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Vierschanzentournee : Der Plan mit Musterschüler Karl Geiger

„Die geben alles, also gebe ich auch alles“: Karl Geiger Bild: AFP

Die deutschen Skispringer genießen den guten Tourneestart und hoffen auf neue Großtaten ihres Frontmanns. Karl Geiger glänzt in Garmisch in der Qualifikation – und ist nun besonders motiviert.

          3 Min.

          Später am Abend, als sich die letzten Plätze in der Oberstdorfer Skisprungarena an der Schattenbergschanze geleert hatten, bildete sich eine weitere Menschentraube. Alle wollten nah dran an ihrem Liebling sein, an ihrem Mann aus dem Allgäu: Karl Geiger. Mit zwei Sprüngen auf 135 und 134 Meter hatte es der Oberstdorfer endlich geschafft. Zum ersten Mal überhaupt in seiner Karriere fand er sich nach einem Wettkampf bei der prestigeträchtigen Vierschanzentournee auf dem Podium der drei Erstplazierten wieder. Zweiter ist der „Karle“ geworden, wie sie ihn allenthalben nennen. Knapp und nur 9,2 Punkte hinter dem letztjährigen Tournee-Sieger Ryoyu Kobayashi, der in Oberstdorf fortführte, was er am besten kann und was er zuletzt vor knapp einem Jahr in Bischofshofen am Ende des deutsch-österreichischen Skisprung-Spektakels getan hatte: siegen.

          Ralf Weitbrecht
          Sportredakteur.

          Im Oberstdorf-Haus, dem großen Kommunikationszentrum in der kleinen Marktgemeinde, hatten sich lange nach dem Wettkampf etliche Skisprungfreunde eingefunden und freudig Beifall geklatscht. Die Menge bildete ein Spalier, und als Geiger an den Fans vorbei zur letzten offiziellen Tat seines Glückstages schritt und Rede und Antwort stand, kannte auch hier der Jubel kaum Grenzen. Es schien, als hätte der 26 Jahre alte Geiger, bei der Ausübung seines Berufs nicht nur von 25.500 Zuschauern, sondern auch von seinen Eltern und seiner Schwester beäugt, einen großen Sehnsuchtstraum erfüllt. Es stimmt: Der seit Wochen beste und beständigste deutsche Skispringer, mit der Empfehlung eines dritten Platzes bei der Generalprobe in Engelberg ins Allgäu zurückgekehrt, präsentierte sich auch auf seiner Heimschanze in bestechender Form.

          „Ich habe heute einen rausgehauen und bin megahappy.“ Am Tag zuvor noch, als er in der Qualifikation Sechster geworden war, hatte Geiger gesagt, dass er die Schanze noch nicht ganz geknackt habe. Seit Sonntag sind die Fronten geklärt. Geiger kann auch in Oberstdorf weite Sätze machen. Mit guten Sprüngen von der großen Olympiaschanze in Garmisch-Partenkirchen will er am Neujahrstag (14.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Vierschanzentournee, im ZDF und bei Eurosport) seine Spitzenposition behaupten. In der Qualifikation an Silvester gelang das ganz hervorragend. Niemand sprang besser als Geiger. „Karle und Garmisch – beim letzten Training hat er Freundschaft geschlossen mit der Schanze“, sagte Bundestrainer Stefan Horngacher, der den Trubel um Geiger entspannt aus der Distanz beobachtete und wie zur Bestätigung des zweiten Platzes seines Springers anfügte: „Er hat eine stabile, gute Technik. Es ist egal, auf welcher Schanze er springt. Seine Sprünge heute waren nah dran an sehr gut.“

          Nah dran an Kobayashi, dem Überflieger, dem Grand-Slam-Sieger, der sich schon wieder anschickt, die Konkurrenz hinter sich zu lassen. Doch am Sonntag wirkte er noch nicht wie der große Überflieger. Sein erster Sprung auf 138 Meter, mit dem er die Basis für den fünften Einzelsieg bei der Vierschanzentournee in Folge legte, war zwar famos. Doch im zweiten Durchgang schloss Geiger, der nach seinem ersten Sprung drei Meter hinter dem Japaner gelandet war, zu Kobayashi auf. Beide sprangen 134 Meter. Für Horngacher ein eindeutiges Indiz, „dass jeder schlagbar ist. Auch Kobayashi, der heute außergewöhnlich gesprungen ist“. Geiger sieht es ähnlich. Er lobte zwar, dass die Sprünge des Japaners „erste Sahne waren, da kann man nur den Hut ziehen“. Aber: „Auch er zaubert nicht.“

          Als Geiger den stürmischen Beifall des Publikums an der Schattenbergschanze entgegennahm, „war ich schon ein bisschen aufgewühlt. Auf dem Siegertreppchen passiert schon was in einem. Das habe ich genossen“. Die Momente seiner Sprünge und die Eindrücke auf seiner Hausschanze beschrieb er so: „Wahnsinn. Es war heute eine brutale Atmosphäre. Es war Gänsehaut auf dem Balken, es war der Hammer.“ Geiger spürte eine symbiotische Verbindung mit dem Publikum: „Die Stimmung hat mich gepusht. Ich habe mir gedacht: ,Die geben alles.‘ also gebe ich auch alles. Und das ist mir gelungen.“

          Horngacher, der neue Chefcoach, sprach nach dem geglückten Tourneestart von einer „grandiosen Weiterentwicklung der ganzen Mannschaft“. Auch gefiel dem 50 Jahre alten Tiroler, „dass sich Eisei aus dem Schlamm rausgehauen hat“. Markus Eisenbichler, dreifacher Weltmeister, seit Wochen um die alte Form kämpfend, absolvierte einen guten Wettkampf, den er als Elfter beendete und sich dafür besonders bei seinem Spezi und Zimmernachbarn Geiger bedankte. „Karl zieht mich mit, dafür bin ich ihm sehr dankbar. Ich werde alles tun und ihn unterstützen, dass es für ihn so weitergeht“, sagte Eisenbichler.

          Für Richard Freitag geht es bei der Vierschanzentournee hingegen nicht weiter. Der einstige Topspringer, der in Oberstdorf die Qualifikation nicht überstand und dort nicht unter die besten fünfzig gekommen war, wurde am Montag aus dem Team genommen. „Er trainiert zu Hause“, sagte Bundestrainer Horngacher· „Wir werden versuchen, ihn wiederaufzubauen.“ Aufbauarbeit für Garmisch? Für ein möglichst erfolgreiches zweites Springen der Vierschanzentournee hat sich Horngacher einen Plan zurechtgelegt. Gefragt, was er gemeinsam mit seinen Sportlern am Montag, dem Ruhetag, machen werde, erwiderte der Österreicher: „Wir machen das, was der Tag vorgibt: Ruhe. Der Start der Tournee ist extrem emotional. Er kostet viel Kraft. Wir werden faulenzen und gar nichts machen – und für Garmisch dann die Maschine wieder hochfahren.“ Damit Geiger und Kollegen rechtzeitig wieder in Schwung kommen für eine paar weite Sätze.

          Vierschanzentournee

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