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Geigers Sieg bei der Tournee : Auf der Welle

Den Emotionen freien Lauf lassen: Karl Geiger Bild: EPA

Freibergsee, Flugschanze, Oberstdorf-Haus: In seiner Heimat kennt Karl Geiger eigentlich jede kleine Ecke. Nur die oberste Podeststufe war ihm bislang unbekannt. Der Auftakt-Triumph gibt Auftrieb für das ganz große Tournee-Ziel.

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          Ein Drehbuch hätte besser nicht sein können. Da gewinnt ein Oberstdorfer auf seiner Oberstdorfer Heimschanze das Auftaktspringen der Vierschanzentournee – und kann sein Glück kaum fassen. „Das ist einfach nur großartig“, sagte Karl Geiger an diesem „ganz speziellen Tag“. Es war weit mehr als dies. Für den 27 Jahre alten Skispringer waren es „die aufregendsten Wochen meines Lebens“.

          Welch eine Dichte an Ereignissen: An einem Samstag in Planica wurde Geiger Weltmeister im Skifliegen. Zwei Tage später kam seine Tochter Luisa auf die Welt. Wieder zwei Tage danach die Hiobsbotschaft: Der Champion hat Corona. „Ich habe keine Ahnung, wie das passieren konnte“, sagte er während der zehntägigen Quarantäne, die seinen Start bei der Tournee zu einem Wettlauf gegen die Zeit werden ließ. Geiger entschied ihn für sich – wie er auch, praktisch von null auf hundert und ohne jegliche Trainingssprünge, diesen ersten hochspannenden Wettkampf des deutsch-österreichischen Skisprungspektakels gewinnen konnte.

          Ein Coup am Schattenberg

          Ein Coup am Schattenberg, auf seiner Hausschanze, die ihm besonders im zweiten Durchgang sein ganzes Können abverlangte. „Ich habe gedacht: Jetzt schneit es schon ordentlich“, sagte er später in seiner Rückschau. „Bei der WM in Seefeld habe ich bei ähnlichen Bedingungen schon mal ins Gras gebissen. Von daher habe ich geschaut, dass ich bei mir bleibe und einen sauberen Sprung mache. Das ist mir gelungen.“ Typisch Geiger.

          Der Mann bleibt geerdet und hebt nicht ab – zumindest nicht mit Worten. Mit seinem Paar Ski schon. Seine Losung: „Was bleibt mir anderes übrig, als kühl zu bleiben? In Hektik zu verfallen wäre die falsche Lösung.“ Geiger hat dagegen die richtige gefunden. Er hat sich nicht aus seinem Konzept bringen lassen, und auch die Tatsache, dass er schon auf dem Absprungbalken sitzend diesen noch einmal verlassen musste, machte ihm nicht zu schaffen. Dem Druck, mindestens 136,5 Meter springen zu müssen, um mit dem letzten Sprung des Wettbewerbs noch am Führenden Kamil Stoch vorbeizuziehen, hielt Geiger stand. „Schon der erste Durchgang war nicht einfach, da war ordentlicher Rückenwind“, sagte er. „Wenn man da den kleinsten Fehler macht, dann holt es einen so runter. Das hat man ja bei Eisei gesehen.“

          Schlechter Tag für Eisenbichler

          „Eisei“ Markus Eisenbichler, Geigers langjähriger Doppelzimmerpartner in Nicht-Corona-Zeiten, hatte im ersten Durchgang einen schlechten Sprung auf lediglich 118 Meter hingelegt. Als 27. schienen seine Hoffnungen, ein Wort bei der Gesamtwertung mitzureden, schon zerflossen zu sein. „Doch er ist in einer wahnsinnigen Form“, sagte Geiger. „Die hat er auch im zweiten gezeigt.“ Eisenbichler verbesserte sich um erstaunliche 22 Plätze, wurde noch vor dem österreichischen Gesamtweltcupsieger Stefan Kraft Fünfter und hat weiter alle Möglichkeiten beim Kampf um den Goldenen Adler, den der Gesamtsieger am 6. Januar in Bischofshofen erhält. Geiger sowieso.

          Stefan Horngacher, der Bundestrainer der Skispringer, sprach nach Geigers Triumph von einem „Krimi“, an dessen Mitwirkung auch Gefühlsspringer Eisenbichler großer Anteil gebührte. „Markus hat seinen ersten Sprung etwas vernudelt, und wir hatten schon Angst, dass er ausscheidet. Das wäre der Super-GAU gewesen.“ Doch dazu kam es nicht. Eisenbichler legte nach, und Horngacher kam aus dem Staunen kaum heraus. „Er hat einen Sprung gezeigt, der von einem anderen Stern war.“ 142 Meter. Der weiteste Satz des Abends. Geiger sprang nicht so weit, aber er sprang zweimal beständig auf technisch höchstem Niveau und festigte mit Sprüngen auf 127 und 136,5 Meter jeweils seinen Spitzenplatz. „Karl hat das durchgezogen – vom Feinsten“, sagte Horngacher anerkennend. Am Mittwoch, als sich die Mannschaft auf den Weg nach Garmisch-Partenkirchen machte, wo an diesem Donnerstag die Qualifikation für das Neujahrsspringen ansteht, verabschiedete sich Horngacher mit einer Videobotschaft aus dem Allgäu. „Auf den Karl kann man sich immer verlassen. Wenn der Karl in seinem Tunnel drin ist, kann er das abrufen. Momentan schwebt er auf einer sehr guten Welle.“ Geiger ergänzte: „Unglaublich, was momentan passiert.“

          „Es war einfach nur phantastisch“

          Ein paar hundert Meter von seinem Zuhause entfernt hat Geiger Oberstdorfer Sportgeschichte geschrieben. 61 Jahre nach dem Erfolg von Max Bolkart ist es wieder einem Skispringer aus dem Tal der Schanzen geglückt, das Auftaktspringen der Vierschanzentournee zu gewinnen. Der knapp unterlegene Pole Stoch, neben Sven Hannawald und Ryoyu Kobayashi erst der dritte Grand-Slam-Sieger der Tournee, konnte nachempfinden, was in Geiger an diesem ganz speziellen Tag vorgegangen ist. Auch Stoch erlebte einen Tag der Extreme. „Es war einfach nur phantastisch – vom Aufstehen bis zum Wettkampf“, sagte Stoch.

          Erst wegen eines vermeintlich positiven Corona-Tests eines Mannschaftskollegen vom Springen ausgeschlossen, dann doch noch zugelassen: „Ich fühle mich großartig“, sagte Stoch. „Ich habe das tun dürfen, was ich liebe: Skispringen.“ Auch Geiger liebt das Skispringen. „Das ist das, was ich am besten kann.“ Gute Voraussetzungen für das, was noch kommt. Am Neujahrstag geht es auf der Olympiaschanze in Garmisch-Partenkirchen mit dem zweiten Springen weiter (14.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Vierschanzentournee und in der ARD). Mit Geiger, mit Eisenbichler – und mit dem großen Traum, dass der Gesamtsieger der Vierschanzentournee 19 Jahre nach Hannawald wieder aus Deutschland kommt.

          Vierschanzentournee

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