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Große Enttäuschung für Geiger : Der abgestürzte Adler

Zweiter beim Auftaktspringen auf seiner Heimschanze am Oberstdorfer Schattenberg, Zweiter auch am Neujahrstag, als es galt, möglichst weit und sicher von der Olympiaschanze am Gudiberg in Garmisch-Partenkirchen zu springen: Geiger hatte einen Lauf. Die Systeme in der komplexen Sportart Skispringen stimmten – und was noch wichtiger war: Der Abstand zum Titelverteidiger Kobayashi war verschwindend gering. Dass Kobayashi schlagbar ist, haben die Deutschen schon nach dem Auftakt gezeigt. Tatsächlich landete Geiger beim Sprungvergnügen ins neue Jahr vor dem Grand-Slam-Sieger. Wie konnte das passieren? Ist Kobayashi schwächer geworden? Oder hat Geiger einen großen Entwicklungsschub genommen?

Es ist ein Mix von beidem, der an der Spitze der besten Skispringer der Welt für Veränderung gesorgt hat. Nicht nur Geiger, auch der mittlerweile das Gesamtklassement anführende Kubacki sowie der nach Garmisch-Partenkirchen auch in Innsbruck siegreiche Lindvik sind längst aus Kobayashis Windschatten gesprungen. Ein Vierkampf um die Krone. Am bestens besuchten stimmungsvollen Bergisel war jede Menge Dampf im Kessel. Auf jener Anlage, auf der die Springer nach der Landung sofort den Gegenhang hochfahren müssen. Auf jener Anlage, die seit Jahren als diffizil gilt, weil sie immer wieder den Launen der Natur ausgesetzt und sehr windanfällig ist.

Karl Geiger hat es in seinem ersten Sprung besonders zu spüren bekommen, den Kampf um den Gesamttitel aber noch nicht abgeschrieben. Geiger ist ein reflektierter Mann, der über den Tellerrand des Skispringens hinausschaut und ein Auge darauf hat, was sich abseits der Schanze abspielt. Zu Beginn dieser Saison hat er seine Bachelorarbeit an der Hochschule in Kempten abgeschlossen. Dass sich Geiger im Fachbereich Energie- und Umwelttechnik engagiert hat, ist kein Zufall. In Zeiten des Klimawandels interessiert es ihn, was zur Rettung der Umwelt getan werden kann. Geiger selbst, der als Fünfjähriger erstmals eine kleine Schanze runterfuhr und sieben Meter sprang, entstammt bodenständigen Verhältnissen und weiß um die natürlichen Ressourcen. Sein Vater betreibt eine Schreinerei. „Alles, was mit Holz zu tun hat, mag ich“, sagt er. Und fühlt sich auch deshalb bei der Vierschanzentournee im wiederentdeckten Stammquartier hoch oben über Innsbruck in der kleinen Ortschaft Lans besonders wohl. Die Herberge, in der die deutschen Skispringer nach dem Umzug aus Garmisch-Partenkirchen eine Heimat auf Zeit gefunden haben, atmet in holzvertäfelten Stuben jahrhundertealte Geschichte.

Geschichte schreiben – das will Geiger immer noch. Am Montag (17.15 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Vierschanzentournee sowie in der ARD und bei Eurosport) geht die Tournee zu Ende, und dann zählt es. Für einen wie Geiger wäre die Fliegerschanze in Bischofshofen eigentlich wie gerufen gekommen, um am Dreikönigstag im vierten und letzten Springen zum ganz großen Wurf anzusetzen. Das große Finale unter Flutlicht, der Goldene Adler scheinbar zum Greifen nah – und seit Platz acht am Bergisel doch wieder ein ganzes Stück entrückt. Im Salzburger Land muss für den 26 Jahre alten Allgäuer schon alles passen, um den großen Sehnsuchtstraum nach einem deutschen Tourneesieger seit 18 Jahren doch noch zu verwirklichen.

Vierschanzentournee

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