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Vierschanzentournee : „Katastrophaler Wettkampf“ für Deutsche

  • -Aktualisiert am

Severin Freund und die deutschen Springer enttäuschen beim Start der Vierschanzentournee Bild: dpa

Im zweiten Versuch kann die Vierschanzentournee in Oberstdorf doch noch starten. Der Österreicher Stefan Kraft siegt. Die Deutschen hingegen erwischen einen schwarzen Tag und büßen alle Chancen auf den Gesamtsieg ein.

          3 Min.

          „Hiltrud“ ist die Puste ausgegangen. Das Tiefdruckgebiet gleichen Namens, das weite Teile Deutschlands übers Wochenende in seinem eiskalten Griff gehalten hatte, verlor im Laufe des Montags zumindest im Allgäu dann doch soweit an Einfluss, dass das Auftaktspringen der Vierschanzentournee mit Verspätung nachgeholt werden konnte.

          Marc Heinrich
          Sportredakteur.

          Für den Österreicher Stefan Kraft lohnte sich das Warten in Oberstdorf besonders: Der erst 21 Jahre alte Nobody, der zuvor noch keinen Weltcup für sich entscheiden konnte, setzte sich am Abend mit 136,5 und 129 Metern vor seinem Landsmann Michael Hayböck (137,5, 132,5 Meter) sowie dem Slowenen Peter Prevc (139,5, 125,5) durch – und konnte anschließend lächelnd auf die Wetterkapriolen vom Sonntag zurückblicken. Für ihn wurde ein Kindheitstraum wahr: „Es hat noch nie so viel Spaß gemacht. Was Schöneres hätte ich mir nicht wünschen können.“

          Deutsche Springer bleiben ruhmlos

          Die deutschen Teilnehmer erfüllten ihre selbst formulierten Erwartungen nicht. Sie konnten allesamt ihre guten Trainingsleistungen nicht bestätigen. Besonders Severin Freund wurde seiner Rolle als Mitfavorit nicht gerecht und erlebte einen empfindlichen Rückschlag. Nach zwei verkorksten Vorstellungen reichte es für den Skiflug-Weltmeister in der Endabrechnung lediglich zum 13. Platz (126, 124,5). Seine Chancen auf den angepeilten Gesamtsieg sind damit frühzeitig dahin. Die Schuld für seine schwache Vorstellung suchte er anschließend nur bei sich selbst: „Schade“, sagte der Athlet vom DJK Rastbüchl, „besonders der erste Sprung war nix.“

          Ebenso unbefriedigend fiel das Fazit von Richard Freitag (SC Aue) aus, der nur 15. wurde. „Da fehlte einiges“, ordnete der Sachse seine Darbietungen treffend ein (124,5, 125): „Keine Ahnung, warum das so lief, es ist ärgerlich.“ Marinus Kraus (Oberaudorf, 18.), Stephan Leyhe (Willingen, 19.) und Michael Neumayer (Berchtesgaden, 25.) bekleckerten sich ebenfalls nicht mit Ruhm.

          Schuster: „Katastrophaler Wettkampf“

          Bundestrainer Werner Schuster, der zuvor den Optimismus geschürt hatte, war anschließend restlos bedient: „Das war ein katastrophaler Wettkampf“, bilanzierte er. „Ich hätte es mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können, dass gerade unsere beiden Topleute so schlecht Skispringen können. Wir sind kläglich gescheitert.“ Das Leben, sinnierte der Chefcoach, „hält doch immer wieder Überraschungen parat“. Auch unschöne. Für den nächsten Auftritt in Garmisch-Partenkirchen hoffte Schuster, dass sich sein Team dann von seiner besseren Seite präsentieren wird: „Wir müssen es ganz schnell abhaken und das Ding drehen. So geht es nicht.“

          So sehen Sieger aus: Stefan Kraft gewinnt das Springen in Oberstdorf Bilderstrecke
          Vierschanzentournee : Vierschanzentournee

          Die Bedingungen auf der Schattenbergschanze am Fuße des Nebelhorns waren bei der Wiederholung nicht optimal, aber spürbar besser als 24 Stunden zuvor, als fünfzig Sportler, ihre Betreuer und mehr als zwanzigtausend Zuschauer nach einer stundelangen Geduldsprobe unverrichteter Dinge wieder abziehen mussten. Neuschnee fiel auch diesmal wieder reichlich, rund acht Zentimeter seit dem Morgen, doch die Räumdienste auf und neben der Sprunganlage, den Zufahrtswegen und Tribünen leisteten bei ihren Überstunden ganze Arbeit, so dass ein reibungsloser Ablauf gewährleistet wurde.

