https://www.faz.net/-gtl-9v30t

Finale der Vierschanzentournee : Der spannende Vierkampf um den großen Triumph

  • -Aktualisiert am

Will noch einmal alles geben: Karl Geiger in Bischofshofen Bild: dpa

Nach dem turbulenten Springen in Innsbruck verspricht die Vierschanzentournee noch mehr Spannung. Karl Geiger ist immer noch im Rennen – doch in Bischofshofen erwarten ihn drei hartnäckige Konkurrenten.

          4 Min.

          Sieben Meter achtunddreißig. Sind die in zwei Durchgängen überhaupt aufzuholen? Vor dieser Frage steht Karl Geiger vor dem großen Showdown an diesem Montag (17.15 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Vierschanzentournee und in der ARD sowie bei Eurosport) in Bischofshofen. 7,38 Meter fehlen dem Oberstdorfer Skispringer, um auf der Paul-Außerleitner-Schanze seinen Rückstand auf den neuen Spitzenreiter der Vierschanzentournee wettzumachen. Auf den Polen Dawid Kubacki, der am Samstag am Bergisel in Innsbruck nach einem turbulenten Wettkampf der lachende Dritte des vermeintlich großen Duells zwischen Geiger und dem bis dahin führenden Japaner Ryoyu Kobayashi war. An einem Tag, an dem die scheinbar zementierten Kräfteverhältnisse noch einmal kräftig durcheinandergeraten waren.

          Und Geiger, der leicht zurückgefallen ist, muss jetzt von Position drei aus seine Chance suchen. Bei der Qualifikation für das letzte Springen gelang das noch nicht – Geiger belegte am Sonntag nur den 16. Platz und war damit der Schwächste aus dem Quartett. Seinen Optimismus ließ sich der 26-Jährige am Sonntag dennoch nicht nehmen: „Das war jetzt mal zum warm werden. Morgen zählt’s dann“.

          Bis Samstag war die Vierschanzentournee für den 26-Jährigen bestens gelaufen. Zweiter Platz bei seinem Heimspringen in Oberstdorf, zweiter Platz in Garmisch-Partenkirchen. Der erste Sieg eines deutschen Skispringers bei der traditionsreichen Veranstaltung nach 18 Jahren, als Sven Hannawald als Erster alle vier Springen gewinnen konnte, schien in greifbarer Nähe. Bei der Siegerehrung im Auslauf der Olympiaschanze hatte der 26-Jährige schon einmal Blickkontakt mit dem goldenen Adler aufgenommen. Das Objekt der Begierde stand neben dem Podest. Es war nur ein schüchterner Blick, den er auf die Trophäe warf. „Der Adler sieht wirklich schön aus“, sagte er, „aber vorerst gilt: Nur gucken, nicht anfassen.“

          „Nie der impulsive Typ“

          Trotz seines Höhenfluges wirkte der 1,83 Meter große Athlet stets sehr kontrolliert. Unbändige Emotionen, wie sie etwa sein Zimmerkollege Markus Eisenbichler bei seinen drei WM-Siegen im Frühjahr in Seefeld gezeigt hatte, sind nicht seine Art. „Das entspricht nicht seiner Persönlichkeit“, charakterisiert ihn Stefan Horngacher, „Karl war noch nie der impulsive Typ.“ Und nach einer kurzen Pause ergänzt der Bundestrainer: „Wer sich zu sehr freut, verbraucht zu viel Energie.“ Wenn sich einer mit Energie auskennt, dann Geiger, der kurz vor der Tournee sein Studium der Umwelt- und Energietechnik an der Hochschule Kempten mit dem Bachelor abgeschlossen hat.

          Die drei von Innsbruck: der zweitplatzierte Dawid Kubacki, derzeit Gesamtführender, neben Sieger Marius Lindvik und Daniel-André Tande (von links)
          Die drei von Innsbruck: der zweitplatzierte Dawid Kubacki, derzeit Gesamtführender, neben Sieger Marius Lindvik und Daniel-André Tande (von links) : Bild: Imago

          Dieser Charakterzug hat ihm in Innsbruck geholfen. Denn auf der Bergiselschanze, auf der er im Frühjahr bei der WM Zweiter im Einzel geworden und mit dem Team den Titel gewonnen hatte, erlebte er einen ernüchternden Moment: nur 117,5 Meter im ersten Durchgang. „Der Sprung war nicht die feinste Klinge,“, sagte er. Hinzu kamen schlechte Bedingungen. Der Traum vom Tourneesieg schien jäh geplatzt. Geiger verzog nur kurz sein Gesicht. Das war schon genug Gefühlsregung. Danach konzentrierte er sich auf den zweiten Durchgang, der ihm mit 126 Metern dann wieder gut gelang. Platz acht am Ende war Schadensbegrenzung. Zwar war er in der Gesamtwertung auf Rang drei zurückgefallen, und der Rückstand zum Spitzenreiter, dem Polen Dawid Kubacki, beträgt genau diese 7,38 Meter.

          Keine Frage, was das für Geiger bedeutet: volles Risiko. „Ich weiß: Es ist möglich, die Form stimmt“, sagt der Oberstdorfer. Heftiger als den Deutschen hatte es Ryoyu Kobayashi getroffen. Der Japaner, im Vorjahr mit vier Einzelsiegen noch umjubelter Triumphator und bei dieser Ausgabe Gewinner des Auftaktspringens, landete in Innsbruck nur auf Platz 14. Damit konnte der 23-Jährige zwar seine Führung im Weltcup verteidigen, aber nach sechs Springen nacheinander als Führender in der Tournee-Gesamtwertung fand er sich auf Rang vier wieder.

