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Neujahrsspringen in Garmisch : Geiger verliert Gesamtführung bei Vierschanzentournee

Nur Fliegen ist schöner: Karl Geiger nimmt Haltung an für die Landung in Garmisch-Partenkirchen. Bild: EPA

Der Sieger von Oberstdorf verpasst beim „turbulenten“ zweiten Springen der Vierschanzentournee das Podest. Dawid Kubacki siegt in Garmisch-Partenkirchen. Halvor Egner Granerud zieht in der Gesamtwertung an Karl Geiger vorbei.

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          Kaiserwetter rund um die Große Olympiaschanze von Garmisch-Partenkirchen – und mittendrin einer, der schon wieder sein schönstes Strahlen zeigen wollte: Karl Geiger. Doch anders als noch in Oberstdorf, wo am Dienstag die traditionsreiche Vierschanzentournee begonnen hatte, stand Geiger diesmal nicht in der Mitte des Siegerpodiums. Es waren andere, die den Wettkampf am Neujahrstag bestimmten – und die in der Gesamtwertung an dem 27 Jahre alten Skiflug-Weltmeister Geiger vorbeizogen. Titelverteidiger Dawid Kubacki, der mit 144 Meter einen Schanzenrekord aufstellte, gewann das Neujahrsspringen vor dem Norweger Halvor Egner Granerud und seinem polnischen Landsmann Piotr Zyla. In der Tourneewertung liegt jetzt Granerud vor Geiger.

          Geiger, im ersten Versuch 131 Meter weit gesprungen, zeigte sich im Finaldurchgang der besten Dreißig mit einer formidablen Leistungssteigerung stark verbessert und kam auf 138 Meter, was Platz fünf bedeutete. „Ich bin sehr happy über meinen zweiten Sprung“, sagte er. „Es ist noch alles drin.“ Bundestrainer Stefan Horngacher sagte in der ARD anerkennend: „Der letzte war schon sehr nah dran, der war richtig viel wert.“ Geigers Doppelzimmerpartner in Nicht-Corona-Zeiten, Markus Eisenbichler, wurde nach Sprüngen auf 137,5 und 134 Meter Siebter.

          Schon am Silvestertag hatte sich abgezeichnet, dass der Sieg beim Neujahrsspringen über die üblichen Verdächtigen führen würde. Es waren mit Anze Lanisek, Granerud, Stoch und den beiden Deutschen Geiger und Eisenbichler jene Skispringer, die die Qualifikation dominiert hatten. Doch sie alle mussten am ersten Tag des neuen Jahres hart arbeiten und kämpfen. Es waren schwierige Bedingungen, die an der Schanze herrschten. Der Wind hinderte immer wieder die Skispringer daran, in ein möglichst perfektes Flugsystem zu kommen. Bundestrainer Horngacher, der sich nach dem ersten Durchgang eine bessere Ausgangsposition für seine Spitzenspringer erhofft hatte, sprach in der ARD davon, dass es „sehr turbulent“ gewesen sei.

          Dies schlug sich auch in den Zwischenständen nieder. Eisenbichler, der weit flog und auf 137,5 Meter kam, war Vierter, Oberstdorf-Sieger Geiger zehn Plätze dahinter 14. Und vorne? Der dominierende Mann dieses Winters, Granerud, dicht gefolgt von den beiden Polen Kubacki und Stoch, was nicht verwunderte: Vorjahres-Gesamtsieger Kubacki kann nicht erst seit diesem Jahr weit springen, und der zweimalige Tournee-Champion Stoch bekommt als fliegerischer Ästhet der Lüfte stets gute Noten der fünf Wertungsrichter.

