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Tournee-Sieger Kamil Stoch : Der doppelte Traum vom Fliegen

  • -Aktualisiert am

„Skispringer und Pilot zu sein liegt eng beieinander“: Kamil Stoch. Bild: dpa

Kamil Stoch geht als Titelverteidiger in die Vierschanzentournee. Dabei sprang er in einen erlauchten Kreis. Doch der Pole hat noch einen anderen Traum vom Fliegen.

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          Skispringen bezieht einen Großteil seiner Faszination auch daraus, dass die Athleten etwas nutzen, was nicht sichtbar ist. Wagemutig springen sie vom Schanzentisch scheinbar ins Nichts. Danach nutzen sie das Grundelement Luft. Mit Körper, Anzug und Ski bilden sie ein Polster, auf dem sie sicher in den Auslauf hinuntersegeln. Einer derjenigen, der darin besondere Fähigkeiten entwickelt hat, ist Kamil Stoch. „Luft ist mein zweites Wesen, ich spüre gerne Luft beim Skifliegen, wie sie sich bewegt“, sagt der Pole, „das macht mich glücklich und zu einem freien Mann.“

          Einen besonderen Glücksmoment hatte der 30-Jährige zu Beginn dieses Jahres. In Bischofshofen erhielt er die geschnitzte Holztrophäe für seinen Triumph bei der Vierschanzentournee. Damit katapultierte sich der Mann aus Zakopane in einen erlauchten Kreis, weil er erst der fünfte Skispringer ist, der sowohl Olympiasieger, Weltmeister, als auch Gewinner des Gesamt-Weltcups und Tournee-Triumphator geworden ist. Vor ihm war dies lediglich dem Norweger Espen Bredesen, Thomas Morgenstern (Österreich), Matti Nykänen (Finnland) und Jens Weißflog aus Oberwiesenthal gelungen.

          Kamil Stoch will sein besonderes Gefühl für die Luft nicht nur bei seinem sportlichen Treiben nutzen. „Ich würde mir gerne meinen großen Traum erfüllen und Pilot werden“, sagt Stoch. „Skispringer und Pilot zu sein liegt eng beisammen.“ Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass er diese Leidenschaft mit einigen seiner Kollegen teilt. Simon Ammann und Thomas Morgenstern haben bereits eine Fluglizenz. Und wie diese möchte er keine großen Passagiermaschinen pilotieren, sondern kleine Privatflieger. Es sei eine innigere Beziehung. „Da bist du und das Flugzeug“, beschreibt er sie: „Und du bist der Herr über das Geschehen.“ So wie beim Skispringen.


          Doch noch hebt Kamil Stoch nur auf den Schanzen ab. Für Übungsstunden mit einem Fluglehrer fehlt ihm momentan die Zeit. Immerhin hat er mit seinen vielen Siegen wieder einen Skisprung-Hype in Polen ausgelöst. So wie vor 20 Jahren Adam Malysz. Der viermalige Gesamt-Weltcupsieger gehört als Betreuer des polnischen Teams neben Cheftrainer Stefan Horngacher zu den Menschen, auf deren Rat Stoch hört. „Kamil war brutal gefragt“, erzählt Horngacher über die Zeit nach dem Saisonende: „Wir haben versucht zu filtern, was wichtig und unwichtig ist.“ Doch gelungen ist dies nur bedingt. Zwei, drei Termine seien zu viel gewesen. Die Folge: Im Training war er häufig nicht frisch und konzentriert genug. „Das weiß Kamil selbst auch“, sagt der Trainer. Gemeinsam haben sie die Konsequenzen gezogen und alles besser in den Trainingsprozess eingeplant. Den Job als Athletensprecher hat er im Zuge dessen auch abgegeben. Sein Nachfolger ist der Norweger Andreas Stjernen.

          Der Erfolg stellte sich langsam wieder ein. Kurz vor der Vierschanzentournee, die an diesem Samstag in Oberstdorf beginnt (16.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Vierschanzentournee, in der ARD und bei Eurosport), meldete sich der 1,73 Meter große und 52 Kilogramm schwere Springer zurück. „In Neustadt hat er schon ein paar Sprünge auf hohem Niveau gezeigt“, sagt sein Coach. Und in Engelberg kehrte er als Dritter und Zweiter wieder aufs Podium zurück. Und ist damit ein ernsthafter Konkurrent der beiden im Weltcup führenden Deutschen Richard Freitag und Andreas Wellinger.

          Für die vier Springen bei der Tournee und die Olympischen Spiele in Pyeongchang hat Trainer Horngacher dem ehrgeizigen Sportler, der stets den Hang zum Perfektionisten hat, noch einen Tipp mitgegeben: „Ich habe ihm gesagt, er kann die Tournee und Olympia in vollen Zügen genießen, denn er hat bei beiden Veranstaltungen schon einmal gewonnen.“ Das bedeutet auch, dass sein Springer geduldiger und entspannter werden solle. Doch so einfach kann der Springer den Schalter nicht umlegen. „Ich verstehe schon, was Stefan meint“, erzählt er, „ich sage mir auch immer, dass ich nicht alles so eng sehen und hektisch agieren soll. Aber das kann ich nicht“. Denn wenn er oben auf dem Bakken sitze, dann wolle er immer sein Bestes geben.

          Dass Kamil Stoch bei den Skispringern landen würde, hat sich schon früh abgezeichnet. Er ist im polnischen Sprungzentrum Zakopane aufgewachsen. Mit drei Jahren stand er zum ersten Mal auf Ski, mit neun wagte er die ersten Hüpfer über eine Schanze. Mit 16 Jahren gab er beim Heimspringen in Zakopane sein Debüt im Weltcup. Seinen ersten von mittlerweile 22 Siegen holte er sieben Jahre später – in Zakopane. Gemeinsam mit seiner Frau Ewa, die auch seine Managerin ist, betreibt Stoch in seiner Heimatstadt eine Sprungschule. Zwischen 20 und 25 Kinder und Jugendliche kommen regelmäßig zum Training, um irgendwann einmal in die Fußstapfen ihres Idols zu treten. „Es macht riesige Freude, zu sehen, wie bei den kleinen Jungs und Mädels die Augen strahlen, wenn sie zum Training kommen“, sagt Stoch.

          Obwohl Kamil Stoch in seiner Heimat mittlerweile ein bekannter Mann ist, führt er ein ganz normales Leben. „Wenn ich nicht springe, helfe ich meiner Frau im Haushalt, putze, kaufe ein“, erzählt er, „kurz: ich mache alles in unserer Wohnung, was getan werden muss.“ Nur für die Ausbildung zum Piloten bleibt vorerst nicht genügend Zeit. Aber Stoch kann warten auf die Lizenz. Er fliegt ja schon an diesem Samstag wieder.

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