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Patzer bei Vierschanzentournee : „Das Ding ist so gut wie durch“

Bedient: Karl Geiger in Innsbruck Bild: dpa

Vor dem dritten Springen in Innsbruck gilt Karl Geiger noch als einer der Favoriten auf den Gesamtsieg. Doch dann missrät der erste Sprung des Deutschen völlig. Die Führung übernimmt der Pole Kamil Stoch.

          3 Min.

          Mal Glücksberg, mal Schicksalsberg. Wieder einmal hat der Bergisel eine entscheidende Rolle beim Kampf um den Tourneesieg gespielt. Und wieder einmal sind die Hoffnungen, dass 19 Jahre nach dem Grand-Slam-Sieg von Sven Hannawald der Sieger der Vierschanzentournee aus Deutschland kommt, auf ein Minimum reduziert worden. Karl Geiger, als Zweiter der Gesamtwertung an die berühmt-berüchtigte Skisprungschanze am Innsbrucker Bergisel in die Anlaufspur gegangen, hat wegen eines völlig missglückten ersten Sprungs so gut wie keine Chance mehr beim letzten Springen am Mittwoch in Bischofshofen doch noch auf Platz eins zu kommen.

          Ralf Weitbrecht
          Sportredakteur.

          Dort steht nach seinem famosen Wettkampf vom Sonntag Kamil Stoch. Der große polnische Skispringer, zweimaliger Tourneesieger, nutzte nicht nur Geigers temporäres Tief, sondern auch das des zuvor Führenden Halvor Egner Granerud, um sich an die Spitze des Klassements zu setzen. Dort liegt Stoch mit 15,2 Punkten Vorsprung vor seinem Landsmann und Garmisch-Partenkirchen-Sieger Dawid Kubacki, gefolgt von Granerud, Geiger und Markus Eisenbichler, die 20,6, 24,7 und 33,4 Punkte hinter Stoch liegen.

          Stoch siegte am Bergisel vor dem in den vergangenen Wochen stark aufgekommenen Slowenen Anze Lanisek und seinem Landsmann Kubacki. Geiger wurde Sechzehnter. Bester Deutscher war der gleichfalls schwach in den Wettkampf gestartete Eisenbichler, der am Ende aber immerhin noch Sechster wurde.

          Auch Granerud zeigt Nerven

          Es war ein Springen voller Höhen und Tiefen. Skiflug-Weltmeister Geiger setzte sich zwar in seinem K.-o.-Duell gegen den viermaligen Schweizer Olympiasieger Simon Ammann, das Idol seiner Jugend, durch. Doch lediglich 117 Meter waren viel zu wenig, um seinen zweiten Platz zu festigen. Der Oberstdorfer fiel zu diesem Zeitpunkt als 30. des ersten Durchgangs auf Platz vier der Gesamtwertung zurück, 19,8 Punkte hinter Stoch.

          Auch Granerud zeigte Nerven. Der Norweger, der eine Stunde zuvor noch den Probedurchgang für sich entschieden hatte und sich weiter in seinem monatelangen Flow wähnte, machte es ungewollt Geiger nach und kam schon nach 116,5 Metern zur Landung. Granerud, ähnlich frustriert und verärgert wie Geiger, ging als 29. in das Finale der besten 30. Eisenbichler, neben Oberstdorf-Sieger Geiger die zweite große deutsche Hoffnung, machte es insgesamt zwar etwas besser als sein Freund Geiger. Doch 120,5 Meter und Platz 16 nach dem ersten Durchgang waren nicht dazu angetan, noch vom großen Wurf zu träumen. „Das Ding ist so gut wie durch“, sagte Geiger mit Blick auf die Gesamtwertung nach dem schwierigen Wettkampf in der ARD. „Es ist einfach frustrierend.“

          Markus Eisenbichler machte seine Sache über den Dächern von Innsbruck etwas besser.
          Markus Eisenbichler machte seine Sache über den Dächern von Innsbruck etwas besser. : Bild: dpa

