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Vierschanzentournee : Keine deutschen Höhenflüge in Sicht

  • -Aktualisiert am

Nur siegen ist schöner: Für die deutschen Skispringer ist ein Podestplatz derzeit weit entfernt Bild: dapd

Die Skispringer sind auf dem Boden der Realität aufgeschlagen. Den Helden von einst fehlt vor der Vierschanzentournee, die am Mittwoch beginnt, die Form. Die Hoffnungen ruhen vor allem auf Severin Freund - und einen alten Bekannten.

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          Werner Schuster ist gut gelaunt. Nichts da mit Grübeln, Pessimismus, Panikstimmung. Hat ein einziger Wettbewewerb den Bundestrainer der deutschen Skispringer aus seiner tiefen Verzweiflung geholt? Ein paar gute Sprünge seiner Springer vor einer Woche in Engelberg, ein fünfter Platz von Stefan Hocke - auch mit freundlicher Unterstützung durch den Wind. Und schon ist die Welt in Ordnung?

          Es ist eher ein Gefühl, das Schuster so positiv antworten lässt auf die Frage, wie es ihm denn gehe. Das Gefühl, sein ganzes Team - Athleten, Trainer, Betreuer - habe sich nicht entmutigen lassen, habe intensiv gearbeitet, vor allem in der Woche vor Weihnachten, habe nicht aufgegeben. „Es war eine enorme Energieleistung“, sagt Schuster. „Und jetzt hatten wir eine perfekte Vorbereitung.“

          Die Art, wie Schuster das sagt, klingt nicht nach Pfeifen im Walde. Der Österreicher, im dritten Winter in Diensten des Deutschen Skiverbandes (DSV), hat noch nie Dinge schöngeredet, und er wirkt auch in der schwierigen Situation zu Beginn des Winters sicher. „Ich gehe mit einem besseren Gefühl in die Tournee als letztes Jahr.“ Noch immer ist dieser Wettbewerb auf vier verschiedenen Schanzen in Deutschland und Österreich eines der Sport-Highlights im Winter, noch immer zieht er Zuschauer in Massen an - auch in der Hoffnung auf neue deutsche Skispringer-Herrlichkeit.

          Jung, frisch - und erfolgreich: Severin Freund will bei der Vierschanzentournee abheben

          „Man muss damit auch erst einmal springen können“

          Doch diese Hoffnung scheint trügerisch. Siebter der Gesamtwertung war im vergangenen Januar Pascal Bodmer als Bester aus Schusters Truppe: Schnee von gestern. Denn nach seinem unverhofften Höhenflug ist auch Bodmer auf dem Boden der Realität aufgeschlagen. Die Formschwäche seiner Springer zum Weltcup-Auftakt in Finnland erwischte Schuster unverhofft, „ich war vor den Kopf gestoßen“. Die Pfeile im Herbst hätten nach oben gezeigt, junge Springer hätten sich weiterentwickelt, „es war eine tolle Dynamik drin“. Dann ging nichts. „Unsere Leistungsträger, die den deutschen Springsport über Jahre repräsentiert haben und hinter denen man sich gut verstecken konnte, haben nicht zu ihrer Form gefunden“, sagt Schuster: „Es war eine triste Situation“.

          Mit Hilfe der Sportwissenschaft wollte Schuster den Weg zu alten Erfolgen ebnen. Intensiv widmete man sich den gekrümmten Bindungsstäben, die der Schweizer Olympiasieger Simon Ammann hoffähig gemacht hatte. Mit dieser Neuerung soll es leichter sein, nach dem Absprung schnell eine ideale Flugposition zu finden. „Wir waren sehr mutig, waren sicher mit führend - aber man muss damit auch erst einmal springen können“, sagt Schuster, „manchmal ist der Trainer schneller, als die Athleten Schritt halten können“. Schuster holte sich zudem zwei Männer ins Team, die in den vergangenen Jahren den österreichischen Skispringern Flughilfe gegeben hatten.