          Dass mit Marius Lindvik einer der Besten nicht beim Neujahrsspringen dabei sein konnte, war ein bitterer Rückschlag für das starke norwegische Team. Der Vorjahressieger von Garmisch-Partenkirchen, der bei seinem damaligen Coup auch gleich noch mit 143,5 Meter einen Schanzenrekord aufgestellt hatte, musste wegen heftiger Zahnschmerzen passen. Sein Trainer Alexander Stöckl bestätigte, dass Lindvik schon in einer Innsbrucker Klinik am Kiefer operiert worden ist und sich weitere zwei, drei Tage dort aufhalten muss. Bedeutet: Der 22 Jahre alte Vorjahres-Gesamtzweite, der als Dritter in Oberstdorf wieder höchst erfolgversprechend in die Tournee gestartet war, wird in diesem Jahr keine Rolle beim Kampf um den Goldenen Adler spielen.

          Ganz anders sieht es da schon mit Lindviks Landsmann Granerud aus. Der in dieser Saison den Weltcup dominierende Norweger, mit der Empfehlung von fünf Siegen in Folge nach Oberstdorf gekommen, war derjenige, der in Garmisch-Partenkirchen dominierte. Sein Flugsystem: eine Augenweide. Granerud stellte eine mehr oder weniger perfekte Harmonie zwischen Anlauf, Absprung und Landung her. Sein Trainer Stöckl hatte es ja schon immer gewusst.

          Vierschanzentournee

          „Granerud ist ein intelligenter Bursche, der sehr detailorientiert ist“, sagte Stöckl kürzlich und erklärte: „Dieses Verhalten stand ihm im Sommer 2019 im Weg. Er hatte sich in der Technik verzettelt und den roten Faden im Herbst verloren. Er brauchte den ganzen letzten Winter und diesen Sommer, um zu alter Stärke zurückzufinden.“ Seit November präsentiert sich Granerud in prächtiger Verfassung. „Er ist nun auch einmal mit einer guten Leistung zufrieden und hat nicht mehr das Gefühl, ständig nach der Perfektion streben zu müssen“, sagte Stöckl. „Das geht im Skispringen nicht.“

          Das Streben nach Perfektion treibt sie in der diffizilen Freiluftsportart Skispringen an. Auch Stefan Kraft, der Gesamt-Weltcupsieger des vergangenen Winters, hatte zuletzt mit Rückschlägen zu kämpfen. Der Österreicher wurde positiv auf das Coronavirus getestet, zudem plagten ihn seit der Skiflug-WM in Planica, an der er nicht teilnehmen konnte, permanente Rückenbeschwerden. „Jetzt aber habe ich das Selbstvertrauen. Ich weiß, wenn ich gut drauf bin, wenn es halbwegs geht, dann kann ich vorne mitspringen“, gab er sich optimistisch. In Garmisch-Partenkirchen, wo er im vergangenen Jahr als Dreizehnter alle Hoffnungen auf eine bessere Plazierung in der Gesamtwertung aufgeben musste, erlebte der leidgeprüfte Kraft im neuen Jahr 2021 ein Déjà-vu und wurde lediglich 28.

          Für Andreas Wellinger, der seit seinem Kreuzbandriss im Sommer 2019 um den Anschluss kämpft, ist es unterdessen eine Saison zum Vergessen. Kein einziger Weltcup-Punkt, Platz 46 in Oberstdorf: Weil der Olympiasieger die Qualifikation für das Neujahrsspringen nicht schaffte, ist für ihn die Tournee beendet. „Ich bin so realistisch, dass die besten sechs weiterfahren, und da gehöre ich momentan nicht dazu“, sagte der 25-Jährige. Bundestrainer Horngacher wird nach der Hälfte der Tournee und vor dem dritten Springen an diesem Sonntag in Innsbruck das A- und B-Team um die Hälfte von zwölf auf sechs Springer reduzieren – und weiter darauf hoffen, dass seine beiden Spitzenspringer Geiger und Eisenbichler auch weiterhin ein gewichtiges Wort beim Kampf um den Goldenen Adler mitreden können.

          Vierschanzentournee

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