          Der Wind, der das Programm im ersten Anlauf vollends durcheinandergewirbelt hatte, wehte nur noch vergleichsweise lau; bis zu vier Meter pro Sekunde wurden rund um den Schanzentisch gemessen – das war nur noch halb so viel wie während der vorangegangenen Hängepartie. „Nicht einfach, aber machbar“, so fasste Walter Hofer, der verantwortliche Renndirektor  des Internationalen Skiverbandes (Fis), die Ausgangslage zusammen.

          Auf dem Turm wiederum kümmerten sich fünfundzwanzig Helfer in zwei Schichten mit Laubbläsern darum, dass die Anlaufspur – so gut es möglich war – frei von Flocken blieb. Ein dutzend Mann starkes „Tretkommando“ trampelte außerdem immer wieder mit seinen Ski die Oberfläche des Aufsprung-Hangs platt. Dennoch blieb der Zielbereich, wo die Athleten mit einer Geschwindigkeit von bis zu hundert Kilometern pro Stunde aufsetzten, eine Problemzone: Der sich ansammelnde Schnee bremste sie so abrupt, dass manche von ihnen Mühe hatten, das Gleichgewicht beizubehalten.

          Auch Ammann ist aus dem Rennen

          Simon Ammann verlor bei der Landung nach 133 Metern die Kontrolle und stürzte kopfüber zu Boden. Der 33 Jahre alte Schweizer Olympiasieger, der schon zweimal Zweiter und zweimal Dritter bei der Tournee war und diesmal die Attacke auf den ersten Rang ausgerufen hatte, musste sich durch den Ausrutscher aufs Neue von seinem letzten unerfüllten Karriereziel verabschieden. „Es ist gelaufen und das ist extrem ärgerlich“, sagte er danach frustriert. Ammann hatte bei seinem Fall Glück im Unglück, verletzte sich nicht und trottete ohne Unterstützung der herbeigeeilten Sanitäter davon – mit einem enttäuschten Gesicht, von dem ihm keine Tränen, jedoch Wassertropfen des schmelzenden Schnees herunterliefen.

          Nun hat der gesamte Tournee-Tross zwei Tage Zeit, sich vom aufregenden Aufenthalt in Oberstdorf zu erholen. Vor allem die Deutschen werden die Erholungspause benötigen. Das zweite Springen, in Garmisch-Partenkirchen, findet an Neujahr statt. Sofern dort dann das Winterwetter mitspielt.

          1. Springen der Vierschanzentournee in Oberstdorf

          1. Stefan Kraft (Österreich) 291,9 Pkt. (136,5/129,0 m);
          2. Michael Hayböck (Österreich) 285,0 (137,5/132,5);
          3. Peter Prevc (Slowenien) 283,9 (139,5/125,5);
          4. Kamil Stoch (Polen) 274,9 (129,0/131,0);
          5. Andreas Kofler (Österreich) 274,8 (135,5/126,0);
          6. Anders Fannemel (Norwegen) 270,7 (128,5/131,0);
          7. Roman Koudelka (Tschechien) 265,3 (131,0/127,0);
          8. Noriaki Kasai (Japan) 264,3 (137,5/123.0);
          9. Daiki Ito (Japan) 262,5 (128,0/128,0)
          9. Jernej Damjan (Slowenien) 262,5 (126,5/130,5);

          ...13. Severin Freund (Rastbüchl) 255,0 (126,0/124,5);
          15. Richard Freitag (Aue) 251,4 (124,5/125,0);
          18. Marinus Kraus (Oberaudorf) 246,9 (129,0/118,0);
          19. Stephan Leyhe (Willingen) 241,8 (120,0/119,5);
          22. Daniel Wenig (Berchtesgaden) 236,1 (116,0/119,5);
          25. Michael Neumayer (Oberstdorf) 230,2 (124,5/123,0);
          38. Karl Geiger (Oberstdorf) 104,8 (115,5);
          39. Andreas Wank (Hinterzarten) 104,6 (115,5);
          44. Markus Eisenbichler (Siegsdorf) 87,0 (107,0);
          47. Tim Fuchs (Degenfeld) 76,7 (103,0)

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