolger als Liebling der Skisprungnation, am Donnerstag die Tournee verloren. Bei beiden Sprüngen fand er ungünstige Flugbedingungen vor und kam am Ende nur auf Rang elf. „Für mich geht deshalb keine Welt unter“, sagte er ohne sichtbare Enttäuschung. Noch immer darf er sich zum Kreis der Anwärter auf den Gesamtsieg zählen, wenn auch nur noch mit geringen Aussichten (siehe auch: Ergebnisse Wintersport). Denn vor ihm liegen in der Rangliste hinter Jacobsen der Finne Artu Lappi, die beiden Schweizer Simon Ammann - der am Donnerstag mit dem weitesten Sprung von 132 Meter Dritter wurde - und Andreas Küttel, der Pole Adam Malysz sowie Morgenstern.

          Schmitt enttäuscht

          Einen Rang besser als Schlierenzauer war in Innsbruck sogar der beste Deutsche, Michael Uhrmann aus Rastbüchl als Zehnter (Siehe auch: Michael Uhrmann: „Ich bin kein Suppenhuhn“ ). Mit 126 Metern im zweiten Versuch befand er sich in der Gesellschaft der Weltbesten, doch 10,5 Meter weniger im ersten Durchgang verhinderten eine bessere Plazierung. Martin Schmitt (Furtwangen) dagegen war wieder enttäuscht: „Ich weiß nicht, was falsch gelaufen ist. Ich konnte nicht umsetzen, was ich in Garmisch gezeigt habe“, sagte er. Rang 17 lässt nichts von dem Aufschwung ahnen, den sich der Springer und seine Trainer noch vor drei Tagen nach guten Trainingsleistungen versprochen hatten. Schmitt muss weiter darum kämpfen, an eine längst vergangene Form anzuknüpfen.

          Für Anders Jacobsen aber fand in Innsbruck eine Geschichte wie aus dem Skisprung-Fabelbuch ihren vorläufigen Höhepunkt. Beinahe aus dem Nichts ist er aufgetaucht, gewann im Dezember ein Weltcupspringen in Engelberg und führt nun die Gesamtwertung der Tournee mit gut sieben Punkten Vorsprung.

          „Körper gemacht für das Springen der Zukunft“

          Als er acht war, hatte ihm sein Vater in Norwegen Sprungski gekauft. Der Knirps ging auf eine 17-Meter-Schanze, trainierte einen Tag, nahm am nächsten Tag an einem Wettkampf teil und wurde Zweiter. Skispringen blieb sein Hobby, ab und zu mal wurde er in die norwegische B-Mannschaft berufen, machte den einen oder anderen Wettkampf im Continentalcup mit. Er wurde Klempner, arbeitete Vollzeit. Selbst nach einem Lehrgang von dreißig norwegischen Talenten in Lillehammer im Mai vergangenen Jahres schien sein Leben in den bisherigen Bahnen weiter zu verlaufen. Bis eine Woche nach Ende der Sichtung Clas Brede Brathen, der Skisprungchef des norwegischen Skiverbandes, anrief und Jacobsen mitteilte, er sei in den A-Kader berufen worden.

          Mika Kojonkoski hatte Gefallen an ihm gefunden. „Sein Körper“, sagte der finnische Trainer der Norweger, „ist gemacht für das Skispringen der Zukunft“. Jacobsen, sagt er, sei ähnlich gebaut wie Janne Ahonen, schmal, mit kräftigen Beinen. Die haben ihn dahin katapultiert, wo der Finne Ahonen in den vergangenen Jahren stand: an die Spitze der weltbesten Skispringer. „Und das ist ein richtig guter Tag für Anders Jacobsen“, sagte er am Donnerstag. Am kommenden Sonntag (Siehe auch: Vierschanzentournee live) soll es für den ehemaligen Klempner noch besser werden.

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