          Der Kampf um den Goldenen Adler, den der Beste aller vier Einzelspringen am Mittwochabend in Bischofshofen erhält, führt seit dem diffizilen Springen in Innsbruck vor allem über die starken Polen. Stoch und Kubacki haben am Bergisel die Gunst der Stunde und die Fehler der Konkurrenten genutzt, um sich etwas abzusetzen. „Das war ein großartiger Tag heute“, sagte Stoch, mit 33 Jahren der älteste und erfahrenste der fünf im Gesamtklassement vorne liegenden Springer. „Das Team hat heute eine gute Leistung gebracht.“

          Kaum vorstellbar, wenn die 69. Auflage der Vierschanzentournee ohne die Polen stattgefunden hätte. Wegen eines offensichtlich falsch-positiven Corona-Tests zunächst von der Qualifikation beim Auftakt in Oberstdorf ausgeschlossen, regte sich im skisprungverrückten Polen großer Widerstand gegen das drohende Aus. Die Entscheidung wurde nach zweimaligen negativen Testergebnissen zurückgenommen. „Es ist gut, dass die Besten der Welt dabei sind“, sagte Stefan Horngacher. Der Bundestrainer, früher selbst höchst erfolgreich als Chefcoach der Polen tätig, gab sich nach dem Rückschlag am Bergisel noch nicht geschlagen. „Die Sprünge im ersten Durchgang waren einfach nicht gut genug“, sagte er und beklagte in seiner Analyse, dass die Trainingsvorbereitung auf das dritte Springen nicht optimal verlaufen sei. „Wir müssen jetzt schauen, was noch passieren kann.“ Aber: „Der Tourneesieg ist in ganz weite Ferne gerückt“, stellte er fest.

          Sowohl Geiger als auch Eisenbichler können im Gesamtklassement noch weiter nach vorne kommen. Das Potential dafür haben sie, das haben sie mit ihren guten zweiten Sprüngen am Bergisel gezeigt. Beide kamen jeweils auf 128,5 Meter. Stoch (127,5 und 130 Meter) und Kubacki (126 und 127 Meter) aber sprangen in beiden Durchgängen in Dimensionen, die man von den Polen kennt und die ihnen die Punkte brachten, um sich als Doppelspitze in der Gesamtwertung festzusetzen. Eisenbichler gab sich nach dem Wettkampf in Innsbruck kämpferisch. „Ich will attackieren“, versprach der 29 Jahre alte Siegsdorfer. „Es war ein brutal harter Wettkampf heute, aber ich bin mit einem blauen Auge davongekommen.“

          Tatsächlich verkürzte Eisenbichler den Rückstand ein wenig. Trotzdem: In Bischofshofen muss schon alles passen, damit etwa Geiger, der umgerechnet gut 14 Meter hinter Stoch zurückliegt, noch für den ganz großen Coup sorgen kann. „Es ist eine Fliegerschanze“, sagte Eisenbichler, der Gefühlsspringer, der es besonders mag, wenn es hoch und weit hinaus geht. Auf der Paul-Außerleitner-Schanze müsste Geiger, anders als noch am Bergisel, allerdings absolut fehlerfrei bleiben. „Dort hatte ich Zug verloren und war zu spät“, sagte Geiger. „Ich habe nicht optimal die Kante getroffen.“

          Es gehört zur Dramaturgie der Tournee, dass man acht gute Sprünge benötigt, um beim Kampf um den Goldenen Adler dabei zu sein. Geiger und Eisenbichler haben sich am Schicksalsberg Bergisel, den sie vor zwei Jahren bei der Nordischen Ski-Weltmeisterschaft noch als Glücksberg erlebt haben, mit jeweils einem missglückten Sprung fast aus dem Rennen katapultiert. Aber eben nur fast. „Man darf nie aufgeben“, sagte Eisenbichler.

          Vierschanzentournee

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