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Forsche Töne der Skispringer : „Wir sind die Besten“

Springt um den Titel mit: Karl Geiger bei der Vierschanzentournee Bild: dpa

Dampf im Kessel: Karl Geiger ist bei der Vierschanzentournee in Form und hat großen Hunger. Nicht nur deshalb aber lässt sich der Bundestrainer zu einem erstaunlichen Statement hinreißen.

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          Zurück zu den Wurzeln – und auf zu neuen Gipfeln? Vier Jahre lang haben die deutschen Skispringer einen Bogen um ihr altes Stammquartier gemacht. Doch jetzt sind sie wieder da. Hoch oben über Innsbruck, in Lans, nicht weit vom Bergisel entfernt, wo die Schanze steht, von der Karl Geiger auch an diesem Samstag weit fliegen und sicher landen will. Nach Halbzeit der Vierschanzentournee liegt der Oberstdorfer im Kampf um den Goldenen Adler bestens im Rennen. Nur 6,3 Punkte trennen ihn vom derzeitigen Gesamtführenden, dem japanischen Titelverteidiger Ryoyu Kobayashi.

          Dass der einstige Überflieger doch schlagbar ist, hat Geiger in Garmisch-Partenkirchen gezeigt. Vom zweiten Sprung, der den 26 Jahre alten Allgäuer bis auf 141,5 Meter hinuntertrug, schwärmte Stefan Horngacher noch am Tag danach. „Das ist schon außergewöhnlich, was Karl macht“, sagte der Bundestrainer, der in Lans eine erste Bilanz zog. Besonders gefiel dem 50 Jahre alten Tiroler, „dass wir die beste Nation sind“.

          Drei unter den besten zehn

          Beim Neujahrsspringen schafften mit Geiger, Constantin Schmid (Siebter) und Markus Eisenbichler (Zehnter) gleich drei seiner Sportler den Sprung unter die besten zehn. „Das ist eine unglaublich hohe Leistung.“ Horngacher imponiert, dass sich der gerade 20 Jahre alt gewordene Schmid „auf ein höheres Niveau gebracht hat“ und dass Dreifach-Weltmeister Eisenbichler „immer besser in Form kommt“. Sechster im Gesamtklassement ist Eisenbichler schon. Eine erstaunliche Entwicklung, denn Eisenbichler war zuletzt in eine veritable Formkrise geraten. Doch sowohl der Skispringer als auch sein Trainer wussten: „Bei ihm kann es ganz schnell geben. Es braucht nur Kleinigkeiten“, so Horngacher, der mit weiteren guten Sprüngen rechnet. „Er ist auf dem Weg nach vorn.“

          Überwiegend zufrieden mit seiner Mannschaft: Bundestrainer Stefan Horngacher

          Ganz vorn – da ist Geiger. Der Skispringer aus dem Allgäuer Tal der Schanzen, der ebenso wie auch der Rest des Teams mit den Anforderungen der Vierschanzentournee bislang glänzend zurechtkommt. Horngacher weiß aus seiner langjährigen Erfahrung: „Bei der Tournee sind Anspannung und Stress irrsinnig hoch.“ Da gelte es, in den Trainingseinheiten zwischen den vier Springen die rechte Balance zu finden. „Es geht um das Entspannen, damit man richtig runterfährt.“ Jeder hat da zusätzlich spezielle Methoden. Geiger beispielsweise sagte am Donnerstag, dass er nach seinem abermaligen zweiten Platz das große Bedürfnis verspürt habe, seinen großen Hunger zu stillen. „Ich habe in Garmisch etwas Warmes gegessen und nach der Ankunft in Lans gleich noch einmal.“ Doppelschlag am Neujahrstag. Geiger sprach in der Rückschau von einem „ganz besonderen Tag“ und einem „coolen Wettkampf“.

          Zum polnischen Garmisch-Dritten Dawid Kubacki, der auch im Gesamtklassement mit 2,2 Punkten Rückstand hinter Geiger liegend Dritter ist, sieht Horngacher Parallelen zu seinem Spitzenspringer. „Beide haben die ähnlichen Hebelverhältnisse und den ähnlichen Oberkörper. Doch Karl schätze ich höher ein“, sagt der einstige polnische Weltmeister- und Vierschanzentourneesieger-Trainer Horngacher. Ihm imponiert vor allem, wie sich Geiger in den Tagen des großen Medieninteresses und des Trubels an den Schanzen präsentiert. „Es hat schon mit seiner Persönlichkeit zu tun, wenn er unmittelbar nach dem Sprung nicht zu viele Emotionen rausgibt, denn auch das kostet viel Energie. Karl weiß schon, um was es geht.“ Es geht um die Chance, den kleinen großen Kobayashi weiter zu ärgern. Vom Tourneesieg spricht der rationale Analytiker Horngacher nicht. Dazu ist er zu lange im Skisprung-Geschäft dabei und weiß: „Erst wenn der letzte Springer in Bischofshofen unten ist, wissen wir, wer die Tournee gewonnen hat.“

          Der beste, den es je gegeben hat

          Was jedoch unstrittig ist: Die Zuschauer der 68. Vierschanzentournee bekommen den besten Geiger zu sehen, den es je gegeben hat. „Es zählt nur der Sprung und die Technik, und da wird Karl immer besser“, sagte Horngacher in Lans. Wenige Kilometer nur sind es von dort bis zur Bergisel-Schanze, an die die deutschen Skispringer gute und frische Erinnerungen haben. Vor knapp elf Monaten haben die deutschen Adler dort fette Beute gemacht. Die Mannschaft mit Eisenbichler, Geiger, Stephan Leyhe und Richard Freitag wurde Weltmeister. Und auch im Einzel gab es beim Springen von der Großschanze die deutsche Hymne zu hören. Eisenbichler triumphierte, Geiger wurde Zweiter.

          Die alten Geschichten, deutsche Skispringer hätten nach manchem Sturz nicht ihren Frieden mit Bergisel geschlossen – es sind wirklich alte Geschichten. „Für uns ist es völlig egal, auf welcher Schanze wir springen“, sagte Horngacher im Vorgriff auf die Qualifikation an diesem Freitag (ab 14.00 Uhr) sowie auf die Entscheidung beim dritten Tourneespringen am Samstag. „Es zählt nur der Tag X. Und Karl ist topfit.“

          Geiger selbst erinnerte sich am Ruhetag an dieses „Wahnsinnswochenende“. Der Himmel war stahlblau, der Blick über Innsbruck bis hoch zur Nordkette ungetrübt. „Die Stimmung schwappte hoch“, sagte Geiger, der weiß: Die von weitem sichtbare Schanze am Bergisel ist aufgebaut wie ein Kessel. Horngacher war zuletzt als Chefcoach der Polen in diesem Kessel, und nun kehrt er als neuer Bundestrainer zurück und verbreitet Optimismus. „Die Schanze sollte für uns kein Problem sein.“ Zumal sich sein bester Mann während der ersten beiden Springen weiter gesteigert hat.

          Geiger ebenso wie Horngacher ist bewusst, dass die Anfahrtshocke die Achillesferse des derzeitigen Tourneezweiten ist. „Bei Karl geht es extrem über die Anfahrtsposition. Aber er hat schon zu neunzig Prozent umgesetzt, wie wir uns das vorstellen.“ Jetzt gehe es nur noch um geringe Nuancen für das Gefühl beim Runterfahren. Das Gefühl für das Springen, Fliegen und Landen stimmt. Und darauf setzt das deutsche Team um Spitzenmann Geiger auch in Innsbruck.

          Vierschanzentournee

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