          Mit dem Sportwissenschaftler Harald Pernitsch, „der eine führende Stellung im Skisprungbereich hat“, und mit Marc Nölke als Co-Trainer hoffte er, seine Vorstellungen umsetzen zu können. Nölke katapultierte sich wegen Undiszipliniertheit schnell wieder aus seinem Vertrag beim DSV, und Schuster musste das Trainerteam noch einmal umbauen. „Wir haben uns neu sortiert, jetzt brauchen wir Zuversicht. Ich habe mich gefangen, kann mich extrem gut konzentrieren auf das, was Sache ist - und das strahlt auch auf die Mannschaft aus.“

          „Martin Schmitt hat noch einmal das Extra bekommen“

          Die besteht zu einem guten Teil noch immer aus den alten Leistungsträgern. Doch Martin Schmitt, Liebling der Fans, ist noch tiefer in einem seiner vielen Tiefs versunken, und die Hoffnung, dass er sich rechtzeitig befreien kann, ist verschwindend klein. „Durchwachsen“, sagt Schuster zum Eindruck im letzten Training von Oberstdorf. Eine Sondervorbereitung in Lillehammer trug nicht die erhofften Früchte, „in der Form gewinnt er auf jeden Fall nicht“, sagt der Trainer. Michael Uhrmann präsentiert sich zur Zeit schlechter denn je, und auch Michael Neumayer schwächelt. Trotzdem muss sich Schuster erst einmal auch auf die drei stützen. „Ich sehe nicht viele bessere.“

          Dreizehn Springer nimmt er mit auf die ersten beiden Stationen nach Oberstdorf, wo die Tournee an diesem Mittwoch beginnt, und Garmisch-Partenkirchen, die nationale Quote des Gastgebers eingeschlossen. Danach dürfen nur die sieben bestplazierten Deutschen weiter mitmachen. Dann zählt nur noch Leistung, ohne Rücksicht auf Namen oder vergangene Meriten. Extrawürste werden nicht mehr gebraten. „Michael Uhrmann hat sich bisher aussuchen können, ob er sich fit fühlt für den nächsten Weltcupstart, Martin Schmitt hat noch einmal das Extra bekommen“, sagt Schuster, „aber die Möglichkeiten sind jetzt ausgeschöpft“. Er wolle diese Linie forcieren, „das wird es nicht mehr geben, dass sich jemand den ganzen Winter über mit Sondertraining in Form bringen kann“.

          „Solange keiner vorne ist, ist Skispringen uninteressant“

          Die Hoffnungen ruhen deshalb vor allem auf Severin Freund, 22 Jahre alt, der auch in Sachen Bindung Schusters Testpilot war und davon profitierte. Und unverhofft tauchte einer auf, der beinahe ebenso unverhofft 2002 schon Olympiasieger mit dem Team war. Stefan Hocke gehört keinem DSV-Kader mehr an, mit seinem Stützpunkttrainer Ronny Hornschuh in Oberhof und mit Eigenmitteln musste er sich die Trainingslager finanzieren, nachdem ihn Schuster im April in das Programm aufgenommen hatte. Hocke habe, so sagt der Bundestrainer, einen enormen Entwicklungsschub in seiner Persönlichkeit hinter sich. Der junge Vater hat offensichtlich die Balance im Leben gefunden, „und seine Leistungsentwicklung ist noch nicht am Ende“.

          Einer wie Hocke, der mit sich im Reinen ist und die nötige Ruhe vermittelt, tut dem Team gut. Aber auch er wird so schnell kein neues Springer-Hoch bewirken. „Solange keiner vorne ist, ist Skispringen uninteressant“, sagt Schuster. „Es gibt genug andere Wintersportarten mit deutschen Heroen im Moment.“ Die Springer können sich deshalb zwar eine Auszeit leisten - bevor sie irgendwann zu neuen Höhenflügen abheben.

          Die Vierschanzentournee 2010/2011

          Oberstdorf: 28. Dezember: Qualifikation (16 Uhr) 29. Dezember: Springen (16 Uhr/beides live im ZDF)

          Garmisch-Partenkirchen: 31. Dezember: Qualifikation (13.45) 1. Januar: Springen (13.45 Uhr/beides live in der ARD)

          Innsbruck: 2. Januar: Qualifikation (13.45 ) 3. Januar: Springen (13.45 Uhr/beides live in der ARD)

          Bischofshofen: 5. Januar: Qualifikation (16 Uhr) 6. Januar: 4. Tourneespringen (16 Uhr/beides live im ZDF)

          Das deutsche Aufgebot: Pascal Bodmer (Meßstetten), Richard Freitag (Aue), Severin Freund (Rastbüchl), Stephan Hocke (Schmiedefeld), Martin Schmitt (Furtwangen), Michael Neumayer (Berchtesgaden), Michael Uhrmann (Rastbüchl). - Nationale Gruppe (für die Heimspringen): Marinus Kraus (Oberaudorf), Maximilian Mechler (Isny), Julian Musiol (Zella-Mehlis), Felix Schoft (Partenkirchen), Andreas Wank (Oberhof), Daniel Wenig (Berchtesgaden)

          Vierschanzentournee - Live-Ticker, Ergebnisse und Termine

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