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Vierschanzentournee : "Einfach hin, voll reingehen, sauber durchziehen"

  • -Aktualisiert am

Einfach durchziehen: Martin Schmitt in der Qualifikation Bild: AP

Die deutschen Skispringer haben zu Beginn der Vierschanzentournee in Oberstdorf die Krisendiskussion abgeschüttelt.

          3 Min.

          Wolfgang Steiert wirkt manchmal wie ein in die Ecke gedrängter Boxer. Seine Konter kommen dann etwas unkontrolliert. Daß er als Bundestrainer der deutschen Skispringer noch immer auf den ersten Sieg wartet - diese Feststellung kurz vor dem Auftakt der Vierschanzentournee in Oberstdorf nimmt der vierzigjährige Schwarzwälder übel: "Ich habe schon als Assistent von Reinhard Heß Siege eingefahren, als er nicht dabei war, und ich die Mannschaft alleine betreut habe." Steiert wird nun jedoch in einem neuen Licht gesehen, und das scheint er noch immer nicht ganz begriffen zu haben. Wie schon in Titisee-Neustadt, beim ersten deutschen Weltcupspringen Mitte Dezember, erscheint er über die Maßen angespannt, und es gelingt ihm nicht, glaubhaft zu machen, daß er die zurückliegenden vier Wochen mit Wetterkapriolen und schwierigen Wettkämpfen abgehakt habe. Genervt verteilt er Spitzen, beklagt die Darstellung des Skispringens in der Öffentlichkeit und trifft diesmal die ARD. Dort habe man doch nur Stürze gezeigt. Die Disziplin sei sehr schlecht weggekommen - und das ja nur, weil es wegen des unberechenbaren Windes so wenig Sport und so viel Leerlauf gegeben habe. Drei Wettkämpfe sind ausgefallen, die übrigen fünf eher quälend als mitreißend verlaufen. Über viele Themen, von Magersucht bis Materialproblemen, wäre gar nicht erst geredet worden, hätten reguläre Springen stattgefunden, behauptet der Trainer.

          "Siege kann man nicht erzwingen. Ich freue mich auch über zweite oder dritte Plätze, wenn die Athleten dabei ihr High-Level erreichen", sagt Steiert. Sven Hannawald nennt er neben dem Polen Adam Malysz und dem Vorjahressieger, Janne Ahonen aus Finnland, als "Topfavoriten" der 52. Vierschanzentournee. "Wir haben Potential in der Mannschaft", versichert der Bundestrainer, "und auch wieder Springer im Anschlußbereich". Damit meint er, daß Hannawald und Martin Schmitt nicht alleine die deutschen Hoffnungen tragen müssen. Maximilian Mechler, Georg Späth und Michael Uhrmann zählt Steiert ebenfalls zu den aussichtsreichen Aktiven. Mit den Plätzen drei, vier und fünf für Mechler, Hannawald und Uhrmann war seinem Team beim Weltcup in Trondheim vor knapp vier Wochen das bislang beste Saisonresultat gelungen. Am 6. Januar mit vier, fünf Springern in der Tournee-Gesamtwertung unter den besten fünfzehn zu liegen, nennt Steiert als Ziel. "Ich habe viele Erfahrungen gemacht in meinem ersten Weltcup-Monat als Bundestrainer. Die Wichtigste: Es gibt immer neue Überraschungen."

          Eine Überraschung liegt hinter allen Springern - im Training und in der Qualifikation durften sie die umgebaute Oberstdorfer Schattenbergschanze nicht nur in Augenschein nehmen, sondern endlich ausprobieren. Alle acht Deutschen, mit neuen Anzügen ausgestattet, meisterten mit ähnlichen Weiten die erste Hürde und sind geschlossen beim Auftaktwettkampf dabei. Martin Schmitt, bislang im Weltcup enttäuschend, wirkte blendend erholt. Mit 130,5 Metern gelang ihm in seinem Team die größte Weite. Daß der Norweger Sigurd Pettersen seinen alten Schanzenrekord (133 Meter) um einen Meter verbesserte, kommentierte Schmitt gut gelaunt: "Es sei ihm gegönnt." Späth hatte das Privileg gehabt, zur offiziellen Eröffnung der Anlage springen zu dürfen. Kurz vor dem Feuerwerk schwang er sich in die Tiefe, etwas vorsichtig, wie er später zugab: "Ich konnte den Anlauf selbst bestimmen und hätte etwas mehr Fahrt gebraucht. Es ging nicht so weit, wie ich gehofft hatte." Weil er die Anspannung aller Verantwortlichen für den Schanzenbau beobachtet hatte, war auch sein Wagemut begrenzt. "Ich denke die Schanze kommt unserem Sprungstil, wenn es so etwas überhaupt gibt, entgegen", urteilte Späth. Deutsche Springer haben die letzten fünf Oberstdorfer Tourneespringen gewonnen. "Der Anlauf ist flacher, die Flugkurve auch. Man fliegt schön am Hang entlang."

          Die Annäherung an die mächtige Schanze war unterschiedlich. Während Schmitt eine schnörkellose Variante wählte ("einfach hin, gleich voll reingehen, sauber durchziehen"), sagte der Schweizer Andreas Küttel, man müsse sich anfreunden, einen Bezug herstellen. "Auf Schanzen, die einem liegen, kann man Fehler machen und trotzdem weit springen", erläuterte Küttel. Sprungschanzen werden durch Um- oder Neubauten zwar immer ähnlicher - aber leichter wird der Sport deshalb nicht. "Ich hoffe auf zehn schöne Tage", sagte Hannawald, "aber das kann man nicht planen. Das ergibt sich." Auf deutsche Tournee-Erfolge der Vergangenheit könne man nicht bauen. "Wir gehen nicht mit der Haltung an den Start: Da geht nichts schief. Man muß sich vom Schicksal leiten lassen", formulierte Hannawald pathetisch. "Im Hinterhirn" sei sein Idealbild eines Sprunges gespeichert. "Das hat jeder, der in seiner Karriere schon einmal gut gesprungen ist. Leider ist es mir in dieser Saison noch nicht gelungen, dieses Bild auch im Wettkampf zu zeigen."

          Hannawald beteuerte, die "Krisendiskussion" der zurückliegenden Wochen in der Weihnachtspause abgeschüttelt zu haben. "Ich habe noch immer Lust, es ist doch genial hier in Oberstdorf mit den Zuschauern. Ich hoffe, daß die besseren Zeiten jetzt anfangen." Es müsse Schluß sein mit dem Lamentieren übers Wetter, forderte Hannawald: "Wir können den Wind nicht abschalten oder woanders hinblasen lassen. Damit müssen wir leben. Wir können ja nicht noch ein Zelt über jede Schanze bauen."

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