          Ohne bislang groß aufzufallen, hat nun Kubacki die Führungsrolle übernommen. Der 29-jährige Pole war bei den ersten beiden Springen Dritter hinter Geiger und schaffte es in Innsbruck als Zweiter wieder aufs Podest. Ein Sieg fehle ihm noch, sagte er. „Ich werde versuchen, das zu erledigen.“ Das muss er gar nicht, denn es gab in den 67 Austragungen acht Springer, die die Tournee auch ohne Tagessieg gewonnen haben. Und die Chancen auf den großen Erfolg stehen nicht schlecht für den Springer aus Zakopane. Bei 22 der vergangenen 25 Austragungen wurde der Athlet Gesamtsieger, der nach Innsbruck in Führung gelegen hatte.

          Horngacher verfolgt die Auftritte der Konkurrenz aufmerksam. Nach Geigers Patzer in Innsbruck stellte der 50-jährige Coach fest: „Dawid hat noch keinen Fehler gemacht, eigentlich wäre jetzt der Kubacki dran.“ Nicht dass er dem 1,80 Meter großen Springer einen Ausrutscher gönnen würde, schließlich war Horngacher vor seinem Engagement beim Deutschen Skiverband drei Jahre Cheftrainer des polnischen Teams. Und er schätzt Kubacki sehr. Während dieser Tournee hat der Bundestrainer seinen ehemaligen Schüler, mit dem er vor elf Monaten den WM-Sieg von der kleinen Schanze bejubeln konnte, und Geiger verglichen. „Beide sind von der Statur her ähnlich große Springer, haben ähnliche Hebelverhältnisse“, urteilte er. Und fügte nach einer kurzen Pause noch an: „Wobei ich den Karl höher einschätze als den Dawid.“ Nicht abschreiben sollte man im großen Finale aber den kleinen Ryoyu Kobayashi. Auch wenn der 23 Jahre alte Japaner hinter Geiger zurückgefallen ist, beträgt dessen Abstand auf Spitzenreiter Kubacki nur etwa siebeneinhalb Meter. Und der Dominator der vergangenen Tournee weiß, dass auf schlechte Zeiten schnell wieder gute folgen können.

          Das Problem mit der Bindung

          Doch der Showdown dieser 68. Tournee beschränkt sich nicht nur auf den Dreikampf zwischen Kubacki, Geiger und Kobayashi. Plötzlich ist nämlich ein junger Norweger aufgetaucht und mischt die Szene auf. Marius Lindvik hat sowohl auf der Olympiaschanze in Garmisch-Partenkirchen als auch auf der Bergiselschanze gewonnen, obwohl er dort noch nie gesprungen war. Das gilt auch für Bischofshofen. So frech und unbekümmert sich der 21 Jahre alte Skandinavier auf den Schanzen präsentiert, so zurückhaltend ist er abseits davon. „Ich bin sehr scheu“, beschreibt er sich selbst. Was sein Teamkollege Daniel-André Tande bestätigt. „Er ist ein sehr ruhiger und entspannter Typ, der morgens unheimlich lange schläft“, sagte der Dritte des Innsbruck-Springens. Trotzdem sei Lindvik ausgeschlafen genug, sich den Gesamtsieg zu holen.

          Tande war der Springer, der in Bischofshofen bislang den größten Absturz erlebt hat. Vor drei Jahren war der 25-Jährige als Spitzenreiter angereist. Doch das große Ziel vor Augen, hatte er in der Aufregung vor dem letzten Versuch seine Bindung nicht richtig geschlossen. Er verspielte damals nicht nur seinen Vorsprung, so dass Kubackis Landsmann Kamil Stoch Gesamtsieger wurde, sondern fiel noch auf Platz drei zurück. Mittlerweile kann er über dieses Missgeschick mit einer Prise Humor sprechen. „Marius sollte auf alle Fälle seine Bindung sehr penibel überprüfen“, rät Tande seinem jungen Kollegen.

          Weitere Themen

          Fußballprofi beleidigt Trainer homophob

          Eklat nach Spiel : Fußballprofi beleidigt Trainer homophob

          Flamur Kastrati spielte einst in Deutschlands zweithöchster Fußballklasse – und das für gleich mehrere Vereine. Nun ist er Profi in der ersten norwegischen Liga. Dort sind ihm nach einem Spiel alle Sicherungen durchgebrannt.

          Topmeldungen

          Der Friseur Vic McCoy lebt seit mehr als 40 Jahren in Detroit im Bundesstaat Michigan.

          Wahl in Amerika : Wie Afroamerikaner über Trump denken

          Schwarze Amerikaner könnten die Wahl entscheiden. „Was zum Teufel habt ihr zu verlieren?“, fragte sie Donald Trump noch vor vier Jahren. „Unser Leben“, sagt eine Aktivistin heute. Ein Ortsbesuch in Cleveland und Detroit.
          Wenn Software in die Tasten greift, klingt das Resultat schon mal wie der Aufsatz eines Teenagers, der zu viel Nietzsche gelesen hat.

          Künstliche Intelligenz : Ein algorithmischer Alleskönner

          Ein Computerprogramm lernt Texte perfekt zu vervollständigen und kann dann plötzlich noch viel mehr. Wie schafft es das? Und was passiert, wenn die KI zu gut wird?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.