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Skispringer Karl Geiger : Kann er schon Vierschanzentournee?

Die Freude ist ihm ins Gesicht geschrieben: Karl Geiger in Engelbert. Bild: EPA

Karl Geiger ist in Oberstdorf geboren und tief verwurzelt. Bei der Generalprobe für die Vierschanzentournee springt er weit nach vorne. Doch was geht für ihn vor der eigenen Haustür?

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          Er hat es schon wieder gemacht. Auch wenn ihm diesmal auf einer seiner Lieblingsschanzen der Sprung an die Spitze verwehrt geblieben ist: Karl Geiger fährt nach seiner abermaligen Podestplazierung bei der Generalprobe in den Schweizer Bergen hoffnungsvoll in seine Oberstdorfer Heimat. Dort startet am kommenden Sonntag die Vierschanzentournee, und nach dem dritten Platz von Engelberg ist der 26 Jahre alte Skispringer sicher: „Ich kann ziemlich beruhigt in die Tournee reingehen.“ Warum? „Weil ich zwei sehr gute Sprünge gemacht habe, die stabil und konstant gewesen sind. Ich weiß aber auch, dass es noch nicht das Ende der Fahnenstange ist.“ Vergangenes Jahr hatte Geiger den ersten Wettkampf am Engelberger Skisprung-Wochenende gewonnen und mit seinem ersten Weltcup-Erfolg überhaupt Begehrlichkeiten geweckt. Diesmal reichte es für den aktuell besten deutschen Skispringer zu Platz drei – und wieder fand es der Mann aus dem Allgäu „einfach genial“.

          Geiger und die Groß-Titlis-Schanze – das passt. „Ich war schon nah dran am perfekten Sprung“, sagte Geiger, der es nach Sprüngen von 133,5 und 135 Metern auf 277,6 Punkte brachte. Knapp hinter Sieger Kamil Stoch, der sich mit Flügen auf 138 und 136 Meter in weiterhin bestechender Form präsentierte, und dem abermals konstant in der Weltspitze springenden Stefan Kraft. Der Österreicher, der am Sonntag nach der Landung stürzte und als 18. seine Führung im Weltcup an den am Schlusstag siegreichen Ryoyu Kobayashi wieder abgeben musste, landete auf der bestens präparierten Schanze nach 134,5 und 137,5 Metern und erhielt gegenüber Geiger 9,4 Punkte mehr. Drei Flugkünstler, alle eng beieinanderliegend – verfolgt von einem, auf den besonders geachtet werden muss: Kobayashi. Der Japaner, der im ersten Wertungsdurchgang noch nicht die vollständige Kontrolle über sein ansonsten beeindruckendes Flugsystem bekam, steigerte sich mit seinem zweiten Sprung gehörig und unterstrich an beiden Wettkampftagen, dass er auch in diesem Jahr bei der Tournee wieder zu den Sieganwärtern gehört.

          Auch Karl Geiger? Der bescheidene Oberstdorfer fand das „zweite Podium dieses Winters einfach extrem. Der dritte Platz war der letzte, der mir noch in meiner bisherigen Karriere unter den Top 30 gefehlt hat. Jetzt habe ich jede Plazierung durch.“ Und endgültig Frieden mit der größten Schweizer Naturschanze geschlossen. „Vor ein paar Jahren noch habe ich die Schanze hier auf den Tod nicht ausstehen können“, erinnerte er sich. „Es hat mir immer die Zähne ausgebissen. Aber zuletzt lief es richtig gut hier.“ 2018 beispielsweise. Es war das Jahr seines internationalen Durchbruchs, als er in Engelberg in den beiden Springen Erster und Vierter wurde. Die Ausbeute 2019: Dritter und Vierter.

          Beeindruckende Natur: Karl Geiger springt über die Schweizer Berge.
          Beeindruckende Natur: Karl Geiger springt über die Schweizer Berge. : Bild: dpa

          Wie schon im Vorjahr bekam Geiger hautnah zu spüren, was passiert, wenn der Sprung passt. „Dann kriege ich gut Druck rein. Bei einer Schanze, die auf 1000 Meter liegt und Rückenwind bringt, ist das von Vorteil.“ Mehr noch: „Seitdem sie umgebaut ist, fällt es mir auch deutlich leichter, die Kante beim Absprung richtig zu treffen.“ Es gab Zeiten, da war der Skisprungspezialist aus dem Allgäuer Tal der Schanzen beim Absprung „immer unfassbar spät“. Nicht 2019, nicht bei der Rückkehr an seinen heimlichen Sehnsuchtsort Engelberg. „Es waren geniale Bedingungen zum Skispringen.“ Nach dem Föhneinbruch am Freitag, der die Temperatur in Engelberg wenige Tage vor Weihnachten auf 15 Grad ansteigen ließ, kam der Dauerregen. Und als sich die tollkühnen Männer die Schanze hinunterstürzten, hatten die Wetterkapriolen scheinbar ein Einsehen. Es war trocken und windstill. Beste Bedingungen für Skispringer, beäugt bei der Ausübung ihres Berufs von mehr als 7000 Zuschauern an der traditionell bestens besuchten Engelberger Schanze.

          „Es geht noch einiges“

          Natürlich war auch Stefan Horngacher unter den kritischen Beobachtern. Was der neue Bundestrainer zu sehen bekam, gefiel ihm. „Karl springt nach wie vor sehr stabil“, sagte der 50 Jahre alte Tiroler in seiner Analyse. „Die Sprünge sind aber noch nicht perfekt. Es geht noch einiges und ist möglich.“ Horngacher, seit April mit der Neuausrichtung des Nationalteams beschäftigt, ist sicher, „dass ihm dieser Podestplatz natürlich hilft, weiteres Selbstvertrauen zu tanken“. Erfreulich für die Arbeit von Horngacher: Hinter Primus Geiger gibt es keine extrem große Lücken. „Man sieht, dass das gesamte Team hinten nachrückt“, sagte der Bundestrainer. Zahlen belegen dies: Pius Paschke wurde Zehnter, Constantin Schmid Elfter, Stephan Leyhe, der Dritte der vergangenen Vierschanzentournee, am Samstag Neunzehnter, tags darauf Zehnter. Und auch Platz 23 von Dreifachweltmeister Markus Eisenbichler ist kein Fall von Hoffnungslosigkeit. Horngacher sieht es so: „Es ist immer besser, wenn es von hinten nach vorne geht, als wenn man die Spitze halten muss.“ Auch wenn Eisenbichler am Sonntag bei äußerst widrigen Bedingungen nur 41. wurde, er ist dabei, sich von ganz hinten nach weiter vorn zu arbeiten. „Markus ist auf dem Weg – definitiv“, sagte Horngacher. „Sein erster Sprung am Samstag war echt schön und gut. Er weiß genau, er muss ruhig bleiben. Bei ihm kann es schnell gehen.“

          Eisenbichler selbst, ein aufmerksamer Beobachter und Spurensucher, hat den gravierendsten Fehler seines Sprungs schnell erkannt. „Ich bin an der Schanzentischkante so extrem spät. Ich habe hier oft Probleme. Wenn ich das Timing in den Griff kriege, kann es schon ganz gut gehen. Im ersten Trainingssprung habe ich ja gezeigt, dass ich es kann. Ich merke, dass es nicht so weit weg ist. Aber wenn man zu spät ist, hat man keine Chance.“ Karl Geiger hat es anders und besser gemacht. Er war zur rechten Zeit am rechten Platz – und ist rechtzeitig abgehoben.

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